http://www.faz.net/-gwz-8wzey
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Aktualisiert: 22.04.2017, 13:26 Uhr

Eisschmelze Der polare Thermomixer

Der Zufluss warmen Atlantikwassers ist eine Ursache für die großflächige Eisschmelze in der Arktis. Einzelne Faktoren sind noch ungeklärt, denn der Wandel der Eisschichten ist komplex.

von
© dpa Die Entstehung und das Schmelzen von Eisschichten auf dem Meer sind komplexe Prozesse.

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich auch im Arktischen Ozean erhebliche klimatische Veränderungen abspielen. So nimmt die eisfreie Fläche dieses nördlichsten Teils des Weltmeeres in den nordpolaren Sommern seit Jahrzehnten um einen Durchschnittswert von 13 Prozent pro Dekade zu. Außerdem bildet sich in den kalten Polarnächten immer weniger Meereis. Das zeigt sich daran, dass die Dicke der Packeisschichten zurückgeht. Dass diese Veränderungen etwas mit dem Klimawandel zu tun haben, liegt auf der Hand.

Welche Faktoren dabei aber im Einzelnen eine Rolle spielen, ist noch weitgehend unbekannt. Die Entstehung und das Schmelzen von Eisschichten auf dem Meer sind nämlich derart komplexe Prozesse, dass der Anstieg der globalen Lufttemperatur als Erklärung allein nicht ausreicht. Eine internationale Forschergruppe hat nun festgestellt, dass der Zufluss von Wasser aus dem Atlantik eine wichtige Antriebskraft für die Veränderung in einem großen Teil des Nordpolarmeeres ist.

Nordpolarmeer wird in zwei Bereiche unterteilt

Was die Verbindungen zu anderen Meeren betreffen, ist der Arktische Ozean recht asymmetrisch gestaltet. Mit dem größten Ozean, dem Pazifik, ist er lediglich über die Beringstraße verbunden. Obwohl sie an der engsten Stelle 82 Kilometer breit ist, kann durch diese Meerenge vergleichsweise nur wenig Wasser fließen, denn sie ist im Durchschnitt kaum mehr als 50 Meter tief. Völlig anders gestaltet ist dagegen die Verbindung mit dem Atlantik. Allein die Framstraße zwischen Nordostgrönland und Spitzbergen ist mehr als 500 Kilometer breit und bis zu 5600 Meter tief. Auch die Verbindungen durch die Barentssee zwischen Spitzbergen und dem Nordkap sind weit offen.

Dementsprechend unterteilen Ozeanographen das Nordpolarmeer in zwei Bereiche, die durch den untermeerischen Lomonossow-Rücken getrennt werden. Im sogenannten Amerasischen Becken, also an der den Küsten Kanadas, Alaskas und dem fernen Osten Russlands zugewandten Seite, bleibt das Nordpolarwasser wegen des äußerst geringen Zustroms aus dem Pazifik weitgehend ungestört. Das Eurasische Becken erstreckt sich von der Küste Grönlands bis zur der Sibirien vorgelagerten Inselgruppe Sewernaja Semlja. Dort kommt es durchaus zur Mischung von Atlantik- und Polarwasser.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Atlantikwasser beeinflusst arktischen Ozean

Bisher hat man allerdings dem aus dem „warmen“ Atlantik ins Nordpolarmeer fließenden Wasser nur eine geringe Rolle bei der Erklärung der Veränderungen des polaren Meereisvolumens beigemessen. Zwar hatte schon der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen im Jahr 1906 vermutet, dass wärmeres und salzreicheres Atlantikwasser den Arktischen Ozean beeinflusst. Dabei handelte es sich aber um Wasser, das in mittleren Tiefen von einigen hundert Metern nach Norden strömt. Bisher nahm man an, dass dieses Wasser die Meeresoberfläche im Polarmeer nicht erreichen würde und somit bei den Vorgängen rund um das Meereis keine Rolle spielt.

Dem widersprechen aber Messungen aus dem westlichen Teil des Eurasischen Beckens, wo das Eisvolumen ebenfalls erheblich zurückgegangen ist. Viele Wissenschaftler führen das darauf zurück, dass das Atlantikwasser wegen des Auftriebs aus einigen hundert Metern Tiefe doch bis an die Meeresoberfläche gelangt. Dort erhöht es die Wassertemperatur und verhindert die Bildung von Meereis oder lässt bestehendes Eis schmelzen. Die Forschergruppe um Igor Polyakov von der University of Alaska in Fairbanks hat nun nach Auswertung vieler von driftenden Messbojen und von Forschungsschiffen gesammelten Daten herausgefunden, dass der Einfluss des Atlantikwassers auf die Meereisverhältnisse noch viel weiter nach Osten reicht als bisher angenommen.

Meereis zieht sich zurück

Wie die Gruppe, an der auch Forscher des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven und von der Universität Bremen beteiligt sind, in der Zeitschrift „Science“ berichtet, kommt es auch im östlichen Teil des Eurasischen Beckens, beispielsweise in der Laptewsee, zur Mischung des wegen seiner Wärme aufsteigenden Atlantikwassers mit dem Wasser des Polarmeeres. Diese Wärmezufuhr sei, so schreiben die Forscher um Polyakov, eine der wesentlichen Ursachen für den Rückzug des Meereises in diesem Gebiet.

Mehr zum Thema

So nahm beispielsweise die jeweils im Monat März gemessene Dicke des Meereises im Seegebiet zwischen Franz-Josef-Land und der Inselgruppe Sewernaja Semlja in den vergangenen 13 Jahren von knapp zwei Metern auf 1,3 Meter ab. Die Forscher nennen den sich anscheinend immer weiter ausbreitenden Einfluss des Atlantikwassers die „fortschreitende Atlantifizierung“ des Arktischen Ozeans.

Zur Homepage