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Veröffentlicht: 10.06.2016, 20:00 Uhr

Lichtverschmutzung Wenn die Nacht zum Tag wird

Schon ein Drittel der Menschheit kann die Milchstraße am Nachthimmel nicht mehr sehen. Der Grund: künstliche Beleuchtung. Eine Weltkarte zeigt die Ausmaße der Lichtverschmutzung.

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© The New World Atlas of Artificial Sky Brightness, The New World Atlas of Artificial Sky Brightness, ArcGlobe software by Nataliya Rybnikova. Der Weltatlas der Lichtverschmutzung

Ohne Licht stünde es ziemlich düster um uns Menschen. Kein einigermaßen zivilisiertes Leben, keine Kultur, kein technischer und wissenschaftlicher Fortschritt wären ohne das Phänomen denkbar, das der berühmte britische Physiker James Clerc Maxwell vor rund 150 Jahren als Zusammenspiel von oszillierenden elektrischen und magnetischen Feldern enträtselte. Doch was des einen Freud, ist bekanntlich des anderen Leid. Denn die elektrischen Lichtquellen sind auch der Grund dafür, dass es in vielen Großstädten keine Dunkelheit mehr gibt.

Die Milchstraße © Dan Duriscoe Vergrößern Wenig Lichtverschmutzung: Die Milchstraße über dem Dinosaur National Park in den Rocky Mountains

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Rund um die Uhr laden Shopping-Malls und Galerien zum nächtlichen Bummeln ein, Gebäude, Plätze und Straßenzüge sind auch in finsterer Nacht hell erleuchtet. Von greller Leuchtreklame und Videoleinwänden ganz zu schweigen. Um rund sechs Prozent nimmt jährlich die Beleuchtung weltweit zu, schätzen Experten. Bereits jetzt kann aufgrund künstlicher Beleuchtung gut ein Drittel der Weltbevölkerung nachts die Milchstraße nicht mehr sehen. Viele Menschen werden wahrscheinlich gar nicht wissen, was das überhaupt ist. So ist die Lichtverschmutzung schon längst nicht mehr nur ein Problem von Astronomen, die trotz lichtstarker Optiken das Flackern der Sterne nur noch fernab der Städte beobachten können.

Wo sind die Sterne geblieben?

Wie stark die künstliche Beleuchtung den Nachthimmel mittlerweile rund um den Globus erhellt, dokumentiert eindrucksvoll der Weltatlas, den eine internationale Forschergruppe in der Online-Zeitschrift „Science Advances“ vorstellt. Der Atlas zeigt, dass weite Teile der Erde förmlich in Licht zu baden scheinen. Vor allem in Westeuropa hat die Lichtverschmutzung bedenkliche Ausmaße angenommen. Nach Aussagen der Forscher um Fabio Falchi vom Institut für Lichtverschmutzung in Thiene (Italien) lebten  rund 80 Prozent der Weltbevölkerung unter einem von Licht verschmutzen Himmel. In Europa und Nordamerika seien von der Lichtverschmutzung bereits 99 Prozent der Menschen  betroffen.  Wer etwa  in Europa in der Nacht nach echter Dunkelheit suche, fände sie  noch am ehesten in Schottland, Schweden und Norwegen.

Sky Glow, Lichtverschmutzung,  Joshua Tree National Park.über © Dan Duriscoe Vergrößern Große Lichtverschmutzung über dem „Joshua Tree National Park“ im Südosten Kalifornien.

Das Kartenmaterial fördert zahlreiche Details zutage: Zieht man etwa die besiedelte Fläche eines Landes in Betracht, weisen unter den G20-Staaten Italien und Südkorea die größte Lichtverschmutzung auf, Kanada und Australien dagegen die geringste. Betrachtet man die Menschen der einzelnen Länder und wo sie wohnen,  hätten laut der Studie die Einwohner Deutschlands und Indiens die größten Chancen, dass sie von ihrem Wohnort aus die Sterne am Nachthimmel mit bloßem Auge beobachten können. Die Menschen in Saudi-Arabien und Südkorea könnten den Blick auf den Sternenhimmel dagegen am seltensten genießen. Der Grund: In diesen Ländern lebt der überwiegende Teil der Bevölkerung in großen Städten.

Wenn die Wolken in der Nacht glühen

Der Weltatlas der Lichtverschmutzung, an dem auch Wissenschaftler des Geo-Forschungszentrum (GFZ) in Potsdam mitgearbeitet haben, basiert auf Daten des Nasa-Satelliten Suomi NPP.  Der Satellit, der die Erde seit Oktober 2011 aus einer Höhe von 824 Kilometern observiert,  hat ein empfindliches Instrument an Bord, das die von den bewohnten Orten abgestrahlte künstliche Licht erfassen kann. Zur Eichung der Rohdaten sind Messungen von 21.000 Orten herangezogen worden, die zum großen Teil von Bürgerwissenschaftlern stammten.

Der Nachthimmel erstrahlt in vielen Teilen der Welt heute mehrere hundert Mal so hell wie noch vor der Einführung der künstlichen Beleuchtung. Die Ursache für dieses als „Skyglow“ bezeichneten Phänomens sind die Wolken, die einen Großteil des abgestrahlten Lichts wieder reflektierten. Helle Gegenden erscheinen in bedeckten Nächten deshalb noch heller als sie ohnehin schon sind.

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Was die Lichtverschmutzung, die den Tag-Nacht-Rhythmus durcheinanderbringt, mit der Gesundheit macht, ist noch weitgehend unklar. Das gilt auch für die Frage, was die künstliche Beleuchtung für die vielen nachtaktiven Tiere bedeutet.

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