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Klimawandel : Am oberen Ende ist noch Luft

Dunkle Wolken hängen über Paris Bild: Röth, Frank

Champagnerlaune auf dem Pariser Jubiläumsgipfel scheint eher unangebracht: Die Wissenschaft hat die düsteren Prognosen des Weltklimarates noch einmal korrigiert. Und die Gründe dafür sieht man jeden Tag am Himmel.

          Der Jubiläumsgipfel zum ersten Jahrestag des Weltklimaabkommens startet, und viele sehnen sich  nach einem klimapolitischen Motivationsschub.  Nach einem Hoffnungsschimmer womöglich, die Erderwärmung könnte vielleicht doch schneller eingedämmt werden als zuletzt befürchtet. Von wegen: Die Wissenschaft gießt kräftig Wasser in den Pariser Schampus, sie liefert  neue Daten zur Erderwärmung, aber sie liefert nichts Positives. Um  bis zu einem halben Grad höher als noch vom Weltklimarat IPCC kalkuliert könnte die Erwärmung des Planeten bis zum Ende des Jahrhunderts ausfallen: 4,8 Grad plus, im schlimmsten angenommenen Fall um plus 5,2 Grad.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Entscheidend dabei ist, dass es sich nicht um eine jener Klimamodellstudien handelt, die den Schalter  hochgedreht und die Anfälligkeit des Klimas für Treibhausgasemissionen künstlich gesteigert hat. Vielmehr sind die Daten, mit denen die Forscher der Carnegie Institution in Stanford gearbeitet haben, dazu geeignet, die Unsicherheit, die über die Klimaprognosen bestehen, deutlich zu senken. Um ein Drittel wurde die Unsicherheitsmarge verringert. Mit anderen Worten: Die Klimaforscher sind sich sicherer denn je, dass es bei fortgesetzten Treibhausgasemissionen global gesehen zu einer deutlichen Erwärmung und eben auch einer deutlich höheren Aufheizung der Atmosphäre  als erwartet kommt. Verglichen mit den vor zwei Jahren veröffentlichten letzten IPCC-Prognosen  bedeutet das eine Steigerung um 15 Prozent.

          Satelliten haben auch alle großen Gletscher Alaskas, Kanadas und Grönlands sowie der Antarktis im Blick.

          Was hat diesen plötzlichen Sprung in den Prognosen ausgelöst? Immerhin handelt es sich bei den IPCC-Werten um die Synopse Dutzender, vielfach evaluierter komplexer Klimamodelle. Der entscheidende Fortschritt, den Ken Caldeira und Patrick Brown aus Stanford liefern, liegt weniger in den Klimamodellen selbst, sondern in den zugrunde liegenden Beobachtungsdaten:  Die beiden haben Messdaten des Ceres-Satelliten berücksichtigt, der seit Jahren die von der Erdoberfläche zurückgestrahlte kurzwellige Strahlung des Sonnenlichts sowie die Rückstrahlung von wärmendem Infrarotlicht ermittelt. Auf die Weise haben sie zum ersten Mal ein klareres und von den Klimamodellen unabhängiges Bild von den Energieflüssen in der irdischen Atmosphäre erhalten. Dabei zeigte sich, dass besonders die schon länger als große Unbekannte gehandelten Wolken offenbar einen für die Klimazukunft überraschend deutlichen Einfluss ausüben. In die Klimamodelle eingerechnet, heißt das: Die Wolken verstärken die Erwärmung. Offenbar dominieren, je wärmer es wird und je schneller sich der Planet mit seiner Eis- und Vegetationsbedeckung  verändert, zunehmend jene Wolken, die die Wärmestrahlung einfangen, reflektieren und damit die Atmosphäre aufheizen. Die Ergebnisse sind in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlicht worden.

          Der britische Klimamodellexperte Richard Allen von der University Reading hält die kombinierte Modell-Beobachtungsstudie für enorm wichtig, weil sie  „zusätzliche Belege liefert und realistischer“ als bisherige Studien die Erwärmung der Atmosphäre abbildet: „Wir haben jetzt noch mehr Sicherheit, was die prognostizierte Erwärmung anbelangt.“ 

          Das Klima dürfte also noch empfindlicher auf die künftigen Treibhausgasemissionen reagieren als gedacht. Besonders stark wirkt sich das bei dem sogenannten RCP8.5-Szenario des IPCC aus, bei dem ein ungebremster Ausstoß - von heute an gesehen mehr als eine Verdoppelung -  von Kohlendioxid bis zum Ende des Jahrhunderts angenommen wird. Aber auch schon bei klimapolitisch gebremsten Emissionen ist diese höhere Sensitivität der Atmosphäre wirksam, und das bedeutet für die Klimapolitik: Die Maßnahmen zur Eindämmung der klimaschädlichen Treibhausgase müssten noch einmal weit über das von den Vertragsstaaten in Paris präsentierte - und ohnehin noch unzureichende – Maß hinaus gesenkt werden. Im besten Fall, bei sehr schnell sinkenden Emissionen, wäre eine Erwärmung zwischen 1,3 und 21 Grad bis zum Jahr 2100 am wahrscheinlichsten.    

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