http://www.faz.net/-gx6-8lcf7

Webdoku: Müll in Meeren : Warum dem Planeten bei all dem Plastik übel wird

Aus dem Meer geboren: Die längste Plastiktütenkette der Welt. Bild: dpa

Leichte Ware, schwere Kost: Durch die Weltmeere wälzen sich Lawinen aus Plastikmüllpartikeln. Und das Mikroplastik findet seinen Weg durch die Nahrungskette. Wie das geschieht, zeigt die multimediale Webdokumentation „Plastik. Gefährliches Fressen im Ozean“.

          41 Prozent der Deutschen glaubt fälschlich, dass sie mit Plastiktüten und -verpackungen nicht unbedingt zur Vermüllung der Meere beitragen, aber auch acht von zehn Deutschen wären schon bereit, mehr für Verpackungen zu bezahlen, die die Umwellt mehr schonen. Das ist bei einer aktuellen Forsa-Umfrage des Wissenschaftsjahres 2016/17 herausgekommen, das den Meeren und Ozeanen gewidmet ist. Der Versuch, die Massen gegen den Plastikmüll zu mobilisieren, vor allem viele Jugendliche zu gewinnen, scheint zu funktionieren. Bis Mitte November werden etwa die „Plastikpiraten“ - Schüler und Jugendgruppen - an den Küsten und an Fließgewässern in Deutschland sowohl Müll als auch Daten für die Wissenschaft sammeln. Auch dies eine Aktion des Wissenschaftsjahres 2016/17.  Höhepunkt  der Aufklärungskampagne in diesen Tagen ist eine neue multimediale Web-Dokumentation von Arte/ZDF   “Plastik. Gefährliches Fressen im Ozean“ , an der auch die F.A.Z. mitgearbeitet hat.  

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Webdoku „Plastik. Gefährliches Fressen im Ozean“ ist im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016/17 entstanden.
          Die Webdoku „Plastik. Gefährliches Fressen im Ozean“ ist im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2016/17 entstanden. : Bild: Arte/ZDF/FAZ

          In dieser Woche werden sie also wieder weltweit zu Tausenden an den Ufern von Flüssen und Meeren marschieren, die freiwilligen Müllsammler, die unter der Fahne der Organisation Ocean Conservation den „International Coastal Cleanup Day“ nutzen, um auf eine der unrühmlichsten Entwicklungen der Neuzeit aufmerksam zu machen: die buchstäbliche Vermüllung der Gewässer durch Plastik. Ein Umweltproblem, dessen Dimensionen wissenschaftlich erst allmählich erfasst wird, das aber umweltpolitisch längst hätte angegangen werden müssen.

          Im vorigen Jahr, dreißig Jahre nach der Gründung von Ocean Conservation, haben fast 800 000 Menschen weltweit mehr als 40 000 Kilometer Küste gereinigt. Allein die Kieler Forschungswerkstatt hat an 21 Kilometern entlang der Kieler Förde 690 Kilogramm Müll gesammelt. Nach Experten-Schätzungen gelangen zwischen sechs und zwölf Millionen Tonnen Kunststoffabfälle jährlich in die Weltmeere - Plastiktüten und -flaschen, die sich langsam zersetzen und ansammeln, aber vor allem Mikrofasern und -kugeln aus Kosmetikprodukten und Kleidungsstücken, die ähnlich wie Feinstaub in der Luft wegen ihrer winzigen Partikelgröße für sämtliche Organismen im Nahrungsnetz zur Belastung werden. Und zwar umso mehr, je höher konzentriert. Tatsächlich ist dieser Trend eindeutig: Im „North Pacific Subtropical Gyre“ etwa, dem „Großen Pazifikmüllfleck“, einem von einem halben Dutzend Müllstrudel in den Ozeanen mit Hunderten Kilometern Durchmesser, ist die Dichte an Mikropartikeln kleiner als fünf Millimeter von annähernd null Partikeln in den siebziger und achtziger Jahren auf das Hundertfache gestiegen.

