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Auch Gänse unter den Opfern

Von GEORG RÜSCHEMEYER, Fotos VINCENT MUNIER

24.3.2017 · Schnee, Eis und extreme Jahreszeiten bestimmen das Leben rund um den Nordpol. Ein paar Tierarten haben es geschafft, sich an die Arktis anzupassen. Nun setzt der Klimawandel ihnen zu.

Am Nordpol geht in diesen Minuten die Sonne auf. Dieses Naturschauspiel vollzieht sich auf 90 Grad nördlicher Breite nur einmal im Jahr – unmittelbar vor der Tag-und-Nacht-Gleichen morgen, am 20. März. Dafür dauert das Spektakel rund dreißig Stunden, bis die Sonnenscheibe den Horizont mit ihrem gesamten Durchmesser überschritten hat. Fortan schraubt sich die Sonne bis zu ihrem Höchststand Ende Juni in einer engen Spirale durchs Firmament.

Zeugen für dieses Ereignis dürfte es kaum geben. Für Abenteurer und Forscher, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch einen Wettlauf an den eher abstrakten, weil auf stetig driftendem Packeis liegenden Punkt lieferten, hat der Nordpol jedenfalls einiges an Reiz verloren. Mit dem nötigen Kleingeld kann sich heute jeder per Helikopter an den Pol bringen lassen, um dort Golf zu spielen, Champagner zu schlürfen oder was man sonst so als Tourist dort macht. Tiere werden ihm dabei kaum Gesellschaft leisten. Selbst der Eisbär, Ikone der Arktis, meidet deren zentrale Packeisgebiete: Ursus maritimus und die anderen von dem französischen Fotografen Vincent Munier in Szene gesetzten Tiere der Hocharktis leben weiter südlich. Dort, wo das Polarmeer auf die nördlichen Ränder der Landmassen Asiens, Europas und Nordamerikas treffen beziehungsweise deren vorgelagerte Inseln. Ihr Lebensraum gehört dennoch zu den extremsten der Erde. Im Winter fallen die Lufttemperaturen auf minus fünfzig Grad Celsius und darunter. Und auch im kurzen Polarsommer wird es nie besonders warm.

Auf Spitzbergen und in Kanada begegnete der Fotograf mehr als einmal Usus maritimus – immer der Gefahr bewusst, die von einem Eisbären ausgeht.

Die gängigste Definition der Arktis als Erdregion umfasst nicht mehr rein geographisch alles nördlich des Polarkreises, sondern jenes Gebiet, das von der sogenannten 10-Grad-Juli-Isotherme umschlossen wird: Nördlich davon steigen die langjährigen Durchschnittstemperaturen selbst im wärmsten Sommermonat nicht über zehn Grad Celsius; diese Linie schlängelt sich recht unregelmäßig um den Pol. Während sie in Skandinavien – dank des wärmenden Golfstroms – gerade mal den äußersten Norden Norwegens tangiert und auch in Sibirien weit nördlich des Polarkreises verläuft, rückt sie im offenen Meer und in Nordamerika nach Süden vor, umfasst Grönland und das kanadische Archipel. Aber durch die globale Klimaerwärmung (siehe „Das Verschwinden des Eises“) verschiebt sich die Isotherme langsam nach Norden.

Niederschläge fallen in der Arktis vor allem in Küstennähe, meist in Form von Schnee. Auf den kontinentalen Landmassen bleibt es dagegen trocken. Geobotaniker bezeichnen die nicht von ewigem Eis bedeckten Teile der Arktis deshalb als Kältewüste. Eine karge Region, denn die Vegetationsperiode währt nur ein paar Wochen und auf dem matschigen Permafrostboden gedeihen nur wenige höhere Pflanzen, darunter Arktischer Mohn, Steinbrech und eine Reihe von Gräsern und Seggen, die weiter südlich zur artenreicheren Tundravegetation gehören. Und spätestens mit den daran irgendwann südlich anschließenden Nadelwäldern endet, was Wissenschaftler Arktis nennen. Das Gros der pflanzlichen Biomasseproduktion produzieren in der Hocharktis allerdings nicht die Gefäßpflanzen, sondern Algen, Moose und Flechten, welche zum Teil noch bei Minusgraden Photosynthese treiben können. Die Produktivität dieser Pflanzengesellschaften ist trotz der kurzen Wachstumsperiode keineswegs gering, denn in den Sommermonaten herrscht vierundzwanzig Stunden lang Tag, so können die Pflanzen ohne Unterlass an Substanz zulegen.

