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„Schillerlocken“-Haie : Eine ungewöhnliche Vorliebe für Ammoniak

  • -Aktualisiert am

Knorpelfische wie Glatthaie und Dornhaie haben für körpereigene Abfallstoffe wie Harnstoff eine zweckmäßige Verwendung. Bild: dpa

Dornhaie produzieren mit dieser Stickstoffverbindung Harnstoff und vermeiden damit energiezehrendes Entsalzen von Meerwasser.

          Ammoniak ist giftig, auch für Fische. Deshalb schleusen Knochenfische dieses Abfallprodukt ihres Stoffwechsels umgehend aus dem Körper heraus. Der Dornhai - in kulinarischem Kontext oft als Schillerlocke oder Seeaal bekannt - nimmt dagegen Ammoniak auf. Wohl um es als Stickstoff-Quelle zu nutzen. Das haben Chris Wood und Marina Giacomin von der University of British Columbia in Vancouver bei der pazifischen Variante des Dornhais (Squalus acanthias suckleyi) entdeckt. Wie die Forscher im „Journal of Experimental Biology“ berichten, quartierten sie einige kleine Haie zeitweilig in mit Ammoniak angereichertem Meerwasser ein.

          So konnten sie herausfinden, wie viel Ammoniak die Tiere jeweils aufnehmen, wenn sie unterschiedlichen Konzentrationen ausgesetzt werden. Es zeigte sich, dass Ammoniak nicht einfach durch Diffusion in den Körper der Dornhaie gelangt. Vielmehr wird es über spezielle Proteine aktiv hineintransportiert. Doch was fangen die Haie an mit dem Ammoniak, das sie sich freiwillig einverleiben? Vermutlich produzieren sie daraus Harnstoff. Viel weniger giftig als Ammoniak, spielt diese Stickstoffverbindung im Stoffwechsel von Knorpelfischen eine wichtige Rolle.

          Segensreicher Harnstoff

          Harnstoff entsteht, wenn Haie überflüssiges Eiweiß abbauen. Und anders als Knochenfische, die ja stattdessen Ammoniak erzeugen, haben Knorpelfische für ihr Abfallprodukt eine zweckmäßige Verwendung: In ihren Körperflüssigkeiten reichern sie Harnstoff derart an, dass ihr osmotischer Wert dem des Meerwassers gleicht. So vermeiden sie, Wasser an ihre salzige Umgebung zu verlieren. Folglich brauchen Knorpelfische kein Meerwasser zu trinken und mit hohem Energieaufwand zu entsalzen, wie bei den Meeresbewohnern unter den Knochenfischen üblich.

          Haie tun also gut daran, den im Stoffwechsel anfallenden Harnstoff bei sich zu behalten. Dass durch Diffusion über die Kiemen trotzdem einiges verlorengeht, ist jedoch unvermeidlich. Deshalb muss laufend Eiweiß abgebaut werden, um die Harnstoff-Konzentration konstant zu halten. Nach Einschätzung der Forscher müsste ein Dornhai einen Gutteil der Proteine, die in seiner Nahrung stecken, zu diesem Zweck verwenden. Einen Teil des benötigten Harnstoffs aus Ammoniak herzustellen wäre somit von Vorteil: Die Dornhaie könnten dadurch Protein einsparen und in Wachstum oder Fortpflanzung investieren.

          Der Dornhai gilt als Delikatesse

          Auf hoher See findet sich Ammoniak zwar in viel zu geringer Konzentration, um als Ressource nutzbar zu sein. Dornhaie leben aber auf dem Meeresgrund, häufig in küstennahen Bereichen. Dort dürften sie ausreichende Mengen an Ammoniak einsammeln, mit denen sie etwa ein Drittel ihres Harnstoffbedarfs decken. Mancherorts liefert intensive Aquakultur besonders viel Ammoniak, etwa bei der Aufzucht von Lachsen. Noch mehr stammt heutzutage freilich aus der Landwirtschaft. Was von üppig gedüngten Wiesen und Feldern in Bäche und Flüsse sickert, wird teils bis ins Meer verfrachtet.

          Profitiert der Dornhai etwa von einer Überdüngung, unter der viele andere Meeresbewohner leiden? In allzu großen Mengen scheint Ammoniak auch ihm schlecht zu bekommen. Allerdings ist nicht das die Ursache davon, dass der Dornhai in etlichen Regionen seines globalen Verbreitungsgebiets rar geworden ist. Zum Verhängnis wurde ihm, dass sein zartes Fleisch - meist unter irreführenden Namen angeboten - als Delikatesse gilt. Die Population im nordöstlichen Atlantik ist auf der Roten Liste der „International Union for Conservation of Nature and Natural Resources“ (IUCN) sogar als „critically endangered“ vermerkt. Das entspricht der letzten Stufe vor dem Aussterben.

          Dornhaie wachsen ausgesprochen langsam, und die meisten Exemplare werden kaum einen Meter lang. Erst im Alter von etwa zehn Jahren sind die Männchen fortpflanzungsfähig. Weibliche Dornhaie sind sogar doppelt so alt, wenn sie erstmals Nachwuchs zur Welt bringen. Bis zu zwei Jahre brauchen die - selten mehr als zehn - Jungen, um im Mutterleib heranzuwachsen. Ausgeplünderte Populationen können sich deshalb nur sehr langsam wieder erholen. Da hilft es den Dornhaien auch nichts, dass sie ihren Speiseplan raffinierterweise mit Ammoniak anreichern.

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