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Veröffentlicht: 19.02.2017, 08:35 Uhr

Tiefsee-Verschmutzung Kein Fleck der Erde ist mehr sauber

Auch die entlegensten Orte sind mittlerweile gezeichnet von der alten Industrie. Krebserregenden Stoffe sind an die tiefsten Stellen der Meere gelangt, Müll häuft sich an. Wie reagiert das Leben in der ehemaligen Oase Tiefsee?

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© Chris Frazee/Media Solutions Tintenfische stehen am Ende der Nahrungskette. Wie stark verseucht sind sie?

Die Warnung ist unmissverständlich: Der Bergbau in der Tiefsee rückt schnell näher. So nachzulesen seit wenigen Tagen in einer hochrangigen Publikation von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums Geomar in der Zeitschrift „Nature Geoscience“. Die im Jahr 2001 vergebenen ersten Lizenzen an Bergbaufirmen, lukrative Vorkommen von Mangan- und Kobalt-Eisenerzen im zentralen Pazifik zu erkunden, laufen in Kürze aus. Dann beginnt der Abbau. Zwar dürften künftig die küstennäheren und damit rentableren Areale der rohstoffreichen Festlandsockel stärker ins Visier geraten, aber klar ist: Der Meeresgrund wird für Bergbaufirmen immer interessanter.

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Damit gerät einer der größten und zugleich ökonomisch wie ökologisch am wenigsten bekannten Lebensräume weiter auf eine schiefe Bahn. Denn auch wenn wir wenig wissen über die Lebensgemeinschaften der Tiefsee, eines ist inzwischen unübersehbar: Der schmutzige Arm der Wohlstandsgesellschaften hat sie längst erreicht. Ein geradezu dramatisches Zeugnis legen in dieser Woche Untersuchungsergebnisse ab, die eine britische Forschergruppe um Alan Jamieson von der Newcastle University in der Zeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ (doi: 10.1038/s415559-016-0051) vorgelegt hat. In getrockneten kleinen Flohkrebsen, Amphipoden, haben sie nach Stichproben bis in die entlegensten Schichten der pazifischen Tiefseegräben ungewöhnlich hohe Konzentrationen an krebsauslösenden und das Hormonsystem beeinträchtigenden halogenierten organischen Kohlenstoffverbindungen gefunden - sogenannte PCB (Polychlorierte Biphenyle) sowie PDBE (Polybromierte Diphenylether). Längst verbotene „Schmiermittel“ der Altindustrien, Schadstoffe, die in der Umwelt nur extrem langsam abgebaut werden und sich vor allem im Fettgewebe von Tieren - und am Ende auch im Menschen - anreichern können. Selbst Flohkrebse aus 10 250 Meter Tiefe, die noch dazu fast zweitausend Kilometer entfernt von den Industrieagglomerationen Japans eingesammelt wurden, waren damit verseucht. Und zwar in Konzentrationen, die auch den Umweltexperten fast die Sprache verschlägt: Höhere Konzentrationen als in den berüchtigsten Industriebrachen Singapurs und sogar bis zu fünfzigmal so hoch wie in Krabben aus den stark verseuchten Flüssen Chinas.

Plastiktüte im HAUSGARTEN © Melanie Bergmann, OFOS Vergrößern Eine Plastiktüte am Tiefsee-Observatorium „Hausgarten“ des Alfred-Wegener-Instituts in der Framstraße, zwischen Spitzbergen und Nordostrundingen im Nordosten Grönlands. Diese Aufnahme stammt aus 2500 Metern Tiefe

Wie diese massive Anreicherung von vor allem in den siebziger Jahren gebräuchlichen Chemikalien zustande kommt, ist den Forschern genauso ein Rätsel wie die Frage nach der Herkunft. Vor allem stellt sich die Frage: Wenn schon der Körper dieser kurzlebigen, winzigen Tierchen, die in der Mitte der Nahrungspyramide stehen, so stark belastet ist - wie sollte das erst bei den Fischen, Sepien, Tintenfischen und Walen sein, die am Ende der natürlichen Nahrungskette in diesen Meeresregionen stehen? Klar ist: Daten dazu gibt es nicht. In Meeressäugern, selbst in solchen in der entfernten Arktis, wurden zwar schon hohe Kohlenwasserstoffmengen gefunden, aber längst nicht so hohe Konzentrationen im Fettgewebe wie jetzt in den Flohkrebsen. Detlef Schulz-Bull vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde kann sich gut vorstellen, dass von Algen aufgenommene Chemikalien mit organischen Partikeln bis zu den Sedimenten absinken und sich dort anreichern.

