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Umweltpolitik : Wie gerecht ist Klimaschutz?

Demoutensilien auf dem Klimagipfel in Bonn. Bild: GUELLAN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Keine Zeit zum Ausruhen: Die Umweltpolitik hat ihre Ziele formuliert, aber moralisch steckt sie in der Zwickmühle. Stehen sich Fortschritt und die Bekämpfung der Armut im Weg?

          Klimagerechtigkeit – was hat es mit diesem Begriff auf sich, der die ersten Tage des Bonner Klimagipfels und die Demonstrationen davor mehr geprägt hat als jeder andere? Ist die Gerechtigkeitsfrage mit dem neuen Weltklimavertrag etwa nicht gelöst worden? Prinzipiell war das Ziel, die Treibhausgase nicht nur stark zu reduzieren, sondern die Lasten der Reduktion weltweit auch gerecht zu verteilen, schon in der UN-Klimarahmenkonvention mit dem Prinzip der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“ formuliert worden. Im Pariser Vertrag wurde dann Klimagerechtigkeit erstmals ausdrücklich in der Präambel erwähnt. Und dennoch, so scheint es, ist keiner zufrieden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich haben sich die moralischen Ansprüche mit der beispiellosen Einigkeit und den Unterschriften von 196 Staaten unter den Weltklimavertrag noch massiv ausgeweitet. Klimagerecht handelt jetzt nur, wer mehr tut als die Lasten der Emissionsreduktion zu teilen. Ebenso sehr geht es um die Regelung von Klimarisiken und vor allem: um die Chancen auf die eigene Entwicklung. Fidschi, Gastgeber der diesjährigen Bonner Konferenz, hatte zusammen mit den anderen Entwicklungsländern früh die Klimagerechtigkeit als Leitbegriff verwendet. Jetzt kämpft man an allen Fronten dafür.

          Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt von weniger als 3 Dollar

          In Bonn geht es nun um die Ausgestaltung des „Grundgesetzes der Klimapolitik“ (Bundesumweltministerin Barbara Hendricks), und die wird vor allem den Industriestaaten mehr abverlangen, als das in den nationalen Klimazielen bisher abzulesen ist. Klimagerechtigkeit, das heißt nun einerseits: die Hausaufgaben ordnungspolitisch radikal durchzusetzen. Wer es zulässt, dass die eigenen freiwilligen Klimaziele verwässert werden, steht auf der amerikanischen Seite – der Seite der Klimaschutzverweigerer. Und andererseits heißt es auch: Die wirtschaftliche Aufholjagd der Entwicklungs- und Schwellenländer darf durch den Paris-Prozess nicht gefährdet werden. Verlierer darf es nicht geben.

          Das Vorhaben, extreme Armut bis zum Jahr 2030 weltweit zu beseitigen, steht an erster Stelle der „Sustainable Development Goals“.

          Tatsächlich jedoch ergeben sich daraus durchaus schwerwiegende Zielkonflikte. Etwa die Frage: Kollidieren radikale Energieeinsparungen womöglich mit dem von den im Vorjahr verabschiedeten UN-Nachhaltigkeitszielen, den „Sustainable Development Goals“? Das erste der siebzehn Ziele, die extreme Armut bis zum Jahr 2030 weltweit zu beseitigen, steht da an erster Stelle. Bis heute genießen lediglich 18 Prozent der Weltbevölkerung den Lebensstandard der sogenannten Ersten Welt. Die oberen zehn Prozent der Gutverdiener sind für 36 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, während 836 Millionen Menschen – das entspricht zwölf Prozent der Weltbevölkerung – lediglich vier Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen verschulden. 770 Millionen gelten als extrem arm, sie verdienen pro Tag im Schnitt weniger als 1,90 Dollar. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt von weniger als 2,97 Dollar.

          Von den Industrie-und Schwellenstaaten wird mehr verlangt

          Was, wenn diese Hälfte auf ihrem Anspruch auf schnellen Zugang zu Ressourcen und damit zu Energie besteht? Die Weltbank hat in früheren Berichten stets behauptet, Entwicklungsziele und Klimaziele müssten sich nicht ins Gehege kommen. Den Beweis blieb sie schuldig. Vier amerikanische Wissenschaftler um Klaus Hubacek von der University of Maryland, haben nun in „Nature Communications“ausgerechnet, ob es möglich ist, die extreme Armut „klimaneutral“ zu beseitigen und das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen. Fazit: Machbar ist es, aber der Preis ist klimapolitisch so hoch, dass er schon jetzt auf den Tisch muss.

          Um nämlich allein die Abermillionen Menschen, die weniger als zwei Dollar täglich verdienen, auf die nächst höhere Armutsstufe von drei Dollar zu heben und entsprechende Energieressourcen bereitzustellen, müssen die für das Zwei-Grad-Ziel angepeilten Emissionsminderungen (die mit den aktuellen freiwilligen Klimazielen meilenweit verfehlt werden) um weitere 27 Prozent verschärft werden. Heißt: Von den Industrie-und Schwellenstaaten wird klimapolitisch mehr verlangt.

          Das Bevölkerungswachstum übt gewaltigen Druck aus

          Eine Verschärfung verlangt zudem die Verbesserung der Lebenssituation in den Städten und Häusern: Auch die Ärmsten bestehen, wenn sie sich in Richtung Mittelklasse entwickeln, auf mehr „thermalen Komfort“, wie es Schweizer Experten in der Zeitschrift „MRS Energy & Sustainability“ bezeichnen. Keiner will frieren müssen, keiner will bei Hitze im Haus schwitzen. „Das Bevölkerungswachstum und die Erhöhung des ökonomischen Status in Ländern wie China, Brasilien und Indien üben einen gewaltigen Druck aus, Energiesparmaßnahmen einzuführen“, schreiben sie.

          Mit vierzig Prozent sind Gebäude vor dem Verkehr und Industrie mit je 25 Prozent Spitzenreiter des globalen Energiebedarfs. Um dreißig Prozent könne der Energiehunger mit Low-cost-Maßnahmen gesenkt werden – theoretisch. Praktisch ist davon nichts zu erkennen, weshalb die Schweizer Bauexperten ungeduldig warnen: „Es herrscht dringender Handlungsbedarf.“ In kaum einer Zahl verdichtet sich die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeitsansprüche so deutlich wie in einem jüngsten „Science“-Bericht über die Nebenwirkung einer erfolgreichen Entwicklungspolitik: Um 25 Millionen Kilometer würden sich, Experten zufolge, die Straßennetze bis zur Jahrhundertmitte ausweiten und Natur entsprechend zerstört – eine Straße, die ausreichen würde, die Erde sechshundertmal zu umrunden. Ausruhen scheint also für die Klimapolitik keine realistische Option. Mehr Tempo ist gefragt.

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