Moschusochsen (Ovibos moschatus) sind keine Rinder, sondern Verwandte der Ziegen. Mit ihren Hufen scharren sie Pflanzen frei, davon profitieren unter anderem Schneehühner und -hasen.

Unscheinbar, was hier so wächst, doch auf dieser Vegetation beruht das tierische Nahrungsnetz der Hocharktis: „An Land zeichnen sich die Polarregionen der Erde durch eine relativ geringe Artenvielfalt aus“, sagt die Biologin Doreen Kohlbach vom Alfred-Wegener-Institut für Polar-und Meeresforschung in Bremerhaven. Wer hier überleben will, muss sich an extreme Umweltbedingungen und eine lange Polarnacht anpassen.

Das gelang im Laufe der Evolution nur wenigen, aber umso beeindruckenderen Spezies. Zum Beispiel dem Moschusochsen, der trotz seines Namens und seiner massiven Statur nicht zu den Rindern, sondern in die Verwandtschaft der Ziegen gehört. Ovibos moschatus ist ein Überlebender der eiszeitlichen Megafauna der Nordhalbkugel, nebst Mammut und Wollnashorn. Anfang des 20. Jahrhunderts wäre auch der Moschusochse beinahe ausgestorben: Walfänger und Polarforscher schossen ganze Herden ab, um ihr Fleisch zu essen oder an ihre Schlittenhunde zu verfüttern. Die kräftigen Tiere flüchten nämlich nicht, sondern bilden einen Verteidigungsring um ihre Jungtiere. Selbst Wölfe und Eisbären können an einer solchen Wand aus Hörnern scheitern, für Menschen mit Gewehren sind sie jedoch leichte Beute. Im Norden Grönlands und auf dem Kanadischen Archipel konnte die Art überleben, und nach erfolgreichen Wiederansiedlungen existieren Moschusochsen heute in größerer Zahl auch wieder in Sibirien und Alaska, kleinere Herden gibt es in Norwegen und Schweden.

Moschusochsen fressen, was in Kältewüste und Tundra zu finden ist. Und hieran laben sich auch die zum Teil riesigen Herden von Rentier und Karibu. Diese Hirsche sind bis an die äußersten nördlichen Ausläufer des amerikanischen und eurasischen Kontinents verbreitet, und sie unternehmen Wanderungen von bis zu 5000 Kilometern, um den extremsten Bedingungen des Polarwinters zu entgehen. Die großen Pflanzenfresser können ihr Futter mit Hilfe von Hörnern, Geweih und Hufen freilegen. Kleinere Vegetarier wie der Polar- und der Schneehase, Lemming, Arktischer Ziesel oder Nordische Wühlmaus dagegen führen im Winter ein Leben unter der Schneedecke. So kommen sie an ihre Nahrung und sind selbst geschützt, denn von den Nagetieren ernähren sich wiederum Räuber wie Polarfuchs, Schnee-Eule; auch arktische Wölfe verschmähen die Kleintiere nicht.

„Ich kann sie streicheln: welch ein Privileg“, schreibt Vincent Munier über eine Begegnung mit Schneehasen.

Der Polarfuchs (Vulpes lagopus) verschwindet im Weiß. Er wechselt die Farbe seines Fells mit den Jahreszeiten.

Trotz der extremen Kälte beheimatet die Hocharktis sogar noch etliche Arten von Insekten und Spinnentieren, darunter in Myriaden auftretende, blutsaugende Mücken und Zecken. Für Arten, die nicht auf Warmblüter aus sind, bedeutet die Kälte allerdings maximale Entschleunigung: Die Raupe der Wollbärmotte Gynaephora groenlandica etwa verbringt rund 90 Prozent ihres Daseins komplett durchgefroren unter einem Stein und hat in den wenigen Sommerwochen kaum genug Zeit zu fressen. Die Entwicklung zum Schmetterling über sieben Larvenstadien dauert deshalb tatsächlich sieben Jahre.

