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Veröffentlicht: 10.06.2015, 09:36 Uhr

Geologie Wie kommen wir nur ins Anthropozän?

Unsere Spezies greift inzwischen derart tief in die Erdprozesse ein, dass man überlegt, ein neues geologisches Zeitalter einzuführen. Doch das ist gar nicht so einfach.

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© Daily Overview/Digital Globe Menschenerde: Ansichten aus der Anthroposphäre

Wer in der Augsburger Innenstadt Erdarbeiten plant, sollte sich das gut überlegen. Baggert man nur ein wenig zu tief, kommen römische Ziegel zum Vorschein, und wenn der Bauherr besonderes Pech hat, ein Mosaikfußboden. Die Reste der alten Provinzmetropole Augusta Vindelicorum bilden quasi eine eigene Schicht unter der Stadt, so wie darunter die Ablagerungen von Lech und Wertach oder der Eiszeit.

Ulf von Rauchhaupt Folgen:

Ob für eine Bodenschicht die Geologie zuständig ist, die Archäologie oder die Müllabfuhr, ist eine Frage der Perspektive. Doch erscheint es uns ungehörig, von Menschen Hinterlassenes als schnödes Sediment anzusprechen. Der Blick auf die Geschichte unserer Spezies als Teil der Erdgeschichte ist uns eigentümlich fremd. Natur und Kultur erscheinen scharf getrennt, und wenn die Auflösung dieser Trennung thematisiert wird, dann höchstens in Zukunftsvisionen. Dabei verschwimmt ihre Grenze auch beim Blick in die Gegenwart.

Mehr als Müll und Beton

Denn heute wirkt der Mensch so tief in das Naturgeschehen hinein, dass die Folgen über geologische Zeiträume hinweg nachweisbar bleiben werden. Gravierender als Müll und Beton sind dabei die Eingriffe in biologische und geochemische Kreisläufe. So entfallen heute 38 Prozent der Nettopflanzenproduktion der Biosphäre auf die Nutzung durch den Menschen. Die Rate, mit der Tier- und Pflanzenarten derzeit aussterben, liegt um das Hundert- bis Tausendfache über dem erdgeschichtlichen Durchschnitt. Die Freisetzung von CO2 aus fossilen Brennstoffen hat den Säuregrad des Meerwassers auf Werte gebracht, wie es sie zuletzt vermutlich vor 300 Millionen Jahren hatte. Und die Einführung des Haber-Bosch-Verfahrens zur Synthese von Kunstdünger hat die weltweiten Stickstoffkreisläufe so stark verändert wie seit 2,5 Milliarden Jahren nicht mehr.

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass eine Lebensform den Planeten umkrempelt. Das bisher größte Umweltdesaster der Erdgeschichte richteten vor mehr als zwei Milliarden Jahren die Cyanobakterien an, indem sie die Luft mit einem für die meisten damaligen Einzeller giftigen Stoffwechselprodukt anreicherten - dem Sauerstoff. Auch manche spätere geologische Ära definiert sich über Organismen und deren Hinterlassenschaften. Da erscheint es nur konsequent, wenn Geowissenschaftler nun darüber diskutieren, ob der Menschheit nicht mit der Einführung einer neuen geologischen Zeiteinheit Rechnung zu tragen ist.

Infografik / Anthropozän / Die geostratigraphische Tafel © F.A.Z. Vergrößern

Nach bisheriger Einteilung der jüngsten Erdgeschichte leben wir im Holozän. Das ist die jüngste von sieben Epochen, in welche die Geologen die Erdneuzeit (Känozoikum) gliedern, die Ära seit dem Untergang der Dinosaurier. Die Silbe -zän ist eine neulateinische Verballhornung des griechischen Wortes „kainos“ für „neu“. Denn die zunächst definierten erdneuzeitlichen Epochen wurden danach benannt, wie neu sie waren: Das Eozän (von „eōs“, der Morgenröte) stellte man sich als die Morgendämmerung der neuen Ära vor. Und im Miozän („meiōn“ bedeutet „geringer“) war weniger neu als im Pliozän („pleiōn“ heißt „mehr“). Später wurde die Einführung weiterer Begriffe auf -zän erforderlich, darunter Pleistozän („pleistōs“: „am meisten“) und eben Holozän, von „holos“ - „vollständig“, für die Epoche seit dem Ende der jüngsten Eiszeit vor 11 650 Jahren.

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