http://www.faz.net/-gwz-90odx

Hochwasserschutz : Unpünktliche Fluten

  • -Aktualisiert am

Land unter an der Leine bei Neustadt am Rübenberge. Eine echte Herausforderung für Ingenieure. Bild: dpa

Hochwasser werden in Europa von Mal zu Mal unberechenbarer. Ihr Auftreten hat sich zeitlich um mehrere Wochen verschoben. Forscher sehen eine Ursache im Klimawandel. Was kann man technisch dagegen tun?

          Der Juli dieses Jahres hat es, was schlechtes Wetter anbelangt, unter die Top Ten geschafft. 130 Liter Regen fielen hierzulande im Schnitt auf jeden Quadratmeter. Nach Auskunft des Deutschen Wetterdienstes qualifizierte er sich damit für einen Platz unter den zehn regenreichsten Julimonaten seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881. Einen erheblichen Beitrag dazu leistete Tief „Alfred“. In Niedersachsen sorgte es für starke Regenfälle, die in Wolfenbüttel einen Katastrophenalarm auslösten und in Goslar den als Weltkulturerbe geführten Marktplatz unter der Wasseroberfläche verschwinden ließen. Anfang des Jahres hatte im Norden bereits das Tief „Alex“ für Wassermassen gesorgt.

          Dabei war das Jahr noch ruhig, wenn man es etwa mit dem Jahr 2013 vergleicht, als Hochwasser im Juni mindestens 25 Todesopfer in Mitteleuropa forderten. Ähnlich verheerend wirkten sich das Alpenhochwasser im Jahre 2005 und das mitteleuropäische Hochwasser von 2002 aus. So hat die Mitte des Kontinents im noch jungen 21. Jahrhundert bereits drei Flutkatastrophen erlebt, denen man das Prädikat „Jahrhunderthochwasser“ zuschreiben kann.

          Ist der Klimawandel schuld?

          Was ist da los? Man könnte wie üblich dem Klimawandel die Schuld geben. Schließlich gilt er als Hauptverdächtiger, wenn es darum geht, eine Häufung von Wetterextremen zu erklären. Allein – aus wissenschaftlicher Sicht ist das beim Hochwasser nicht so einfach. „Das Problem ist, dass deren Größe nicht nur mit dem Klima zusammenhängt, sondern beispielsweise auch mit den Änderungen in der Landnutzung, mit Flussbebauungen und Flussbegradigungen“, sagt Günter Blöschl, Hydrologe von der Technischen Universität Wien. Diese Faktoren lassen sich kaum auseinanderdröseln, weshalb es schwerfällt, den Einfluss des Klimawandels auf das Hochwasser in Europa direkt aufzuzeigen. Doch genau das hatte sich Blöschl zum Ziel gesetzt. Dafür musste er erst einmal eine neue Methode finden.

          Sein Augenmerk fiel auf die zeitlichen Verschiebungen der Hochwassersaison. Er wollte untersuchen, wann die Flüsse Europas ihren höchsten Pegelstand erreichen und wie sich dieser Wert in den letzten Jahrzehnten verschoben hat. Keine einfache Aufgabe, denn bei den Pegelmessungen gibt es keine gemeinsamen internationalen Standards. „Das macht jedes Land, jede Provinz für sich“, erklärt Blöschl. Bayern etwa misst unabhängig von Hessen, nutzt andere Mittel, einen geregelten Datenaustausch gibt es nicht. Gemeinsam mit mehr als vierzig anderen Forschern sammelte Blöschl nun Daten aus 4262 Messstationen in 38 Ländern, arbeitete diese Informationen auf und erstellte damit erstmals einen hydrologischen Datensatz für die europäischen Hochwasser zwischen 1960 und 2010. Die Ergebnisse wurden in der vergangenen Woche in „Science“ präsentiert.

          Zu früh oder zu spät - Überschwemmungen kommen nie gelegen

          Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass sich Hochwasser zeitlich mitunter um mehrere Wochen verschoben haben. Sie liefern auch Hinweise auf die Ursachen dieses Phänomens. Im Nordosten Europas, in Schweden, Finnland und in den baltischen Regionen, treten Hochwasser heutzutage einen Monat früher auf als noch in den Sechzigern. Das liegt daran, dass der Schnee in diesen Gegenden früher schmilzt. Rund um die Nordsee hingegen kommen die Hochwasser nun rund zwei Wochen später, was vermutlich an den Veränderungen der Nordatlantischen Oszillation liegt.

          Diese Schwankungen im Druckverhältnis zwischen dem Tiefdruckgebiet über Island und dem Hoch über den Azoren haben großen Einfluss auf das Wetter in Europa. Ihre Veränderung könnte dazu geführt haben, dass Winterstürme samt den damit einhergehenden Hochwassern nun später eintreten. An der Atlantikküste zwischen Südengland und Portugal wiederum treten die klassischen Winterhochwasser nun bereits im Herbst ein und damit deutlich früher. Diesmal sind es stärkere Regenfälle, welche die Böden schneller an die Grenzen der Wasseraufnahme bringen.

          Weitere Themen

          LKW-Fahrer wird mit Boot gerettet Video-Seite öffnen

          Hochwasser in Houston : LKW-Fahrer wird mit Boot gerettet

          Eine Fernsehreporterin sollte im amerikanischen Bundesstaat Texas über die Folgen von Sturm „Harvey“ berichten - und wurde zur Heldin. Sie alarmierte die Polizei und organisierte ein Boot, wodurch ein LKW-Fahrer aus den Fluten befreit wurde.

          Grüne: FDP steht für mehr Klimawandel Video-Seite öffnen

          Wahlkampf : Grüne: FDP steht für mehr Klimawandel

          Die Grünen haben die letzte Wahlkampfwoche mit einem Angriff auf die FDP begonnen. In Berlin zeigten sich die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir auf ihrem kleinen Parteitag den Mitgliedern.

          Topmeldungen

          Aufstieg bei den Konservativen : Der britischste aller Briten

          Jacob Rees-Mogg war schon immer anders. Mit fünf Jahren wurde er Mitglied der Tories, doch niemand sagte ihm eine große Karriere voraus. Nun steht er plötzlich im Rampenlicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.