Während das Ökosystem auf dem Festland auf Flechten und Moosen basiert, bilden Algen den Grundstock für das Parallelsystem im Polarmeer. Entweder schweben sie als Phytoplankton in der Wassersäule oder überziehen als fädige Matten den Meeresboden beziehungsweise die Unterseite des Packeises. „Diese Eisalgen spielen eine viel größere Rolle für das arktische Nahrungsnetz als bislang angenommen“, sagt Doreen Kohlbach. Weil diese Gewächse unter dem Eis oder auch in Ritzen darin leben, erhalten sie zwar wenig, aber stetig Licht – ihre Wachstumsphase kann also vor der des Phytoplanktons beginnen. „Sie bilden so einen eigenen Lebensraum mit spezialisierten Bewohnern wie Flohkrebsen, die wiederum eine wichtige Nahrung für die Schlüssel-Fischart der Arktis, den Polardorsch, sind.“

Während des langen Polarwinters tut sich unter dem Eis trotzdem nicht viel: Ohne Licht können Pflanzen auch in diesen vergleichsweise warmen Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt nicht wachsen. Mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, wenn immer mehr Licht durch die dünner werdende Eisdecke dringt, startet für das marine Ökosystem jetzt die Phase der Fülle, im Sommer gefördert durch Nährstoffe, die das Schmelzwasser vom Festland ins Meer spült. So gedeihen Eisalgen und immer dichtere Wolken aus Mikroalgen, die zur Lebensgrundlage von Kleinkrebsen und Zooplankton werden. Und davon ernähren sich sowohl Fische als auch Meeressäuger wie der Plankton filternde Grönlandwal sowie Muscheln und andere Wirbellose, auf die es am Boden gründelnde Walrösser und eine Reihe von Robbenarten abgesehen haben. Die Rolle der Spitzenprädatoren übernehmen im Polarmeer Killerwale – und der Eisbär, den manche Polarökologen zu den Meeressäugern zählen, obwohl er sein Leben auf dem Land und dem Eis verbringt.

Wilde Rentiere (Rangifer tarandus) müssen mit den gezüchteten Herden um Nahrung konkurrieren.

Im Gegensatz etwa zu den Pflanzenfressern, ist der polare Winter für Ursus maritimus eine Zeit des Überflusses, weil seine wichtigste Beute – Ringel- und Bartrobben – an offen gehaltenen Atemlöchern im Eis leicht zu erbeuten sind. Die bis zu 2,60 Meter und im Einzelfall über drei Meter großen Bären können es sich sogar erlauben, nur die fetttriefende Haut der Robben zu verschlingen; der Rest wird von unerfahrenen Jungbären oder Füchsen verzehrt. Im Frühjahr, wenn die Robben in Höhlen unter dem Schnee ihre Jungen zur Welt bringen, bietet sich eine weitere Chance, sich Fettreserven anzufressen. Die sind lebensnotwendig, denn wenn sich das Meereis im Sommer und Herbst zurückzieht, entwischt die Beute meist, und die Räuber gehen auf Diät. Die besteht dann aus so ziemlich allem, was nicht schnell genug wegrennt, von Pflanzen und verrottenden Walkadavern über Seeigel und Krabben bis hin zu Vögeln. Auf Dauer kann aber vermutlich nur Robbenfett den enormen Kalorienbedarf eines Eisbären decken. Doch die winterliche Jagdsaison wird wegen des klimabedingten Rückgangs des arktischen Meereises immer kürzer. Dem Eisbären schmilzt also buchstäblich das Eis unter den Pranken weg; er wandelt sich vom Symboltier der Arktis zum Symbol des Klimawandels, was sich mit Fotos von Tieren, die auf kleinen, wackeligen Eisschollen balancieren, leicht veranschaulichen lässt.

