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Geothermie : Bohren für die Wärmewende

  • -Aktualisiert am

Der Bohrkopf für Geothermie-Bohrungen ist mit Industriediamanten bestückt. Bild: dpa

Was macht eigentlich die Geothermie? Energie aus dem Erdinneren wird auch in Deutschland bereits erfolgreich genutzt. Wenn nur die Kommunikation der Risiken etwas einfacher wäre.

          Es ist natürlich keine Frage, dass München spitze ist. Sei es im Autobau, beim Bierausschank in Festzelten und üblicherweise auch im Fußball. Eine weitere Erfolgsgeschichte spielt sich noch überwiegend im Verborgenen ab, was vielleicht von Vorteil ist, denn diese Branche hat keinen guten Ruf. Die Rede ist von der Geothermie: Bayerns Hauptstadt und ihr Umland führen heimlich eine Energiewende durch. Siebzehn Erdwärme-Anlagen sind mittlerweile in der Region in Betrieb, drei weitere befinden sich im Bau. Aus Bohrlöchern, die bis zu sechs Kilometer in den Untergrund reichen, wird kochend heißes Thermalwasser an die Oberfläche gefördert; stets verfügbare Wärme aus der Erdkruste heizt ganze Stadtteile und produziert Strom. Weder Treibhausgase entstehen dabei noch Atommüll, trotzdem wird diese Energiegewinnung bekämpft.

          Kritiker sagen, die Liste der Schadensfälle sei zu lang und das Bohren in die Tiefe keineswegs sicher. Befürworter hingegen sprechen von Einzelfällen und verweisen auf die Statistik. In mehr als 350.000 Fällen habe sich die Technik bewährt, rechnet der Branchenverband vor. Einige Male aber eben auch nicht: In Leonberg bei Stuttgart sackten vor Jahren Häuser ab, in Wiesbaden wurde eine Wasserblase angebohrt, in Landau und Basel bebte die Erde. Am schlimmsten aber traf es die Fachwerkstadt Staufen südlich von Freiburg. Zehn Jahre ist es her, dass bei einer Bohrung in geringer Tiefe Wasser in eine quellfähige Gipskeuper-Schicht gelangte. Der Untergrund hob sich wie aufgehender Hefeteig, an mehr als 250 Häusern entstanden Risse. Angesichts dieser Folgen lehnten viele Bundesbürger Eingriffe in den Untergrund kategorisch ab. Die Geothermie war praktisch tot.

          In Poing bebte wieder die Erde. Diesmal tauchten Risse auf

          Jetzt scheint es, als erlebe die Technik ein Comeback. Die Anlagen im Münchner Umland haben die Branche wiederbelebt. Schon kündigen die Stadtwerke München an, bis ins Jahr 2040 vollständig auf erneuerbare Energien umzusteigen. Ein Grund zu feiern: Jahrelang tagte der Bundesverband Geothermie im Ruhrgebiet, im September hat der Verband sein Jahrestreffen nun erstmals an der Isar ausgetragen. Mit Unterstützung der Landesregierung mietete man sich drei Tage in der schicken BMW-Welt ein, Staatsempfang in der Residenz inklusive. Das Treffen in München war nicht einfach ein Kongress. Es war ein Statement. Schaut her, Deutschland. Wir können es.

          Doch dann kam Poing. Drei Tage vor der Kongresseröffnung kam es in Poing im Landkreis Ebersberg zu einem leichten Beben mit der Stärke 2,1. Das Werk wurde auf Drängen der Gemeinde abgeschaltet. Die Erdstöße waren nicht die ersten ihrer Art in dem Landkreis östlich der bayerischen Metropole. Im Dezember 2016 und im Januar dieses Jahres wackelte dort bereits die Erde. Dieses Mal allerdings tauchten Risse auf. Sie zogen sich durch das Landratsamtsgebäude, eine Schule und etliche Privathäuser. Es passierte nichts Dramatisches, aber die Erschütterung kam zur Unzeit. Auf dem Weg in die Zukunft kam der Geothermie wieder einmal ihre Vergangenheit in die Quere.

          Poing wurde deshalb zum Hauptthema auf dem Kongress, auch in der Pressekonferenz drehten sich beinahe alle Fragen darum. Für die verbale Schadensbegrenzung war Inga Moeck vom Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik in Hannover zuständig, die Geologin untersuchte diese Erdstöße und beschwichtigte nun, das Beben sei nichts, wovor man sich fürchten müsse. Aber obwohl die Erdstöße weit weg vom Bohrloch aufgetreten seien, hielt Moeck es trotzdem für sehr unwahrscheinlich, dass ein natürliches Beben die Schäden verursachte. Die Indizien sprächen klar für die Geothermie als Verursacher – Mitte Oktober erscheint ihr Gutachten.

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