44874343 © Alan Jamieson / Newcastle University Vergrößern Hochgradig kontaminiert: Hirondella-Flohkrebse.

„Der Pazifik in dieser Region wurde bereits öfter als höher belastet identifiziert.“ Trotzdem: „Die recht hohen Konzentrationen im Vergleich zu denen in Tieren küstennaher Regionen sind schon überraschend“, meint etwa Andrea Koschinsky-Fritsche vom „Marum“-Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Jacobs University in Bremen.

Extrem hoch kontaminiert

Von einigen Forschern gibt es Kritik, weil wissenschaftliche Standards wie die Angabe von geeichten Referenzproben in der Studie fehlt. Die Lücken in der Genauigkeit und mögliche Unsicherheiten bei den Messungen bemängelt auch der Biochemiker Eric Achterberg vom Geomar in Kiel, der von „mangelnder Klarheit“ der Studie spricht, ebenso wie der Meereschemiker Oliver Wurl von der Universität Oldenburg: „Mit den beschriebenen Werten müssten Räuber der Tiefsee extrem hoch kontaminiert sein. Daher überraschen mich die Ergebnisse, und ich kann mir die Herkunft nicht erklären.“

Was die Herkunft der Schadstoffe im Marianengraben angeht, spekulieren die britischen Tiefseeforscher, dass die geschätzten 100 Millionen Tonnen an Plastikmüll, die seit Jahrzehnten im berüchtigten Nordpazifik-Strudel angehäuft werden, eine Rolle spielen könnten. Wie genau, bleibt aber unklar. Da die Kohlenwasserstoffe auch teilweise flüchtig sind, überrascht die globale Verteilung andererseits die meisten Experten nicht.

Entdeckung in der Tiefsee © reuters Vergrößern Britische Meeresbiologen haben vielleicht eine neue Tierart im Indischen Ozean entdeckt haben

Nachweisen lässt sich der Zusammenhang mit Kunststoffresten tatsächlich nicht. Dass dieser Müll allerdings auch für sich schon zum Problem nicht nur für Vögel, Schildkröten, Fische oder Seehunde nahe der Oberfläche geworden ist, sondern eben auch die Tiefsee erreicht hat, haben Mine Tekman und ihre Gruppe vom Alfred-Wegener-Institut im sogenannten „AWI-Hausgarten“ gezeigt, einem mit 21 Messstationen ausgestatteten Tiefsee-Observatorium in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen. In Tiefen von 2500 Metern zählen sie seit 2002 die Plastikteilchen mit Hilfe von Kameras. Ihr bedrückendes Fazit: Die Müllmenge - Plastik und Glasfragmente - hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Im nördlichen Teil des Gebietes kam man 2004 noch auf 346 Müllteile pro Quadratkilometer, zehn Jahre später ist man auf 8082 Müllteile gekommen. Die Schifffahrt, so schreiben die Wissenschaftler in der Zeitschrift „Deep Sea Research I“, spielt als Abfallquelle eine Rolle, aber in Verdacht geraten nun verstärkt die immer schneller schmelzenden Eisberge, die im Sommer die Plastikteile freisetzen. „Das Meereis könnte das Transportmittel sein“, sagt Tiefseebiologin Melanie Bergmann. Für sie könnte die arktische Tiefe „ein Endlager für Plastikmüll werden. Die Ablagerung in die schwer zugängliche Tiefsee könnte zum Teil auch erklären, warum wir über den Verbleib von 99 Prozent des Plastikmülls derzeit nichts wissen.“

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