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Naturschutz : Die Rote Karte des Welthandels

Die Karte zeigt die Bedrohungen für seltene Arten an Land und in den Meeren, die vom Konsum in 27 europäischen Ländern ausgehen. Je dunkler die jeweilige Farbe, desto stärker der Konsumdruck aus dem Importland. Bild: Daniel Moran and Keiichiro Kanemoto

Der Welthandel, und damit unser Konsum, bedroht die Artenvielfalt. Forscher haben die weltweiten Warenströme mit den Roten Listen abgeglichen und ein neues „Sündenregister“ aufgemacht.

          Was hat mein Besuch im Bauhaus mit dem Aussterben vieler Baumfrösche und Halbaffen in Madagaskar zu tun? Mehr jedenfalls, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Mehr auch, als uns lieb sein kann. Ein an sich uraltes Anliegen der Naturschutzbewegung, nämlich Ursache und Wirkung umweltschädlichen Verhaltens miteinander in Zusammenhang zu bringen und damit die Verbraucher zu sensibilisieren für die Verletzlichkeit der Natur, hat jetzt eine neue, breite Basis erhalten: Die ersten globalen Karten, welche die Roten Listen der bedrohten Arten mit den Welthandelsströmen verbinden – die Rote Karte des Welthandels gewissermaßen, ein neuer ökologischer Fußabdruck für die Waren- und Konsumströme.

          Der Madagaskar-Frosch Boophis quasiboehmei
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Weltkarten, die für einzelne Staaten wie China oder die Vereinigten Staaten ebenso erzeugt wurden wie für den Staatenverbund der 27 EU-Staaten, sind das Ergebnis eines Big-Data-Unternehmens – und dennoch keineswegs komplett. Eingeflossen sind die von der Weltnaturschutzunion IUCN und „BirdLife International“ bereitgestellten ökologischen Informationen von 6808 stark bedrohten oder extrem gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, außerdem die im „Economic Trade Model“ erfassten Warenströme von 15.000 Industriebetrieben in 187 Ländern. Produktion und Konsum wurden so miteinander ins Verhältnis gesetzt, Ursache und Wirkung abgeglichen – zumindest näherungsweise. Daniel Moran von der Norwegischen University of Science and Technology in Trondheim hat die Daten zusammen mit dem Japaner Keiichiro Kanemoto erfasst.

          Auf die Weise konnten sie auf einen Blick sichtbar machen, wie jede Region die Lebensvielfalt in den „Hotspots“ der Biodiversität – die artenreichsten Gebiete – beeinflusst. Die Karten sind zwar alles andere als vollständig, von vielen Regionen und für viele Arten gibt es immer noch lückenhafte regionale Informationen, doch: „Mit den Karten in der Hand kann eine Gemeinschaft wie die EU oder können auch einzelne Firmen besser entscheiden, wo sie ihre Aktivitäten vielleicht verlagern sollten, welche Umweltprogramme sie eher fördern und wo die Prioritäten der Forschungsprogramme liegen sollten“, kommentierte Moran die Ergebnisse der Studie, die heute in der Zeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ veröffentlicht worden sind.

          Tatsächlich wird seit langem bemängelt, dass die Gelder und Bemühungen für den Naturschutz oft in die falschen Kanäle fließen. Frühere Studien haben gezeigt, dass 90 Prozent der rund sechs Milliarden Dollar, die in Naturschutzprojekte fließen, aus den reichen Ländern des Nordens stammen – und werden von Naturschutzorganisationen und -projekten verbraucht, die eben dort auch angesiedelt sind. Die allermeisten Hotspots der Artenvielfalt sind hingegen in den Tropen zu finden.  

          Lemuren aus Madagaskar

          Beispiel Afrika: Einen deutlichen Fußabdruck in der bedrohten Flora und Fauna Afrikas hinterlassen vor allem die Europäer. Von Marokko über das Horn von Afrika bis nach Madagaskar und zum Malawi- und Victoria-See reicht das ökologische „Sündenregister“ der 27 EU-Staaten. Auch in der Türkei und in Zentralasien, die nicht unbedingt für extrem charismatische, seltene Arten bekannt sind, hinterlässt der europäische Konsum seine Spuren und trägt zur Gefährdung der Arten bei.

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