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Aussterbende Arten : Die überhitzte Natur

Rettungsplan Küken: Um ausgestorbenen oder stark bedrohten Vogelarten eine Zukunft zu schenken, haben schottische Gentechniker des Roslin-Instituts (das Klonschaf „Dolly“ stammt von dort) Hennen gezüchtet, denen ein Gen fehlt: DDX4. Diese Vögel legen keine Eier. Pflanzt man diesen Tieren im frühen Embryonalstadium Keimzellen mit dem Genmaterial der bedrohten Verwandten ein, wächst der Embryo zu einer eierlegenden Henne – und bringt Nachwuchs der bedrohten Art auf die Welt. Bild: Norrie Russell, The Roslin Institute

Welchen Anteil hat die Erderwärmung am Artensterben? Lange war das unklar, inzwischen ist die Datenlage eindeutig. Nur wärmeliebende Arten profitieren, der große Rest ringt mit dem Wandel.

          Was für ein Jagen und Schlachten muss das gewesen sein: Echsen, zweimal so groß wie ein Nilkrokodil, wurden ausgerottet, drei Zentner schwere Vögel, ebenso Schildkröten, groß wie ein Mittelklassewagen und Kängurus, die fast eine halbe Tonne wogen. Der Fleischhunger der ersten Siedler auf dem australischen Kontinent war gewaltig, schnell breitete sich der Mensch aus, und innerhalb einiger hundert Generationen, angefangen vor schätzungsweise 50.000 Jahren, hatten die blutrünstigen Zweibeiner praktisch die gesamte Megafauna - sämtliche Großtiere des Kontinents - ausgelöscht. Das ist das wüste Szenario, das australische Wissenschaftler der Monash University in Victoria zeichneten, nachdem sie Pilzsporen, Exkrementreste und Pollen in Sedimentkernen ausgewertet hatten.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Vor allem die Sporomiella-Pilzsporen, die auf das Vorkommen pflanzenfressender Säuger hindeuteten, ließen den Schluss zu: In der Zeit von vor 150.000 Jahren bis vor 45.000 Jahren müssen große Weidetiere und mächtige Räuber den Südwesten Australiens bevölkert haben - ein waldreiches Gebiet, das aus heutiger Sicht ein „Hotspot“ der Biodiversität, ein Brennpunkt der Artenvielfalt, gewesen war. „Der sich ausbreitende Mensch und nicht etwa der Klimawandel waren Ursache des Großtiersterbens“, schrieben die Autoren um Sander von der Kaars in der Zeitschrift „Nature Communications“. Es war eine Diagnose, man hört es, die sich gegen eine gängige Grundannahme wendet. Tatsächlich ist der Klimawandel zum dominierenden Thema der Biodiversitätsforschung geworden. Das Paradigma heute lautet: Der beschleunigte Klimawandel ist die mächtigste evolutionäre Kraft der Gegenwart und der Zukunft - und damit indirekt natürlich auch der moderne Mensch als Verursacher der globalen Erwärmung.

          Auch als eine internationale Gruppe vor kurzem in „Science Advance“ die „Aussterbekrise“ unserer nächsten Verwandten, der Primaten, veröffentlichte, tauchte der Begriff Klimawandel auf - allerdings doch eher am Rande. Von den 504 Primatenarten in 79 Gattungen sind mittlerweile 60 Prozent vom Aussterben bedroht, bei drei Vierteln schrumpfen die Populationen weiterhin dramatisch - an vorderster Stelle die der Menschenaffen. Als Erklärung dafür werden immer noch zuerst Abholzungen, Lebensraumzerstörung durch Siedler, Farmer und Industrien genannt und der vielerorts nicht nachlassende Blutdurst der Menschen: „Bushmeat“, Wildfleisch von Affen, ist immer noch Nahrungsquelle für die Armen. Eine der großen Sorgen der Wissenschaftler freilich, die in der Studie zum Ausdruck kam, bezieht sich auf die neuen „Synergien der Bedrohung“: Der weltweite Klimawandel könnte rasch neue Krankheiten bringen, und die letzten Refugien der Primaten könnten in kürzester Zeit verschwinden.

          Nicht überall ist der Klimawandel gleich stark beobachtbar

          Dieses Denken setzt sich immer stärker durch: Ein Schrumpfen der Wildpopulationen und das Aussterben sind kaum noch ohne den Klimawandel zu denken. Aber wie seriös sind solche Zuschreibungen, wie steht es um die Kausalitäten? Die Datenbasis dafür war, jedenfalls in den Jahren, als die Vereinten Nationen die Konvention zum Schutz der Biodiversität aushandelten, in den neunziger Jahren also, dünn. Anekdoten gab es viele, Einzelbeobachtungen schließlich immer mehr. Aber es fehlten - nicht zuletzt, weil zwar die Klimatologie, aber weniger die Biodiversitätsforschung vom Klimaboom profitierte - große Datenreihen und umfassende Studien. Hinzu kommt: Nicht überall haben sich die Atmosphäre, Flüsse, Seen und die Meere so rasch erwärmt wie etwa im äußersten Norden, wo die Erwärmung mit zweieinhalb Grad in hundert Jahren um das Zwei- bis Dreifache über dem globalen Schnitt liegt. In vielen Erdregionen sind die Veränderungen noch eher subtil und die Folgen noch schwer zu interpretieren - in einer Natur, für die natürliche Populationsschwankungen das Normale und kurzfristige Einbrüche nichts Besonderes sind.

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