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Białowieża-Urwald : Wie der Vollernter im Walde

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Im Urwald von Białowieża sind mehr als zwanzigtausend Tier- und Pflanzenarten heimisch. Unter Biologen gilt er als lebendes Labor, in dem sich untersuchen lässt, wie weite Bereiche Europas einst ausgesehen haben. Bild: mauritius images

Im polnischen Białowieża wird neuerdings kräftig geholzt. Naturschützer und Forscher protestieren. Was ist los in einem der letzten Urwälder Europas?

          Als sie das Motorgeräusch hört, schreckt Joanna Pawluśkiewicz zusammen. „Was ist los? Kommen Sie schon?“, ruft sie einem Mitstreiter zu. „Ja, da ist ein Auto“, antwortet der. Pawluśkiewicz wirft ihre Chipstüte, aus der sie gerade noch gegessen hat, beiseite und legt sich auf ein paar Holzbretter, die mit Decken bespannt sind, um sich vor dem kalten und feuchten Waldboden zu schützen. Ihren Arm steckt sie in ein Rohr und befestigt ihn darin mit einer Kette. Das Rohr wiederum hängt an einem schweren Fass. Es soll verhindern, dass man sie wegtragen kann. So liegt sie nun da, gemeinsam mit drei anderen Umweltaktivisten, und wartet auf das Auto, dessen Motorgeräusch immer lauter durch den dichten Wald dringt.

          Hinter den Fässern haben die Umweltschützer ein gut fünf Meter hohes Dreibein aus Baumstämmen aufgestellt, auf dem zwei Personen sitzen. Mit dieser Blockade wollen sie die Wolfsschneise sperren. Sie führt vom streng geschützten Teil des Białowieża-Nationalparks durch den Wald nach Westen bis zu einem Dorf, in dem die Aktivisten derzeit ihr Lager aufgeschlagen haben. Rechts und links stapeln sich auf mehreren hundert Metern dieses Weges die Stämme gefällter Fichten. Manche der Bäume sind mehr als einhundert Jahre alt. Der Geruch von Harz liegt in der Luft, denn an diesem Tag im Oktober ist es nicht mal einen Monat her, dass die Bäume gefällt wurden. Jetzt sind sie zum Abtransport bereit. Genau den soll die Blockade verhindern.

          Seit Mai liefern sich die Umweltschützer ihre Scharmützel mit den Förstern. Stets sind um die zwanzig von ihnen im Lager, wo sie schlafen, sich mit mit Essen versorgen oder Demonstrationen organisieren. Es sind Menschen aus ganz Europa, die für einige Wochen in den Białowieża-Urwald kommen. Joanna Pawluśkiewicz ist eigentlich Drehbuchautorin. Die Zweiundvierzigjährige ist von Anfang an dabei, in einem Kampf, der längst über die Grenzen des Waldes hinausgewachsen ist. Es geht um die Deutungshoheit, wie man dieses Ökosystem mit seinen mehr als zwanzigtausend Tier- und Pflanzenarten am besten schützt. Es geht um europäisches Recht. Und es geht um ein Symbol Polens. „Australien hat sein Great Barrier Reef, die Vereinigten Staaten ihren Grand Canyon, wir haben die Puszcza“, fasst es Pawluśkiewicz zusammen. Puszcza (gesprochen Pusch-tscha) ist das polnische Wort für Urwald, für viele Polen ein Synonym für das ganze Białowieża-Gebiet.

          Die Förster bekämpfen einen Käfer und gehen dabei rabiat vor

          Der aktuelle Konflikt begann im März 2016, als Polens Umweltminister erlaubte, in dem geschützten Wald mehr Bäume als bisher zu fällen. 140.000 Kubikmeter Holz haben die lokalen Forstämter hier in diesem Jahr allein bis August eingeschlagen. Das ist das Dreifache dessen, was seit 2012 im Durchschnitt pro Jahr geerntet wurde. Als offizieller Grund wird der Kampf gegen den Buchdrucker genannt. Dieser Käfer legt seine Larven in der Rinde von Fichten ab und kann die Bäume töten. Um den Befall einzudämmen, fällen die Förster angegriffene Bäume und schaffen sie aus dem Wald heraus. Außerdem entfernen sie tote Fichten an den Wegen, um für die Sicherheit der Besucher zu sorgen. Umweltschützer und Wissenschaftler kritisieren dieses Vorgehen und auch die Methoden der Förster.

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