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Dauerfrost in Deutschland : Deswegen könnte auch der März bitterkalt werden

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Ruppiger Nordostwind treibt klirrende Kälte nach Deutschland: Schnee an der Ostsee, Dauerfrost im Rheinland, und in Bayern sollte man sich besonders warm anziehen. Bild: dpa

Der Polarwirbel ist zerfallen, ganz Deutschland friert bei Temperaturen von bis zu minus dreißig Grad. Im Interview erklärt Meteorologe Lars Kirchhübel, was das für uns Menschen bedeutet – und wie sich das auf den Frühling auswirkt.

          Jetzt ist es doch noch richtig Winter geworden. Wie kalt wird es denn noch?

          Ziemlich kalt. Aus Osteuropa ist russische Arktikluft angezapft worden, sie strömte bis Sonntagabend gegen die Alpen und erfasste ganz Mitteleuropa. Da die Luft vom Kontinent kommt, ist sie knochentrocken. Das bedeutet Dauerfrost sogar im Rheinland, und nachts verbreitet Temperaturen unter minus zehn Grad.

          Viele sagen, es wird einfach nur Winter. Muss denn jeder Kälteeinbruch gleich eine Russenpeitsche sein?

          Die Russenpeitsche wird in letzter Zeit tatsächlich fast inflationär verwendet. Dieses Mal allerdings ist der Begriff ausnahmsweise nicht übertrieben, die Luftmasse, die nun zu uns strömt, ist bitterkalt. Sie weht direkt auf dem Landweg aus Russland nach Deutschland und wird deshalb kaum erwärmt. Vor allem in der Höhe ist es bis zu 15 Grad kälter als zu dieser Jahreszeit üblich.

          Das bisschen Dauerfrost rechtfertigt eigentlich nicht die mediale Hysterie, mit der dieser späte Wintereinbruch jetzt begleitet wird.

          In dieser Woche wird sich zeigen, wie außergewöhnlich das Ereignis wirklich wird. Bislang deutet vieles auf einen langandauernden Wintereinbruch hin. Wäre noch Januar, müssten wir mit zweistelligen Minusgraden selbst im Flachland rechnen, einzig der höhere Sonnenstand verhindert, dass es tagsüber so bitterkalt wird. Trotzdem kann es in einigen Hochtälern nachts richtig eisig werden, dort erwarten wir Temperaturen unter minus zwanzig Grad. Der große Rest muss sich nachts auf minus zehn Grad einstellen. Der Höhepunkt der Kältewelle wird am Mittwoch erwartet, ausgerechnet kurz vor dem meteorologischen Frühlingsanfang. Da kann es in Ostdeutschland und Bayern am Morgen sehr zapfig werden.

          Fällt wenigstens ordentlich Schnee, wenn es schon so kalt werden muss?

          Vorerst wohl nicht. Einzig an der Ostseeküste können Schneeschauer fallen und nennenswerten Schneezuwachs bringen; lokal fallen bis zu dreißig Zentimeter. Wegen des starken Nordostwindes ist jedoch mit starken Schneeverwehungen zu rechnen. Die Entstehung dieser Schneeschauer ist übrigens ein interessantes Phänomen, wir sprechen vom sogenannten Lake Effect. Dabei strömt die Frostluft über die verhältnismäßig warme Ostsee, hebt Wasserdampf in höhere Schichten, bildet Schneewolken und presst diese an der Küste sowie auf dem angrenzenden Binnenland regelrecht aus. Den ruppigen Nordostwind wird man im ganzen Land spüren, die Kälte fühlt sich dann noch kälter an, wie kleine Nadelstiche im Gesicht.

          Viele Frühblüher haben nach dem sehr milden Januar schon ausgetrieben. Rechnen Sie mit Frostschäden?

          Junge Austriebe werden wohl absterben. Aber das dürfte keine Schäden verursachen, da die Pflanzen einfach wieder austreiben. Schnee wäre gut, dann könnte er sich wie eine wärmende Decke über die Pflanzen legen. Ohne Schnee dringt der Frost direkt in den Boden.

          Am Kap Morris Jesup in Grönland, der nördlichsten Wetterstation an Land, ist die Temperatur vergangene Woche mitten in der Polarnacht über den Gefrierpunkt geklettert. Ist das Wetter gerade völlig aus dem Takt?

          Ja, es herrscht verkehrte Wetterwelt. Dort, wo normalerweise das Islandtief liegt, hat sich ein Hoch aufgebläht. Die Westwinddrift ist komplett eingeschlafen, der Atlantik blockiert. Dadurch strömt die warme Luft weit in den Norden. Diese Konstellation ist an sich nicht ungewöhnlich: Wenn es bei uns sehr kalt wird, wird es auf Spitzbergen und Grönland häufig sehr warm. Ungewöhnlich ist jetzt, was im nächsthöheren Stockwerk der Atmosphäre, der Stratosphäre, passiert ist.

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