http://www.faz.net/-gwz-8p6te

Bioenergie : Die unpopulären Wege aus der Klimafalle

  • -Aktualisiert am

Klimafreundliche Energie? Der Hof eines Bioenergie-Unternehmens im Kreis Hildesheim. Bild: dpa

Wind und Solarenergie sind klimafreundlich. Aber auch Biomasse und C02-Abscheidung werden diskutiert, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Warum verweigert sich die Politik diesen Techniken?

          Dass sich Klimaforschung und Klimapolitik immer im Gleichklang bewegen, kann trotz einer stark ausgebauten Beratungslandschaft nicht ernsthaft erwartet werden. Wissenschaft und Politik funktionieren jeweils nach ihren eigenen Logiken, auch in zeitlicher Hinsicht. Dennoch mag es verwundern, dass es beim Thema „negative Emissionen“ so lange dauert, bis es den Weg von der wissenschaftlichen Modellierung in den klimapolitischen Mainstream findet.

          Die Idee, der Erdatmosphäre in großem Umfang Kohlendioxid (CO2) zu entziehen, wurde schon Ende der neunziger Jahre entwickelt. Der Weltklimarat IPCC entschied bereits im Jahr 2007, den zukünftigen Einsatz von Technologien zur CO2-Entnahme in seine Modelle mit einzubeziehen, da das Zwei-Grad-Ziel mit konventionellen Klimaschutzmaßnahmen allein kaum erreichbar schien. Der 1,5-Grad-Beschluss des Pariser Klimagipfels erhöht den Bedarf an Negativemissionen noch einmal deutlich. Das zur Einhaltung des 1,5-Grad-Limits noch verbleibende CO2-Budget dürfte binnen fünf Jahren aufgebraucht sein, jenes für zwei Grad Ende 2030. Jede Tonne Kohlendioxid, die danach noch ausgestoßen wird, müsste der Atmosphäre später wieder entzogen werden.

          Doch eine klimapolitische Debatte über negative Emissionen findet bislang nicht statt. Gründe dafür gibt es viele. Erstens ist der Einsatz der entsprechenden Technologien politisch unattraktiv. Zweitens kommuniziert die Klimaforschung nur ungenügend, dass der Einstieg schon bald beginnen müsste, die Zeit also drängt. Und drittens stellt eine forcierte CO2-Entnahmepolitik viele gängige klimapolitische Annahmen auf den Kopf.

          Bioenergie: Eine politisch riskante Technik

          Anders als von Forschern und wissenschaftlichen Beratern meist angenommen, denken politische Entscheidungsträger und die Spitzen der Verwaltung nicht primär vom Problem her, sondern von den präferierten Lösungsansätzen. Da etwa hierzulande bereits eine langfristige Vision etabliert ist, die vor allem auf Wind, Sonne und Energieeinsparungen setzt, wäre das Eintreten für Negativemissions-Technologien wie BECCS, bei der die Nutzung von Bioenergie mit der Abscheidung und Speicherung des anfallenden CO2 kombiniert wird, politisch äußerst riskant. Die energetische Biomasse-Nutzung wird im Rahmen der Energiewende eher zurückgedrängt, und CCS hat in Deutschland vermutlich weniger Anhänger als die Atomenergie. Auch für andere Technologien wie die direkte CO2-Abscheidung aus der Umgebungsluft oder die Kalkung der Ozeane lässt sich im politischen Raum wahrscheinlich nur wenig Zuspruch mobilisieren. Selbst in der Forschungsförderung fristen CO2-Entnahmetechnologien ein Schattendasein.

          Der klassische Einwand gegen eine Auseinandersetzung mit negativen Emissionen betont, dass der Fokus auf Emissionsminderungen liegen müsse, alles andere lenke nur vom Wesentlichen ab. In der Tat geht es aus Sicht des IPCC nicht darum, konventionellen Klimaschutz durch negative Emissionen zu ersetzen. Aber ohne zusätzliche Kohlendioxid-Entnahme reicht konventioneller Klimaschutz nicht mehr aus, um ambitionierte Klimaziele zu erreichen. Der Einstieg in die entsprechenden Technologien müsste vor 2030 gelingen, um deren Nutzung dann über Jahrzehnte hinweg auszubauen, bis die negativen schließlich die residualen „positiven“ Emissionen übersteigen und die globale Netto-Kurve nach 2070 unter die Null-Linie fällt. Der IPCC hat in seinem Zwei-Grad-Szenario „RCP2.6“ stets nur die Netto-Bilanz illustriert und damit den Eindruck befördert, Negativemissions-Technologien seien ein Thema für die übernächste Generation.

