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Klimaforschung : Der Planet steht, das System wankt

Keine echte Option, sondern düstere Vision: Klimawandel im Kinohit „The Day After Tomorrow“ Bild: Picture-Alliance

Von wegen Pause: Im Meer, im Eis, im Grünen und in großer Höhe, der Klimawandel kommt immer schneller auf Touren und hinterlässt radikaler denn je seine Spuren in den Datenreihen.

          Schwierige Zeiten für gute Vorhersagen: Der Klimawandel überschlägt sich. So klingt es jetzt immer öfter. Doch stimmt das? Sind die bisherigen Vorhersagen noch haltbar? Für jene, die der Klimaforschung schon seit Jahrzehnten überkritisch begegnen und die Klimaprognosen – oft politisch motiviert – pauschal als Humbug abtun, waren sie das noch nie. Für die anderen, die auf dem Teppich wissenschaftlicher Empirie geblieben sind, verdichtet sich eine beklemmende Erkenntnis: Klimaprognosen werden von der Realität tatsächlich nicht nur eingeholt, sie werden immer öfter überholt – und bleiben deshalb ein heikles Geschäft. Je schneller die Dinge physikalisch wie ökologisch aus den Fugen geraten, desto schwerer die Aufgabe der Vorhersage – und der Politikberatung. Zuerst geht die Übersicht verloren, danach beginnt das Chaos. Der Klimawandel als Blackbox?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Tatsächlich motiviert die Klimaforschung derzeit mit ihren Datenanalysen so etwas wie eine „neue Radikalität“ im ökologischen Denken. Ein Vokabular, das nicht nur auf Parteitagen auftaucht, sondern auch vom Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, auf einer UN-Pressekonferenz jüngst verwendet wurde: Die Schlagzeilen würden dominiert von Spannungen und Konflikten auf der Welt, sagte Guterres in New York, „die Wahrheit aber ist, dass der Klimawandel die größte systemische Bedrohung für die Menschheit ist“. 320 Milliarden Dollar Schäden durch Naturkatastrophen allein im vergangenen Jahr, historische Hurrikanschäden in der Karibik, 41 Millionen Asiaten, die durch die Rekordmonsunfluten in Mitleidenschaft gezogen wurden, 900.000 Afrikaner, die 2017 dürrebedingt ihren Grund und Boden aufgeben mussten, und das Meereis der Arktis mit der historisch niedrigsten Winterausdehnung.

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          Klimawandel legt an Tempo zu

          Ein Jahr der Katastrophen, aber auch ein Fanal für den Klimawandel, wie es der UN-Generalsekretär zu vermitteln versuchte? Tatsächlich gibt es empirisch immer mehr Indizien dafür, dass die ursprünglichen, im Wissenschaftsjargon als „konservativ“ – als zurückhaltend und vorsichtig – interpretierten Entwicklungen das wahre Ausmaß der globalen Veränderungen nicht mehr adäquat wiedergeben – immer weniger jedenfalls. Die Beschleunigung des Wandels legt an Tempo zu, an verschiedenen Stellen des Systems Erde sogar massiv. Entsprechend sollte sich die Lage vielerorts ökologisch auch immer schneller zuspitzen.

          Extremwetter treten durch den Klimawandel schon merklich häufiger auf.
          Extremwetter treten durch den Klimawandel schon merklich häufiger auf. : Bild: dpa

          Radikale Thesen wie diese verlangen radikale Belege. Bislang war man damit eher zurückhaltend in der Forschung. Verlässliche und auch historisch aussagekräftige Datenreihen gab es nicht viele. Das ändert sich angesichts der neuen Dimension des Wandels nun Jahr für Jahr. Immer neue Vorzeichen und Anzeichen einer galoppierenden Entwicklung werden sichtbar und wissenschaftlich publiziert.

          So wie die Studie einer internationalen Gruppe von Ornithologen, die sich die Aufzeichnungen von 145 Populationen von Seevögeln vorgenommen und die Brutbiologie der sechzig Arten bis zurück in die fünfziger Jahre verfolgt haben. In der Zeitschrift „Nature Climate Change“  berichten sie von einer beunruhigenden ökologischen Phasenverschiebung: Obwohl sich das Angebot an Nahrung – Algen, Plankton und Früchte – speziell in den kälteren Regionen schon um viele Tage nach vorne verschoben hat, bleiben viele Seevögel bei ihrem angestammten Brutrhythmus. Sie brüten neuerdings, wenn der Höhepunkt des Nahrungsangebots längst überschritten ist. Oder, wie es der Göttinger Wildbiologe Johannes Lang als Mitautor für die von ihm untersuchten Falkenraubmöwen auf Grönland gezeigt hat, den Vögeln geht die Beute über lange Zeiträume mehr oder weniger ganz aus.

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