http://www.faz.net/-gwz-719eq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.07.2012, 06:00 Uhr

Seismischer Effekt Rätselhafte Radiowellen

Werden Erdbeben von Entladungen begleitet? In der Natur hat man widersprüchliche Beobachtungen gemacht. In einem Laborversuch ist der Befund jetzt eindeutig.

von
© Troy Shinbrot, Rutgers University Silmulation eines Erdbebens im Labor: Falschfarben-Aufnahme von Rissen in dem komprimierten Puder, das heftig hin- und herbewegt wird.

In den vergangenen Jahren haben mehrere Forschergruppen in verschiedenen Erdbebenregionen der Welt Radiowellen gemessen, die aus der Erdkruste stammen und angeblich immer wieder vor Erdbeben auftreten. In Nordkalifornien wurden daraufhin entlang der San-Andreas-Verwerfung Messstationen aufgestellt, mit denen die möglichen elektromagnetischen Vorboten eines Bebens systematisch erfasst werden sollten. Allerdings stellte sich heraus, dass seismische Aktivitäten nur vereinzelt in den Aufzeichnungen dieser Radioempfänger identifiziert werden konnten. Diese Radiosignale eignen sich offensichtlich ebensowenig zur Erdbebenvorhersage wie alle anderen bisher gemessenen physikalischen Parameter auch.

Mehr zum Thema

Dennoch ist eine amerikanische Forschergruppe den Ursachen dieser elektromagnetischen Signale in Laborversuchen auf den Grund gegangen und kam dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Beben in der Trommel

Für ihre Experimente füllte die Forschergruppe unter Leitung von Troy Shinbrot von der Rutgers University in New Jersey verschiedene Behälter nacheinander mit verdichteten Pulvern und körnigem Material, darunter Mehl, zerriebener Kreide und Mikrokristallen von Zellulose. Die Behälter wurden dann geschüttelt oder wie eine Waschmaschinentrommel langsam gedreht. Die Bewegungen der Behälter hatten zur Folge, dass sich in den ursprünglich dichtgepackten Pulvern Risse bildeten, so wie sie auch bei Erdbeben auftreten können. Bei großen Kippwinkeln begann das Material sogar wie in einer kleinen Lawine zu rutschen. Für die Messung der elektrischen Signale hatten die Forscher die Behälter jeweils an ihren Außenseiten mit Voltmetern bestückt.

Blitze im Material

Bei den Schüttel- und Drehbewegungen stellte sich heraus, dass nahezu jeder Rutschung ein starkes elektrostatisches Signal vorausging. Manche Signale führten zu Ausschlägen der Voltmeter von mehr als hundert Volt. Um sicherzugehen, dass diese Spannungsspitzen tatsächlich durch die Bewegungen im Pulver verursacht wurden und nicht etwa durch statische Aufladung beim Einfüllen des Materials in die Behälter, erdeten die Forscher die Behälter vor jedem Schüttelversuch.

Wie Shinbrot und seine Kollegen jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften (doi: 10.1073/pnas.1121596109) berichten, traten die elektrischen Signale bis zu vier Sekunden vor dem Einsetzen einer Lawine auf. Bisher können die Forscher die Ursache der elektrostatischen Entladungen in den Pulvern nicht erklären. Die Gruppe will aber nun untersuchen, ob diese elektrischen Vorboten nur im Labor auftreten oder auch unter wirklichen Bedingungen, beispielsweise vor Erd- und Hangrutschungen zu messen sind.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Plattentektonik Erdbeben auf die sanfte Art

Am mittelozeanischen Rücken driften vier Kontinente sanft auseinander. Der Grund ist ein Mineral. Es wirkt wie Schmierseife, so dass die Platten ohne zu ruckeln bewegen. Mehr Von Horst Rademacher

26.07.2016, 00:04 Uhr | Wissen
Universität Gent Belgische Forscher gewinnen Trinkwasser aus Urin

Belgische Forscher haben an der Universität Gent eine Methode entwickelt, sauberes Trinkwasser aus Urin zu gewinnen. Die Technologie soll vor allem Menschen in Entwicklungsländern die Wasserversorgung sichern. Derweil tüfteln die Wissenschaftler an anderen Dingen, die sie aus Urin erzeugen können. Mehr

28.07.2016, 18:14 Uhr | Wissen
Medikamenten-Transport Nanocontainer für empfindliches Frachtgut

Winzige, fast unsichtbare Nanokapseln, die Wirkstoffe gezielt an einen bestimmten Ort im Körper transportieren, erleben einen Boom. Aber sind sie auch kontrollierbar? Forscher melden einen Durchbruch. Mehr Von Uta Bilow

27.07.2016, 08:08 Uhr | Wissen
Südchinesisches Meer Das angeblich größte Blaue Loch der Welt

Forschern zufolge ist das Loch in einem Riff rund 300 Meter tief. Die Vertiefung befindet sich nahe der Paracel-Inseln im Südchinesischen Meer. Mehr

27.07.2016, 17:21 Uhr | Wissen
Ernährung Wer sich selbst versteht, isst besser

Warum schmeckt uns, was uns schmeckt? Warum wissen wir oft nicht, wann wir satt sind? Die Verhaltenspsychologie hat auf derlei Fragen unterhaltsame Antworten. Mehr Von Melanie Mühl und Diana von Kopp

30.07.2016, 18:50 Uhr | Gesellschaft

Lederschildkröten Speck für beschwerliche Reisen

Die Lederschildkröte übersteht auch rauhe Bedingungen. Das sichert ihr Überleben seit Jahrmillionen. Begegnet sie aber Plastikmüll, nützen ihre Fähigkeiten ihr nichts mehr. Mehr Von Diemut Klärner 2 10