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Lufthygiene : Eine saubere Sache

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Die Sulcatflechte (Parmelia sulcata) kommt auch mit hohen Stickstoffbelastungen zurecht. Bild: Imago

Wer etwas über Schadstoffe in der Luft erfahren will, muss sich nur die Flechten an den Bäumen anschauen. Die gute Nachricht lautet: Es werden wieder mehr.

          Im Holzhausenpark in Frankfurt, direkt an einem schmalen Schotterweg, steht ein Zuckerahorn. Es ist ein unscheinbarer Baum. Aber für Ulrich Kirschbaum erzählt er eine Geschichte, die davon handelt, wie die Stadtluft in den vergangenen Jahrzehnten immer besser wurde.

          An diesem nassen Wintertag ist der Baum kahl. Um ihn herum liegen noch einige seiner geflügelten Früchte. Der Stamm jedoch schimmert grün, was an den Flechten liegt, die auf der Rinde wachsen. Weil es so feucht ist, haben sie sich mit Wasser vollgesogen. Vereinzelt sieht man gelbe Flecken, manche sind grau. Diese Flechten sind es, die dem Fünfundsiebzigjährigen so vieles verraten. Er zieht eine kleine Lupe aus der Tasche seiner beigen Jacke, beugt sich hinunter und betrachtet ein Exemplar, das wie ein winziger grüner Strauch aussieht. „Das ist eine Ramalina farinacea, die Mehlige Astflechte“, sagt Kirschbaum nach einiger Überlegung. Eine andere sieht aus, als würde sie aus Blättern bestehen, der Experte identifiziert sie als Parmelia sulcata. Elf Arten findet er auf Anhieb an diesem Baum. Das war nicht immer so.

          Flechtenwüsten sind ein schlechtes Zeichen

          „Vor ziemlich genau fünfzig Jahren bin ich schon mal hier gewesen“, erinnert er sich. Damals, Ende der Sechziger, habe es an diesem Baum überhaupt keine Flechten gegeben. Ulrich Kirschbaum beendete zu dieser Zeit sein Biologiestudium. Für die Examensarbeit untersuchte er die Flechten an 15.000 Bäumen in Frankfurt und Umgebung. Doch er fand nur einige Exemplare am Stadtrand, in der Innenstadt herrschte Flechtenwüste. Vor einigen Wochen ist er dann zufällig wieder in die Gegend gekommen, um seine Enkelin zu besuchen. Bei einem Spaziergang im Park habe er es nicht lassen können, sich die Bäume von damals noch mal anzuschauen, sagt er. Die vielen Flechten, die er dabei entdeckte, waren für ihn ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Luft in der Stadt viel besser geworden sein muss, denn die Gewächse reagieren sehr sensibel auf Luftverschmutzung.

          Einer der Ersten, der diesen Zusammenhang erkannte, war William Nylander. Mitte des 19. Jahrhunderts arbeitete der Finne als Botaniker an der Universität Helsinki. Nach sechs Jahren als Professor siedelte er nach Paris um, wo ihm im Jardin du Luxembourg etwas auffiel: Anders als in Finnland gab es hier kaum Flechten an den Bäumen. Nylander kam zu dem Schluss, dass es der viele Rauch in der Luft sein könnte, der sie in manchen Gegenden am Wachstum hindert.

          Luftschadstoffe bringen das sensible Gleichgewicht durcheinander

          Der Grund dafür liegt in der Natur der Flechten. Bei ihnen handelt es sich nämlich nicht um einen Organismus, sondern um eine Alge, die mit einem oder mit zwei Pilzen zusammenlebt. Die Alge betreibt Photosynthese, sie erzeugt mit Hilfe des Sonnenlichts Kohlehydrate. Der Pilz wiederum ernährt sich von diesen Kohlehydraten und baut damit auch den gemeinsamen Körper auf. Um an die Nahrung zu kommen, sondert er einen Stoff ab, der die Membran der Alge durchlässig macht. Dabei darf der Pilz jedoch nicht zu viele Kohlehydrate aufnehmen, denn sonst würden zunächst die Alge und dann er selbst verhungern.

          Eine grüne Lunge in Frankfurt: der Holzhausenpark

          Luftschadstoffe bringen dieses sensible Gleichgewicht durcheinander. Sie sorgen etwa dafür, dass die Membran der Alge durchlässiger wird und zu viele Kohlehydrate passieren lässt. Manche Schadstoffe stören auch die Photosynthese, wodurch die Alge ebenfalls zugrunde geht. Außerdem gibt es Gase wie das Schwefeldioxid, die sich in der Flechte in Salz umwandeln und den Wasserhaushalt der Zellen zerstören. All das macht einige der 25.000 bekannten Flechtenarten zu guten Bioindikatoren: Wo viele von ihnen vorkommen, ist die Luft sauber.

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