Wie sehr Ursus maritimus dadurch unmittelbar vom Aussterben bedroht sein könnte, ist unklar: „Eisbären lassen sich ausgesprochen schwer studieren. Wir schätzen, dass die bekannten 19 Subpopulationen heute rund 26.000 Individuen umfassen, aber nur zwei dieser Populationen sind genauer untersucht“, sagt Todd Atwood, Eisbärexperte des United States Geological Survey. „Bei diesen beiden lassen sich durch den Rückgang des Meereises bereits Verschlechterungen im Allgemeinzustand und der Reproduktionsrate erkennen. Andere gelten bisher noch als stabil.“ Voraussagen zur künftigen Entwicklung seien schwer zu treffen, die typischen Lebensräume dürften sich in den kommenden Jahrzehnten jedoch stark verkleinern. „Wir sehen auch Anzeichen, dass Eisbären ihr Verhalten an die neuen Gegebenheiten anpassen. Subpopulationen, die früher ausschließlich auf dem Eis lebten, kommen nun im Sommer an Land und nutzen vermehrt die dort verfügbaren Nahrungsressourcen.“

Bei der Jagd beschränkt sich die Schnee-Eule (Bubo scandiacus) nicht auf die Nacht, und sie nimmt, was sie kriegen kann.

Die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea) pendelt zwischen den Polarregionen im Norden und Süden der Erde.

Als Futterquelle dienen dann die Eier und Jungen von Gänsen, Enten und anderen Seevögeln, deren Nester die Bären in recht halsbrecherischen Kletterpartien ausräumen. Dass Geflügelprodukte die Robbenjagd auf Dauer ersetzen können, bezweifelt Atwood allerdings. Außerdem gehen die neuen Ernährungsgewohnheiten natürlich zu Lasten der Vogelpopulationen. Im Jahr 2015 im Journal Frontiers in Ecology and Evolution veröffentlichte Daten zeigen, dass Eisbären an mehreren Studienorten auf Spitzbergen und Ostgrönland mittlerweile rund dreißig Tage eher auf dem Festland auftauchen als noch zur Jahrtausendwende: Offenbar haben die Tiere gelernt, dass sich ihre waghalsigen Nestraub-Aktionen etwas früher in der Brutsaison mehr lohnen, und ihr Verhalten angepasst. An den untersuchten Vogelfelsen landen inzwischen bis zu neunzig Prozent der Brut in den Fängen der Eisbären. Und wenn nun das Meereis verschwindet, sind vielleicht nicht die weißen Bären die ersten Opfer, sondern Gänse und Enten.

„Ich schreibe dem Schnee Gefühle zu“

Der Fotograf auf Arktistour

Er traf in der Arktis auf Eulen, Hasen, Schwäne, Füchse, Bären und andere Lebewesen, die der Kälte trotzen. Doch besonders haben es ihm die Polarwölfe angetan. Den französischen, mehrfach ausgezeichneten Naturfotografen Vincent Munier, Jahrgang 1976, zieht es immer wieder in die eisige Wildnis: „So viele Vorbereitungen, Verhandlungen, Flüge, Kontrollen und jede Menge Stress, nur um endlich meinen Traum leben zu können ... ganz allein am Ende der Welt zu stehen, im Revier des Polarwolfes“, notiert er in seinem Tagebuch. Auszüge daraus begleiten den Bildband mit 300 Fotos von seinen Arktis-Exkursionen. Munier, aufgewachsen in den Vogesen, schildert, wie sehr ihm der Wind („ein furchtbares Monster“) und Temperaturen von minus 52 Grad Celsius zusetzen; er weint „Tränen aus Eis“, findet aber ebenso Schönheit, Idylle und die „Pyramiden der Kälte“. Er kommt nicht als Angeber, sondern als Verehrer. Fasziniert vom Weiß, fragt sich Munier an einer Stelle: „Ich schreibe dem Schnee Gefühle zu. Bin ich verrückt?“

Vincent Munier: „Im eisigen Weiß“. Knesebeck Verlag, München 2016. Zwei Bände im Schuber, 300 Abb., 68,– €.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.03.2017 12:00 Uhr