http://www.faz.net/-gwz-70jyx

Energie : Schmierentheater um schwarzen Sand

  • -Aktualisiert am

Ölsand ist wohl auch nicht die Zukunft der Petrochemie Bild: Canadian Press, CP

Das Klima wollen alle schützen. Trotzdem will keiner von Teer- oder Ölsanden als Ölquelle lassen. Amerika nicht und Kanada nicht. Der Abbau ist nicht nur ökologisch umstritten, er ist auch energieintensiv.

          Auf den ersten Blick könnte der Gegensatz kaum größer sein: Hier die pflanzenlose, vor Hitze flimmernde Sandwüste der Arabischen Halbinsel, dort die im Winter tiefgefrorene kanadische Arktis. Wer allerdings zwischen Saudi-Arabien und der Provinz Alberta im Westen Kanadas pendelt, wird schnell Gemeinsames entdecken, vor allem unterhalb der Erdoberfläche. Diese beiden Regionen stehen nämlich im Wettbewerb, die größten Vorräte an Kohlenwasserstoffen auf der Welt zu besitzen. Unter Saudi-Arabien stecken etwa 265 Milliarden Barrel (ein Fass zu je 159 Litern) förderbare Reserven, im Boden Albertas lagern je nach Rechenmodell zwischen 172 und 315 Milliarden Fass. Während das Schwarze Gold Arabiens aber in konventionellen Lagerstätten als Rohöl oder Erdgas vorkommt, steckt es in Alberta in einer an Knetmasse erinnernden zähen Mischung aus Sand, Lehm und Bitumen.

          Befreiung aus dem Opec-Knebel

          Solche Ölsande können nicht aus Bohrlöchern gefördert werden. Wie die Braunkohle in der Rheinischen Bucht müssen sie in riesigen Tagebauen ausgebaggert und dann aufwendig verarbeitet werden, bevor aus ihnen Rohöl wird. Vor allem in den Vereinigten Staaten gelten die kanadischen Ölsande als Befreiung von den Energieknebeln der Opec-Staaten. Für Kritiker, wie den Nasa-Klimatologen James Hansen, sind die Ölsande dagegen die schmutzigste Form fossiler Energie überhaupt und gelten als Sargnagel im Kampf um die Verminderung der Kohlendioxid-Emissionen.

          Das Wissen der Indianer

          Schon lange bevor europäische Siedler nach Alberta kamen, wussten die dort heimischen Cree-Indianer das in den Ölsanden steckende Bitumen zu nutzen, nämlich als Heilmittel für eitrige Wunden und als Dichtungsmaterial für Kanus. Europäer kamen im ausgehenden 19. Jahrhundert erstmals mit den Ölsanden an den Ufern des durch Alberta fließenden Athabasca-Flusses in Kontakt. Diese Lagerstätten sind mindestens 125 Millionen Jahre alt. Sie stammen aus der „obersten Unterkreide“, als ein großer Teil der Gegend östlich der heutigen Rocky Mountains unter einem flachen, tropischen Randmeer lag, Albian Sea. Die abgestorbenen Überreste der vielen in dem warmen Wasser lebenden Meerestiere lagerten sich als Biomasse auf dem Meeresboden ab. Von jüngeren Sedimentschichten begraben, verweste diese Biomasse anaerobisch ohne den Einfluss von Sauerstoff und wurde im Rahmen der Kerogenese allmählich zu Kohlenwasserstoffen.

          Reichliche Vorkommen

          Ähnliche Vorgänge spielten sich im Laufe der Erdgeschichte an vielen anderen Stellen ab, so in Texas, unter der Arabischen Halbinsel oder unter der Nordsee. In den Sanden des Athabasca-Beckens wurden die leichten Komponenten des entstandenen Rohöls allerdings von Mikroben verdaut. Zurück blieben die schwereren Anteile, die mit Sand und Lehm zu einer zähen Masse verklebten. Kanada ist keineswegs das einzige Land mit derartigen Vorräten. Solche Öl- oder Teersande gibt es in mindestens 70 Ländern der Erde, vor allem im Orinoco-Becken in Venezuela. Aber auch unter der Lüneburger Heide stieß man schon vor mehr als 150 Jahren auf diesen Stoff. Aus einem Bergwerk in der Nähe der Ortschaft Wietze wurde zwischen 1918 und 1964 unter Tage so viel Ölsand abgebaut, dass man daraus insgesamt eine Million Tonnen Rohöl gewinnen konnte. Nirgendwo sonst steckt aber derart viel Öl im Sand wie in der kanadischen Provinz Alberta. Unter einer Fläche, die etwa eineinhalbmal so groß wie Niedersachsen ist, liegen dort mehr als 60 Prozent aller bisher bekannten Ölsandreserven der Welt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Forcadell: Europa kann nicht mehr wegsehen!

          Die Präsidentin des katalanischen Parlaments kritisiert die Untätigkeit der EU im Katalonien-Konflikt. Diese ignoriere eine „offensichtliche Verletzung von Grundrechten in einem ihrer Mitgliedstaaten“, schreibt Carme Forcadell in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. In Spanien gebe es wieder politische Gefangene.
          Am 20. März 2012 herrschten an der Ozar-Hatorah-Schule in Toulouse Trauer und Fassungslosigkeit. An diesem Tag wurden die Leichen von drei Schülerinnen und eines Lehrers überführt, die der Islamist Mohamed Merah mit Kopfschüssen ermordet hatte. Ihre letzte Ruhe fanden die Opfer in Israel. In Frankreich scheint das vergessen.

          Judenhass in Frankreich : Die Täter machen es wie die Nazis

          Verbrechen an Juden werden totgeschwiegen – und in der Banlieue grassiert der islamische Antisemitismus: Die feministische Philosophin Elisabeth Badinter klagt Frankreichs Medien und Politik an.
          Turbinenherstellung von Siemens in Berlin.

          F.A.Z. exklusiv : Siemens schließt Standorte in größter Konzernsparte

          Die Nachfrage nach Kraftwerken ist wegen der Energiewende fast um die Hälfte gesunken. Siemens hat dafür zu viele Werke und muss mit drastischen Maßnahmen reagieren. Tausende Stellen sind betroffen.

          Streit bei den Republikanern : Bannons Krieg gegen die eigene Partei

          Trumps ehemaliger Chefstratege Bannon nimmt dessen Versprechen, in Washington „den Sumpf trockenzulegen“, ernst. Dafür will er moderate Republikaner aus dem Kongress werfen und durch Ultrarechte ersetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.