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Gletscherschwund : Auf Sterbebegleitung in den Alpen

  • -Aktualisiert am

Kaum noch ein Schatten seiner selbst: Die Reste des Pizolgletschers in der Ostschweiz. Bild: Prisma Bildagentur

Nirgendwo zeigt sich der Klimawandel deutlicher als im Gebirge. Seit der Jahrtausendwende schmelzen die Gletscher deutlich schneller als erwartet. Eine Besichtigung vor Ort.

          Als wir uns im Frühherbst vornahmen, den Pizol in der Ostschweiz zu besteigen, hielt ich das noch für eine gute Idee. Der kleine Gletscher hat in diesem Hitzesommer besonders gelitten. Schauen wir mal nach, ob es ihn überhaupt noch gibt, dachte ich. Das Ziel liegt zudem nicht besonders hoch, mickrige 2800 Meter. Ich ging von einem Spaziergang im Gelände aus.

          Jetzt stapfe ich mit weichen Knien durch den Schnee, ramme jeden Schritt fest hinein, versuche konzentriert zu bleiben und bloß nicht an den Abgrund zu denken, der sich neben mir auftut. Ein paar Meter vor mir müht sich Matthias Huss ab. Sein Gang ist schwer, aber sicher. Schrittweise kommt er voran, links, rechts, links, rechts. Mit dem Wanderstock in der rechten Hand stützt er sich ab. Auf den Schultern trägt er Eisenstangen und Handbohrer. Sein Blick ist nach vorne gerichtet, zu unserem Ziel in Sichtweite. Der Pizolgletscher. Oder das, was nach diesem Sommer davon übrig geblieben ist: Ein paar Eisflecken lassen sich am gegenüberliegenden Hang noch erkennen. Der Gletscher scheint Geschichte zu sein. Er bewegt sich einfach nicht mehr fort. Huss sieht meinen Blick, hebt die Augenbrauen. Sollen wir umdrehen?

          Der Gletschervermesser Matthias Huss ist von Berufs wegen gut zu Fuß.

          Ausflüge in den Schnee sind für Matthias Huss nichts Ungewöhnliches. Er leitet das Schweizer Gletschermessnetz, immer im Früh- und Spätjahr erklimmt er für die ETH Zürich und die Universität Fribourg zahlreiche Berge und vermisst das Eis. Er liebt seinen Job, jedes Mal, wenn er wieder einen Fuß auf einen Gletscher setze, betrete er eine eigene Welt, sagt er. Von Ende August an ist er tagelang in der Schweiz unterwegs, rund hundert Gletscher stehen auf seiner Liste. Er muss sich beeilen, das Hochgebirge hält für die Forscher nur ein kleines Zeitfenster parat. Bricht früh der Winter ein, wird der Weg zum Ziel immer beschwerlicher und gefährlicher.

          Bleibt der Schnee aus, ist der Gletscher der Sonne direkt ausgeliefert

          Das Jahr war extrem. Erst der schneearme Winter, dann die frühe Hitze. Von Ende Mai bis Ende Juni herrschte in den Alpen eine der längsten Hitzephasen der vergangenen Jahrhunderte. Ungünstigere Bedingungen kann es für einen Gletscher nicht geben. Denn Schnee wirkt wie eine Decke, reflektiert die Sonnenstrahlen und schützt so das Eis. Fällt im Winter zu wenig oder ist er zu früh wieder weg, hat der Gletscher ein Problem. Sobald der Schnee geschmolzen ist, knallt die Sonne direkt auf das Eis. Deshalb werden die Verlustraten in diesem Jahr rekordverdächtig sein.

          Mittlerweile steht die Bilanz fest: Zwar reicht die Schmelze nicht an das Horrorjahr 2003 heran. Doch in diesem Jahr haben die Schweizer Gletscher zusammen mehr Eis verloren als im Hitzesommer 2015 und ähnlich viel wie 2011. Das Jahr 2017 gehört damit zu den drei, vier schmelzintensivsten Jahren in den vergangenen hundert Jahren.

          Noch zögern wir, unsere Tour abzubrechen. Dabei sah zunächst alles gut aus. Der Aufstieg von der Bergstation bis zum Pass war kein Problem, die Aussicht wie gemalt: Im Westen erhob sich die Alviergruppe, im Osten die Drei Schwestern, am Horizont schimmerte in der Ferne der Bodensee. Doch je höher wir kamen, desto mühsamer wurde es. Aus Schneeresten wurde eine geschlossene Schneedecke, am Pass sanken wir dann erstmals ein. Wir können allerdings nicht behaupten, dass wir nicht gewarnt wurden. Oben am Gipfel habe es stark geschneit, hat die Frau in der Talstation gesagt. Matthias Huss hat artig genickt. Und nicht lange überlegt. Mit der nächsten Seilbahn ging es hoch.

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