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Spätfröste : Mit Feuer und Eis

  • -Aktualisiert am

Mit brennendem Kerzenwachs die Obsternte sichern - das versucht man nicht nur in der Schweiz. Bild: dpa

Im Kampf gegen die späte Frühjahrskälte lassen sich Wein- und Obstbauer vieles einfallen. Einiges können sie sich sparen.

          Eigentlich ist Hans Helmut Schmitt Agrarmeteorologe von Beruf, aber in den vergangenen Tagen fühlte er sich wie ein Seelsorger. Von seinem Schreibtisch beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach kam er kaum noch weg, das Telefon klingelte Sturm. Winzer und Obstbauern aus dem ganzen Land riefen an. „Und alle waren hilflos und verzweifelt“, sagt er. Die landwirtschaftliche Beratungsstelle des Wetterdienstes wurde zum Kummertelefon.

          Der Grund der Anrufe war immer derselbe: Spätfrost. Es ist die Horrorvokabel für alle Bauern und Gärtner, denn schon wenige Grade unter dem Gefrierpunkt können junge, grüne Triebe in braunen Matsch verwandeln. Allerdings sind Kälteeinbrüche um diese Jahreszeit nichts Ungewöhnliches, obwohl der jüngste Rückschlag wirklich sehr heftig ausfiel. Der Monat April kann sich wie ein warmer August anfühlen oder eben wie ein grimmiger Februar. Mit solchen Wetterkapriolen schlagen sich die Bauern seit Jahrhunderten herum. Jetzt scheint ausgerechnet die Erderwärmung das Problem noch zu verschlimmern: Der Frühling wird wärmer, die Bäume schlagen zeitiger aus, doch da späte Frostperioden auch in Zeiten des Klimawandels nicht ausbleiben, steigt das Risiko eines großflächigen Blütenmassakers.

          Hilflose Bauer und unorthodoxe Maßnahmen

          Das Frühjahr 2017 ist dafür ein Paradebeispiel. Hans Helmut Schmitt spricht von einem Jahr der ungünstigen Voraussetzungen: erst die warme zweite Februarhälfte, dann der wärmste März seit Aufzeichnungsbeginn. Anfang April öffneten sich im Süden und Westen bereits die Apfelblüten, zwei Wochen früher als normalerweise üblich. „Das konnte nicht gutgehen“, sagt der Meteorologe. Hilflose Winzer fragten nach der Wirksamkeit unorthodoxer Maßnahmen gegen den Frost. Einer wollte Misthaufen in Brand setzen, um den Reben ein wenig Wärme zu spendieren, ein anderer spielte mit dem Gedanken, einen Stapel Autoreifen zu verbrennen. Schmitt versuchte beiden die Vorschläge auszureden. Einerseits weil immissionsrechtliche Probleme auftreten könnten, andererseits weil planlose Zündeleien den Frost keinesfalls abschwächen. Aber eines beschäftigt ihn schon: Kann man gegen frostige Nächte im Frühling denn überhaupt nichts tun?

          Das ist auch die Frage, die sich Markus Müller vor sechs Jahren stellte. Der Weinbauexperte arbeitet an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim, er ist dort für den Rebschutz zuständig. Als Anfang Mai 2011 plötzlich knackige Kälte anrückte, musste er mitansehen, wie über Nacht die Triebe erfroren. In manchen Regionen war die Ernte vollständig verloren. Allein in Franken betrug der wirtschaftliche Schaden achtzig Millionen Euro.

          Nur beim Wetter setzt man auf das Prinzip von Versuch und Irrtum

          Müller begann, in Fachzeitschriften und im Internet zu recherchieren. Dabei stieß er auf zahlreiche Verfahren, aber auf keine systematische Forschungsarbeit, und so entschloss er sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Seit 2012 untersucht er nun Präventivmaßnahmen. Die vergangenen Nächte war er mit acht Kollegen im Dauereinsatz. „Wir sind die Einzigen, die solche Untersuchungen im Weinbau in Deutschland vornehmen“, sagt er.

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