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Erdbeben in Mexiko : Ruckartige Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Trümmer des Jahrhundertbebens im mexikanischen Oaxaca. Bild: dpa

Brutal wie Irma, nur weniger beachtet: Vergangene Woche ereignete sich in Mexiko ein schweres Erdbeben. Was dabei im Erdmantel geschah, war seismologisch ungewöhnlich.

          Die von Hurrikan Irma ausgelöste Verwüstung in der Karibik und im amerikanischen Bundesstaat Florida ließ eine weitere, mindestens ebenso schwere Naturkatastrophe in der gleichen Weltgegend weitgehend unbeachtet. In der vergangenen Woche ereignete sich vor der Pazifikküste von Südmexiko und Nordguatemala das schwerste Beben seit zwei Jahren. Bei dem Erdbeben der Stärke 8,1 kamen mindestens 90 Menschen in den mexikanischen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas ums Leben. Erdbeben mit Magnituden von mehr als 8 sind sehr selten und ereignen sich im langjährigen Durchschnitt weniger als einmal im Jahr. Gemessen an der in ihnen steckenden kinetischen Energie, sind solche Beben aber mindestens ebenso stark wie der gewaltige tropische Wirbelsturm Irma.

          Auf den ersten Blick sind sich die Beben vor Chile im Jahre 2015 und im Golf von Tehuantepec in der vergangenen Woche sehr ähnlich. Beide ereigneten sich in Zonen der Erdkruste, in denen eine tektonische Platte unter eine andere taucht. Im Falle des Bebens von Illapel war es die Nazca-Platte, die im Chilegraben unter Südamerika versinkt. Das Beben vor Mexiko fand in jener Subduktionszone statt, in der sich die Cocos-Platte unter die Karibische Platte schiebt. Sowohl die Nazca- als auch die Cocos-Platte entstehen jeweils auf der Ostflanke des Ostpazifischen Rückens. Dieser riesige untermeerische Gebirgszug erstreckt sich auf einer Länge von mehr als zehntausend Kilometern von südlich der Osterinsel bis in den Golf von Kalifornien. Die Cocos- und die Nazca-Platte bewegen sich mit der gleichen Geschwindigkeit von etwa fünf Zentimetern im Jahr ostwärts.

          Noch in Berlin war das mexikanische Erdbeben spürbar, wie in dieser Messung der GEOFON-Erdbebenstation bei Berlin vom 8. September zu sehen ist.
          Noch in Berlin war das mexikanische Erdbeben spürbar, wie in dieser Messung der GEOFON-Erdbebenstation bei Berlin vom 8. September zu sehen ist. : Bild: dpa

          Solche Subduktionszonen sind die Geburtsstätten der schwersten Beben auf der Erde. Sie entstehen, weil das Abtauchen der Platten nicht gleichmäßig und kontinuierlich verläuft. Vielmehr verhaken sich die beiden Platten, und es kommt zu elastischen Verformungen, die vor allem die Vorderkante der feststehenden kontinentalen Platte im Laufe der Jahrzehnte immer mehr verbiegen. Irgendwann – und niemand kann vorhersagen, wann – wird die angestaute Spannung so groß, dass die Verhakung aufspringt und sich die elastischen Deformationen in wenigen Sekunden entladen. Die verbogene Vorderkante der festen Platte springt dabei aufwärts und löst ein Erdbeben aus.

          Das Beben in der vergangenen Woche im Golf von Tehuantepec folgte allerdings einer anderen Regieanweisung. Beim Abtauchen verbiegt sich nämlich auch die im Erdmantel verschwindende Platte. Sobald die verbiegende Energie die Festigkeit des Gesteins in der tauchende Platte übersteigt, entlädt sich die aufgestaute mechanische Spannung ebenfalls in einem Erdbeben. Allerdings springt dabei nicht die Vorderkante der feststehenden Platte nach oben, sondern Teile der abtauchenden Platte rutschen ruckartig nach unten. Solche Bebentypen sind in Subduktionszonen recht selten, zumal mit Magnituden über 8.

          Vergleicht man die in einem tropischen Wirbelsturm steckende kinetische Energie mit der bei einem Erdbeben freigesetzten seismischen Energie, so scheinen Hurrikane mit ihren enormen Windgeschwindigkeiten auf den ersten Blick weitaus energetischer. Schließlich dauern die Wirbelstürme mehrere Tage, manchmal sogar Wochen, während Erdbeben in Sekunden, allerhöchstens ein paar Minuten vorbei sind.

          Die Geschwindigkeit eines Zyklons ist allerdings nur eine Variable in der Formel für die kinetische Energie. Die andere ist die bewegte Masse. Sie ist in einem Wirbelsturm, verglichen mit der in einem Erdbeben bewegten Masse, aber äußerst gering. Bei einem Beben der Magnitude 8 und mehr verschieben sich Tausende Kubikkilometer Gestein innerhalb der Erdkruste ruckartig um mehrere Dutzend Meter. Der größte Teil dieser kinetischen Energie wird in Wärme umgesetzt, die so groß sein kann, dass Gestein in einer Erdbebenverwerfung schmilzt. Allerdings spürt man diese Wärme an der Erdoberfläche nicht. Die Erdbebenenergie lässt außerdem die Erde tagelang wie eine Glocke schwingen. Nur weniger als ein Zehntel der Erdbebenenergie wird mit seismischen Wellen um die ganze Welt getragen.

          Quelle: F.A.Z.

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