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Bedrohte Rentiere : Schnee wäre besser als Regen

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Bild: Imago

Die Herden der wilden Rentiere schrumpfen. Auf Spitzbergen sogar die Tiere selbst. Schuld daran ist offenkundig der Klimawandel.

          Ausgewachsene Hirsche würde man normalerweise nicht als „süß“ bezeichnen. Beim Anblick eines Spitzbergen-Rens drängt sich das Adjektiv jedoch auf: Mit ihren kurzen Beinen und dem besonders molligen Fell fällt diese Unterart auf dem arktischen Archipel ziemlich niedlich aus, der Kopf passt perfekt ins Kindchen-Schema, und das bei einem Lebendgewicht von 50 bis 90 Kilo. Damit ist Rangifer tarandus platyrhynchus nur halb so groß wie die meisten der rund ein Dutzend Unterarten dieser arktischen Hirschspezies, die von Norwegen über Sibirien und Kanada bis nach Grönland die Tundren und Wälder des hohen Nordens bewohnen.

          Das Spitzbergen-Ren ist ein typischer Inselzwerg und gilt wie das längst ausgestorbene Wrangel-Mammut als ein Lehrbuchbeispiel für diesen evolutionsbiologischen Trend: Auf Inseln mit begrenzten Nahrungsressourcen, aber ohne Feinde haben kleinere Individuen etwas bessere Überlebenschancen, so lautet die gängigste Erklärung für dieses Phänomen. Das trifft auch auf Spitzbergen zu, dessen Eisbären in der Regel zu behäbig sind, um ein gesundes Rentier zu erlegen. Auch Polarfüchse überwältigen nur im Ausnahmefall neugeborene Kälber. Mit den Ressourcen im Winter sieht es auf den Inseln ebenfalls noch knapper aus als auf dem Festland, wo die Tiere in Wälder ziehen können, um Flechten von den Stämmen zu knabbern.

          Die zunehmenden Eisregen verhindern die Nahrungssuche

          Nun könnte der Klimawandel die rund 10.000 hier lebenden Rentiere jedoch an die Grenzen ihrer Genügsamkeit bringen. Diese Befürchtung hegt der Wildtierökologe Steve Albon vom James Hutton Institute im schottischen Aberdeen, der auf Spitzbergen seit mehr als zwanzig Jahren ihre Populationsentwicklung untersucht. Auf der Jahrestagung der British Ecological Society in Liverpool stellte Albon vergangene Woche Ergebnisse seiner Langzeituntersuchung vor. Seine Daten zeigen, dass sich die in der Arktis besonders ausgeprägte Erhöhung der Durchschnittstemperaturen unterschiedlich auswirkt: Die wärmeren Sommertemperaturen lassen die Vegetation stärker und länger sprießen – das sorgt im Herbst für besonders wohlgenährte Rentiere; die wärmeren Winter machen ihnen jedoch zu schaffen. „Das liegt daran, dass es nun im Winter häufiger regnet. Der Regen gefriert im Schnee, und das Eis macht es den Tieren oft unmöglich, ihr Futter mit Hufen und Geweih freizulegen“, sagt Albon. Welch dramatische Folgen das haben kann, zeigte sich auf der sibirischen Jamal-Halbinsel, wo 2014 nach einem solchen Eisregen mehr als 16.000 Rentiere verhungerten.

          Auf Spitzbergen sind solche Katastrophen bisher ausgeblieben. Doch Albon macht die häufigeren Eisregen dafür verantwortlich, dass die ohnehin zwergenhaften Rentiere seit Beginn seiner Untersuchungen im Jahr 1994 noch merklich kleiner wurden. Anfangs wog ein erwachsenes Weibchen gegen Ende des Winters noch durchschnittlich 55 Kilo, jetzt sind es 49 Kilo. Das wirkt sich direkt auf den im Oktober gezeugten Nachwuchs aus. Die Kälber kommen im Frühsommer mit geringerem Gewicht zur Welt und haben später einmal selbst kleinere Nachfahren. Welche langfristigen Folgen sich aus diesem Trend ergeben, ist unklar, immerhin nahm die Zahl der Tiere in den von Albon beobachteten Herden leicht zu.

          Rentiere auf Spitzbergen könnten sogar zu Gewinnern des Klimawandels werden

          Doch wenn die Bestände steigen, ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Das zeigt das Beispiel der 29 Rentiere, die 1944 auf der unbewohnten Insel St. Matthew in der Beringsee ausgesetzt wurden. Als der amerikanische Biologe David Klein dort 1957 nach dem Rechten sah, war der Bestand auf 1350 Tiere angewachsen. 1963 zählte Klein 6000 Exemplare, die auf der kleinen Insel offenbar kaum noch genug Futter finden konnten. Als er drei Jahre später zurückkam, war diese Riesenherde bis auf 42 Tiere zusammengebrochen: Der Rest hatte den harten Winter 1963/64 nicht überlebt. Die Rentiere von St. Matthew sind seither in die Lehrbücher eingegangen, als Beispiel dafür, wie die Kombination aus ungebremster Vermehrung und ungünstigen Umweltfaktoren ganze Populationen fast schlagartig auslöschen kann.

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