          Solarenergiefelder im spanischen Sanlucar La Mayor: In der Politik beliebte Technik für den Klimaschutz.
          Solarenergiefelder im spanischen Sanlucar La Mayor: In der Politik beliebte Technik für den Klimaschutz. : Bild: AFP

          Doch selbst die Botschaft des IPCC, dass die Weltgemeinschaft bis zum Jahr 2100 Emissionsminderungen von weit über 100 Prozent erbringen muss, wenn sie die Erwärmung auf zwei Grad limitieren will, ist politisch nicht angekommen. Sie übersteigt offenkundig die Grenzen des Vorstellbaren. Bislang galt implizit, dass Vorreiter im Klimaschutz ihre Volkswirtschaften einfach nur schneller auf erneuerbare Energien und CO2-neutrale Prozesse umstellen müssen. Andere Staaten und Branchen würden später folgen, bis alle annähernd bei null stehen. Die inzwischen zur Erreichung ehrgeiziger Klimaziele notwendige Erweiterung um CO2-negative Prozesse bedeutet dabei mehr als eine abermalige Verschärfung von Klimaschutzvorgaben. Ein globales Klimaziel von minus 125 Prozent lässt viel mehr Raum für Differenzierungen zwischen Staaten und Branchen. Es stellt auch infrage, ob die Vorreiter stets Nachahmer finden werden. Was hindert Indien und China daran, für die EU ein Klimaziel von minus 150 Prozent für angemessen zu halten, während man selbst allenfalls minus 80 Prozent schaffen könne? Was sagt die Strombranche dazu, dass der IPCC bei der CO2-Entnahme primär auf BECCS setzt und ihr damit die Aufgabe zuweist, geringere Minderungspotentiale bei Verkehr, Gebäuden oder Landwirtschaft zu kompensieren? Und was ist die Position der Länder in den tropischen Regionen, denen die Aufgabe zukommen würde, einen Großteil der Biomasse zu liefern?

          Die internationale Klimapolitik hat in den vergangenen Jahren zwar große Fortschritte gemacht, aber, gemessen am Zwei-Grad-Budget, hat wirksamer Klimaschutz viel zu lange auf sich warten lassen. Gerade Deutschland und die EU, die ihre Klimapolitik stets in enger Rückbindung an die Klimaforschung formuliert haben, sollten den vom IPCC herausgearbeiteten Zielkonflikt ernst nehmen und die entsprechenden politischen Konsequenzen ziehen. Wenn man die in Paris beschlossenen Temperatur-Ziele nicht aufgeben will, muss man auch unpopuläre Technologieoptionen zur Diskussion stellen und zumindest deren Erforschung fördern.

          Die Autoren

          Oliver Geden leitet die Forschungsgruppe EU/Europa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

          Stefan Schäfer leitet die Forschungsgruppe „Climate Engineering in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik“ am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS).

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Wie gerecht ist Klimaschutz?

          Umweltpolitik : Wie gerecht ist Klimaschutz?

          Keine Zeit zum Ausruhen: Die Umweltpolitik hat ihre Ziele formuliert, aber moralisch steckt sie in der Zwickmühle. Stehen sich Fortschritt und die Bekämpfung der Armut im Weg?

          Topmeldungen

          Sehen neue Konkurrenten: Weidel und Gauland am Montag

          Nach Aus für Jamaika : Ihr gelbes Wunder

          Auch die AfD hatte auf eine große Koalition gehofft. Sie versprach sich von Jamaika goldene Zeiten in der Opposition – nun muss sie jedoch die Liberalen fürchten.

          Die FDP und Jamaika : Lindner fehlt das Vertrauen

          Die FDP war, was den Erfolg der Jamaika-Sondierungen angeht, nie besonders zuversichtlich. Da sie fürchtete, keines ihrer Projekte verwirklichen zu können, hat sie ein Versprechen platzen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.