http://www.faz.net/-gwz-707lx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.05.2012, 01:47 Uhr

Offshore-Parks Öko-Forschung in den Wind geschrieben?

Mehr als 10.000 Windanlagen im Meer verändern Lebensräume - und schaffen neue. Sogar attraktive, heißt es. Doch ehe man Genaueres weiß, stoppt die Forschung.

von Cornelia Reichert
© dapd

Vögel erkennen, ob sich Windräder drehen oder nicht, und weichen aus, Schweinswale werden kaum vom Lärm belästigt: Offenbar beeinträchtigen Windanlagen auf See die Umwelt weniger als befürchtet. Das haben Forscher im Rahmen der Forschungsinitiative „Research at Alpha Ventus“ (Rave) herausgefunden, die den Bau und Betrieb des Testfelds am ersten fertiggestellten deutschen Windpark vor Borkum begleitet. Die ökologischen Untersuchungen des Projekts koordiniert das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg. Jüngst hat die Bundesbehörde die ersten Ergebnisse vorgestellt. Demnach bleiben die größeren Tiere in Luft und Wasser weitgehend unbeeinflusst. Aber was ist mit dem Bodenleben? Die Arbeiten hierzu wurden fürs Erste gestoppt.

Krebse, Muscheln und Würmer leben am Meeresgrund. Wir haben sie kaum im Blick und unterschätzen deswegen womöglich ihre Bedeutung. Doch wenn sich bei diesen sogenannten Benthosorganismen etwas ändert, kann sich das auf die ganze marine Nahrungskette auswirken, denn das Benthos ist das Nährstoff-Bindeglied zwischen den pflanzlichen Primärproduzentenund höheren Nahrungsebenen. Wie die Bodentiere auf die Offshore-Rotoren reagieren, haben Lars Gutow vom Alfred-Wegener Institut in Bremerhaven und sein Team untersucht. Auch hier zeichnet sich Positives ab: Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten scheint es dem Bodenleben besser zu gehen - nicht trotz, sondern vermutlich gerade wegen der Meereswindmühlen. „Windparks bieten offensichtlich gewisseChancen für den Schutz“, sagt Gutow. Denn: „Eine der größten Belastungen, die wir der Nordsee aufgebürdet haben, ist die Fischerei mit Grundschleppnetzen. Die hat der Lebensgemeinschaft am und im Boden sehr zugesetzt. An den Windparks ist diese Fischerei nun untersagt und die Organismen scheinen sich zu erholen.“

Miesmuscheln, die einen festen Untergrund brauchen, wachsen nun verstärkt an den Trägerstrukturen der Rotoren. Plötzlich sammelt sich dortenorm viel Biomasse, womöglich 5000 bis 6000 Kilogramm pro Anlage. Damit werden Nährstoffe lokal gebunden. „Das an sich ist kein Problem. In der Nordsee gibt es insgesamt genügend Nährstoffe, die das System füttern. Aber im Nahbereich der Anlagen könnten sich einzelne Stoffflüsse komplett verändern“, erläutert Gutow.

eOffshore-Windpark Alpha Ventus - Einweihung Röttgen © dpa Vergrößern Bessere Zeiten: Norbert Röttgen, damals noch Umweltminister von Gnaden der Kanzlerin, bei der Inbetriebnahme von „Alpha Ventus“ Ende April 2010.

Sanken zum Beispiel planktonische Algen vorher ungenutzt zu Boden, landen ihre Nährstoffe nun im Magen der Muscheln. Sie werden zu Stoffwechselendprodukten umgebaut oder stecken im Muschelkörper. „Damit kommt eine ganz andere Qualität von Nahrung am Boden an.“ Auf lange Sicht, schätzt der Biologe, könnte dies langlebigere Tiere anziehen, wie etwa Seeigel oder Seesterne. „Vögel, die stattdessen auf angestammte Arten als Futter spezialisiert sind, bleiben dann aus.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
F.A.Z. exklusiv Wirtschaftsweiser Wieland: EZB destabilisiert Finanzsektor

Die EZB werde mit ihrer Geldpolitik Teil des Problems, sagt Wieland in der F.A.Z. Auch die politischen Folgen sieht der Wirtschaftsweise kritisch. Mehr

24.08.2016, 13:10 Uhr | Finanzen
Dynaudio aus Dänemark High-End-Anlagen für den perfekten Klang im Auto

Immer mehr Autohersteller statten ihre Modelle mit High-End-Anlagen von Herstellern aus, die bislang die Wohnzimmer von HiFi-Freaks beschallten. HiFi-Bauer wie Dynaudio stimmen die Anlagen speziell auf jedes Modell ab. Mehr

04.08.2016, 08:58 Uhr | Technik-Motor
Der Garten als Denkmal Die Spurenleserin

Barbara Vogt leitet die Veranstaltungsreihe Garten Rhein-Main. Die Gartendenkmalpflegerin erkundet die Geschichte der Parks. Sie will verstehen und dann erklären können, wie sie entstanden. Mehr Von Mechthild Harting

14.08.2016, 17:34 Uhr | Rhein-Main
NEU 9 Loop Park Gabriel NEU 9 Loop Park Gabriel

NEU 9 Loop Park Gabriel Mehr

03.08.2016, 14:48 Uhr | Aktuell
Arbeit unter Atemschutz Fit fürs Feuer

Der Einsatz als Brandschützer verlangt Körper und Können enorm viel ab. Deshalb müssen Feuerwehrleute regelmäßig ihre Fitness überprüfen lassen. Denn das Thema wird immer aktueller. Mehr Von Peter Thomas

24.08.2016, 17:16 Uhr | Technik-Motor

Ur-Delfin auf Echojagd Jagen, wo kein Piepsen mehr zu hören ist

Ausgeklügelte evolutionäre Entwicklungen schützen nicht immer vor dem Aussterben - und dennoch ähneln sie den Tieren von heute sehr. Der „Echo-Jäger“ hat den Ultraschall erfunden. Mehr Von Joachim Müller-Jung 1 11