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Automobilindustrie : Dem Affen Stickoxid geben

Handelskriege in allen Ecken: Momentan lässt die deutsche Autoindustrie keine Dummheit aus. Bild: dpa

Nix gelernt: Die Autoindustrie fährt nun endgültig eine Strategie, die den Manipulationsversuchen der größten Ölkonzerne gleicht: Schon diese hatten versucht, die Schädlichkeit der Treibhausgase fürs Klima in Abrede zu stellen.

          Wenn Trumps Außenminister demnächst wissen will, wie man einen Handelskrieg führt, dann sollten sich die deutschen Autogeneräle ganz schnell hinter ihren Dieselbomben wegducken. Von Wolfsburg, Stuttgart und München aus wird schon lange ein deftiger, wenn auch ziemlich erfolgloser Handelskrieg geführt. Jedenfalls erweckt man dort gerne den Anschein, dass alle Welt eine vorsätzliche Zersetzung deutscher Wertarbeit, der Dieseltechnik, betreibe und man deswegen zu härteren Bandagen greifen müsse, um die eigene Genialität vor nachhaltigem Schaden zu bewahren. Und wie das so ist in einem Krieg ums Ganze, verspüren die harten Männer auch weder das Bedürfnis noch die Verantwortung, sich zu allem Übel auch noch um den gesunden Menschenverstand ihrer Offiziere zu kümmern. Deshalb tun die, Helm auf, Visier hoch, was sie für ihre vaterländische Pflicht halten: Sie vergessen ihren moralischen Kompass und ballern los, was die Munitionslager der Lobbyisten und PR-Leute hergeben.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Was dabei allerdings herausgekommen ist, wird den Autogenerälen noch lange wehtun: ein Rohrkrepierer erster Güte. Mit den von der Autoindustrie mitfinanzierten Affen-Versuchen, in denen offenkundig die Harmlosigkeit von Dieselabgasen aus einem (manipulierten!) VW-Beetle demonstriert werden sollte, und den schon (zugegebenermaßen ) vor der Dieselaffäre ausgeführten, aber für viele noch viel verstörenderen Experimenten an fünfundzwanzig gesunden (und dafür bezahlten) Probanden in der Aachener Uniklinik, die drei Stunden lang in einer „Gaskammer“ erhöhten, angeblich aber unschädlichen Stickoxidkonzentrationen ausgesetzt wurden, wollte die Autoindustrie die Wissenschaft gegen ihre Angreifer in Stellung bringen. Motto: Das Image ist vielleicht schlecht, weil wir betrogen haben, aber jetzt beweisen wir euch mal, dass wir recht haben.

          Damit hat sich die Autoindustrie endgültig in eine Strategie hineinmanövriert, die in ihrer ethischen Dimension mit den Manipulationsversuchen der Tabakindustrie vergleichbar ist oder jener der größten Ölkonzerne, die mit aller Macht und wissenschaftlicher Blindheit versucht haben, die Schädlichkeit der Treibhausgase fürs Klima in Abrede zu stellen.

          Was sollte mit den Experimenten eigentlich bewiesen werden? Die Konzentrationen der Stickoxide in den Aachener Experimenten waren so niedrig, dass akute Effekte praktisch ausgeschlossen und Langzeiteffekte wegen der Studiendauer erst gar nicht erfasst werden konnten. Statistisch jedenfalls konnte man weder damit noch mit den Javaner-Affen-Versuchen, die stundenlang Dieselabgase einatmen mussten, die über Jahrzehnte angehäuften wissenschaftlichen Befunde zur Schädlichkeit erhöhter Abgasmengen nicht ernsthaft infrage stellen. Offenbar glauben genau das aber die ausgefuchsten Taktierer der Industrie. Es sind dieselben strategischen Köpfe, die sich gerne über den Analphabetismus von Schulabsolventen und die Weltfremdheit grüner Utopisten lustig machen, die hier eine wissenschaftliche Naivität an den Tag legen, die einer Schlüsselindustrie unwürdig ist.

          Nun ist es die Vorstellung das eine, Wissenschaft könne nach eigenem Gusto für wirtschaftliche Interessen eingesetzt und am Ende auch marketingtechnisch für die eigenen Konzernziele missbraucht werden. Das andere ist die schier unfassbare moralische Blindheit, mit der hier Versuche an Affen und eben auch an Menschen gestartet wurden, die sich schon allein vor dem historischen Hintergrund verbieten sollten. Menschenversuche der Pharmaindustrie sind damit überhaupt nicht zu vergleichen. In klinischen Experimenten werden Substanzen systematisch an kranken Menschen und in der Hoffnung getestet, damit Kranken auch zu helfen. Solche Menschenexperimente haben ihre solidarische Berechtigung. Sie sind Teil jenes Gesellschaftsvertrages, in dem nach ethischen Maßstäben dem Fortschritt zu dienen und auch die Hochrangigkeit der Menschenversuche auszuweisen ist.

          Wenn hingegen gesunde junge Menschen vorsätzlich Schadstoffen ausgesetzt werden – freiwillig oder nicht – und auch wenn es sich wie in dem Aachener Fall um quasi unerhebliche Konzentrationen handelt, sind sehr viel strengere Maßstäbe anzulegen. Die Ethikkommission der Uniklinik Aachen hatte seinerzeit grünes Licht gegeben – wohl, weil es sich um harmlose Stickoxidmengen handelt. Dass die Studie keinen nennenswerten Fortschritt bringen konnte, war für sie unerheblich. Und dass sie von einem Lobbyverein der Autoindustrie gefördert wurde, spielte für sie offenbar keine Rolle. In Wolfsburg, Stuttgart und München konnte man das als Teilsieg verbuchen. Die weltweiten Reaktionen jetzt zeigen, dass die Generäle ihren Krieg noch nicht gewonnen haben.

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