          Mikroplastik gelangt auf vielen Wegen ins Meer: Winzige Partikeln aus Kunstfasern, die von   Kleidungsstücken stammen,  mit Peeling-Kügelchen in  Kosmetikprodukten oder durch Verwitterung von Plastiktüten und Plastikflaschen.
          Mikroplastik gelangt auf vielen Wegen ins Meer: Winzige Partikeln aus Kunstfasern, die von Kleidungsstücken stammen, mit Peeling-Kügelchen in Kosmetikprodukten oder durch Verwitterung von Plastiktüten und Plastikflaschen. : Bild: Grafik: Daniel Röttele

          In einzelnen Hafenarealen wurden schon 100 000 Partikeln pro Kubikmeter oder mehr als 120 Mikrofasern pro Liter ermittelt. Die Tendenz geht in Richtung immer kleinerer Partikeln und Fasern - solche noch dazu, die mit ihren hydrophoben Oberflächen mehr Schadstoffe binden. Ein Grund, weshalb Gesine Witt von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die sich an Bord des Forschungsschiffs „Aldebaran“ die Belastung deutscher Küsten angesehen hat, von einem „Plastik-Giftcocktail“ spricht. Wie sie jüngst mit ihren Kollegen berichtete, ist das Mikroplastik im Gewässerboden drei- bis viermal so stark mit Schadstoffen wie polyzyklischen aromatisierten Kohlenwasserstoffe belastet als der umgebende Schlick oder der Sand, in dem sich ein Teil des Mikroplastiks ansammelt.

          Der am meisten verwendete Kunststoff, Polyethylen, bindet dazu noch deutlich mehr Gifte als etwa Polypropylen, PVC oder Polykarbonate. So wie diese Beobachtung gibt es immer mehr Indizien, die auf eine fatale Kette hindeuten. Mikroplastik wurde schon in gut sechshundert Meerestierarten gefunden. Und wie die Rolle von pathogenen Keimen, die sich auf den Partikeln ansiedeln können, so ist auch die Rolle hormonell wirkender Weichmacher-Verbindungen im Plastik noch weitgehend unklar - jedenfalls im Hinblick auf die menschliche Gesundheit.

          Tiere nehmen die Plastikpartikeln direkt aus dem Wasser und der Nahrung auf, viele verwechseln sie mit Beute. Algen werden durch die Ablagerung von Mikropartikeln in ihrer Photosynthese beeinträchtigt.
          Tiere nehmen die Plastikpartikeln direkt aus dem Wasser und der Nahrung auf, viele verwechseln sie mit Beute. Algen werden durch die Ablagerung von Mikropartikeln in ihrer Photosynthese beeinträchtigt. : Bild: Grafik: Daniel Röttele

          Einen multimedialen Einblick in das „Gefährliche Fressen im Ozean“ gibt die umfassende Web-Dokumentation, die Max Mönch und Alexander Lahl im Auftrag von Arte/ZDF sowie dem „Wissenschaftsjahr 2016/17“ mit einem Beitrag unserer Zeitung produziert haben. Am Samstagabend, 17. September, wird im Abendprogramm von Arte die TV-Dokumentation „Mikroplastik im Meer“ gezeigt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Das Monster aus dem Hinterhalt

          Rekord-Hurrikan  : Das Monster aus dem Hinterhalt

          „Irma“ ist schon jetzt historisch: Der bisher stärkste Hurrikan, der sich jenseits des Golfs und der Karibik über dem Atlantik bildete. Wie konnte es dazu kommen? Eine Vorahnung gab es schon vor Wochen.

          Topmeldungen

          Konflikt um Unabhängigkeit : Eskalation in Katalonien

          Seit Monaten bereitet Katalonien das Unabhängigkeitsreferendum vor. Madrid will die Abstimmung unbedingt verhindern und greift jetzt durch – mit Festnahmen und Durchsuchungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.