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Aktualisiert: 16.01.2016, 17:49 Uhr

Erdepoche „Anthropozän“ Die Narben der Zivilisation

Die Erdepoche „Anthropozän“ gibt es noch nicht. Der Begriff ist vor allem ein Bild - dafür, wie radikal wir den Planeten verändern. Jetzt gibt es neue, belastende Daten.

von Christian Schwägerl
© dpa Aufnahme der Nasasonde Lunar Reconnaissance vom Dezember 2015.

Um zu sehen, wie Menschen die Erde verändern, reicht ein Rundumblick im eigenen Leben: Unsere Städte aus Stein, Glas, Beton bilden weltweit eine neue geologische Struktur. Unser Essen kommt direkt aus vom Menschen dominierten Agrarlandschaften. Der Abfall, den wir erzeugen, landet auf Deponien. Jede Autofahrt, jeder Flug trägt zum Klimawandel bei. Doch summiert sich all dies, multipliziert mit der Zahl der Menschen, nicht nur zu den allseits bekannten Umweltproblemen, sondern zu viel mehr - einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän?

Jeder Schüler lernt heute, dass wir im Holozän leben, der geologischen Erdepoche, die mit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 11 600 Jahren begonnen hat. Es war der französische Zoologe und Paläontologe Paul Gervais, der 1867 diesen Begriff als Erster vorschlug, um das „gänzlich Neue“, so die Übersetzung aus dem Griechischen, vom vorangegangenen, von Kälte geprägten Pleistozän abzugrenzen. Für hundert Jahre blieb Gervais’ Idee jedoch alles anderes als selbstverständlich und gehörte nicht zum weltweiten Schulbuchwissen.

Zuerst dauerte es 18 Jahre, bis das Holozän-Konzept auf dem Dritten Internationalen Geologen-Kongress 1885 überhaupt offiziell Gehör fand. Für weitere 82 Jahre blieb seine Nutzung dann weitgehend auf Europa beschränkt. Erst 1967 akzeptierte nach langwierigen Diskussionen auch die US-amerikanische Kommission für stratigraphische Nomenklatur das Holozän und sorgte damit für eine weltweite Anerkennung.

Jahresrückblick 2015 - Müllkippe Ozean © dpa Vergrößern Müllkippe Meer

Geologen operieren nach den Kosmologen mit den größten Zeitabschnitten in der Naturgeschichte. Sie sind für alle Prozesse zuständig, seit die Erde sich gebildet hat. Deshalb sollten sie sich auch ausreichend Zeit nehmen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Erdgeschichte in stimmige, aussagekräftige und für die Forschung nützliche Kapitel und Unterkapitel einzuteilen ist ein schwieriges naturwissenschaftliches Unterfangen, bei dem Moden und Zeitgeist keine Rolle spielen sollten. Eine Disziplin, die alle paar Jahre eine neue Epoche ausriefe, stünde ziemlich schnell blamiert da.

Die 11 600 Jahre des Holozäns seien aus geologischer Sicht extrem kurz, ein Zwanzigstel der Zeit des vorangegangenen Pleistozäns, sagt Hans-Georg Herbig, Geologe an der Universität Köln und seit Jahresbeginn Vorsitzender der Deutschen Stratigraphischen Kommission (DSK). Typische Epochen würden mehrere Millionen Jahre dauern. Deshalb erscheint es ihm und manchem anderen Geologen auch verwegen, dass mit dem Anthropozän nun bereits über einen Nachfolger für das Holozän diskutiert wird. Mit wissenschaftlichem Nachdruck vorgeschlagen haben die „Epoche des Menschen“ der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und der Biologe Eugene Stoermer im Jahr 2000. Sie argumentierten, der moderne Mensch verändere Klima, Natur und Geologie der Erde so tiefgreifend und langfristig, dass dies einen neuen Einschnitt nötig mache. Im Holozän, so die Botschaft, war der Mensch noch von einer unerschöpflich wirkenden Umwelt umgeben, im Anthropozän gestaltet er diese selbst.

Seit 2009 beschäftigt sich im Auftrag der Internationalen Kommission für Stratigraphie, einer Institution, die über die Einteilung der Erdgeschichte wacht, die inzwischen 37-köpfige „Anthropocene Working Group“ unter dem Vorsitz des Geologen Jan Zalasiewicz von der britischen University Leicester mit der Frage, ob das Anthropozän in der Geologie offiziell anerkannt und letztlich auch in Schulbüchern landen soll. Dazu muss es strikte Kriterien erfüllen, vor allem, dass es einen globalen Umbruch darstellt, der langfristig messbar ist, sich deutlich von der bisherigen Epoche unterscheidet.

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