07.08.2011 · Wenn Lehrer anstelle der Eltern entscheiden, welche weiterführende Schule Kinder besuchen sollen, spielt der soziale Hintergrund eine geringere Rolle und die Leistung eine größere. Dies fand der Soziologe Jörg Dollmann heraus.
Herr Dollmann, Sie haben die Auswirkungen von Lehrerempfehlungen untersucht, verbindlichen wie unverbindlichen. Was ist überhaupt eine Lehrerempfehlung?
Etwa in der Mitte des vierten Schuljahrs bekommen die Eltern von den Schulen eine Empfehlung, für welche Schulart ihr Kind von seinem Leistungsstand her geeignet ist. In manchen Ländern sind sie unverbindlich, also reine Vorschläge, über die sich die Eltern leicht hinwegsetzen können. In anderen Bundesländern ist das verbindlich, und die Eltern müssen sich eigentlich daran halten.
Tun sie das denn?
Es gibt natürlich trotzdem Mittel und Wege, da herumzukommen: Beratungsgespräche mit den Lehrkräften, Aufnahmegespräche, Leistungstests oder Probeunterricht.
Was haben Sie in Ihrer Studie untersucht?
Kölner Grundschulkinder auf dem Übergang zu weiterführenden Schulen. Ursprünglich wollten wir einen Vergleich zwischen zwei Bundesländern machen: Wir wollten Viertklässler in Nordrhein-Westfalen anschauen, wo es damals ein unverbindliches Übergangsrecht gab, und anschließend gleichaltrige Grundschüler in Baden-Württemberg, wo es bislang noch ein verbindliches Übergangsrecht gibt. Nun fand aber während dieser Untersuchung 2005 in NRW die Landtagswahl statt, mit dem Wechsel zur CDU/FDP-Regierung. Die hat dann die Lehrerempfehlungen verbindlich gemacht. Wir haben die Chance ergriffen, in Köln zu bleiben und zu untersuchen, wie sich diese Änderung auswirkt.
Und?
Wir konnten zeigen, dass durch die verbindliche Empfehlung der Einfluss der sozialen Herkunft der Kinder auf ihren weiteren Bildungsweg schwächer wurde.
Verbindliche Empfehlungen dienen der Bildungsgerechtigkeit?
Nennen wir es lieber Leistungsgerechtigkeit. Es zeigten sich bei unserer Untersuchung zwei gegenläufige Prozesse. Man weiß ja aus vielen Studien, dass Angehörige aus höheren sozialen Schichten sich mindestens den Bildungsabschluss für ihr Kind wünschen wie ihren eigenen. Wenn nun aber ihre Kinder nicht die Leistung erbringen, die im Gymnasium nötig wäre, wird es natürlich bei verbindlichen Empfehlungen schwieriger, sich über dieses Lehrerurteil hinwegzusetzen. Die Leistungen treten also in den Vordergrund – und unrealistische Bildungswünsche der Eltern in den Hintergrund.
Welche Auswirkungen hatten die verbindlichen Empfehlungen auf Kinder aus sozial schwächeren Familien?
Auf die gab es überraschenderweise eine Art Sogwirkung. Kinder aus diesen Schichten, die überdurchschnittliche Leistungen gebracht hatten, waren zuvor dennoch eher selten aufs Gymnasium gegangen – obwohl die Lehrer dies vorgeschlagen hatten. Als die Empfehlung verbindlich wurde, sind deutlich mehr solcher Kinder aufs Gymnasium gewechselt.
Was bringt Eltern dazu, ein begabtes Kind in eine weniger anspruchsvolle Schule zu schicken?
Was da im einzelnen in den Familien abläuft, konnten wir mit unseren standardisierten Fragebögen nur schlecht erfassen. Man weiß aber aus anderen Studien, dass Familien aus den unteren sozialen Schichten in diesem Punkt eher zögerlich sind. Wenn man selbst diesen Bildungsgang, beispielsweise das Gymnasium, nicht durchlaufen hat, dann schätzt man die Anforderungen oft viel höher ein, als sie tatsächlich sind.
Auf den Gymnasien, heißt es in einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, seien Kinder aus reichen Familien dreimal so häufig anzutreffen wie ebenso kluge Gleichaltrige aus ärmeren.
Das kennt man aus der IGLU-Studie, mit der die Lesekompetenz von Viertklässlern untersucht worden ist: Kinder aus höheren Schichten haben demnach bei gleicher Leistung eine zwei bis zweieinhalb Mal höhere Chance, von ihren Lehrern eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, als Kinder aus den unteren sozialen Schichten. Dann aber kommt noch die Entscheidung der Eltern dazu, und die liegt normalerweise sogar noch über diesem Wert: Eben weil sich diese Eltern eher über solche Bildungsempfehlungen hinwegsetzen. Die soziale Ungleichheit, die bei der Lehrerempfehlung also sowieso besteht, wird durch die tatsächlichen Entscheidungen noch übertroffen.
Es sind Entscheidungen von großer Tragweite: Wann ist Ihrer Ansicht nach der beste Moment, um die Schüler auf die verschiedenen Schularten aufzuteilen? Nach vier Jahren, wie in den meisten Bundesländern? Nach sechs Jahren? Oder vielleicht doch nach acht, wie in manchen Privatschulen?
Spannende Frage, aber extrem schwer zu untersuchen. Denn welcher Bildungserfolg oder -misserfolg geht wirklich auf eine gemeinsame längere Grundschulzeit zurück? Aus international angelegten Studien wissen wir allerdings, dass in Ländern, die relativ früh aufteilen, die Leistungsdifferenzen zwischen den sozialen Schichten, aber auch den ethnischen Gruppen eher noch verstärkt werden, wenn die Schüler frühzeitig auf die verschiedenen weiterführenden Schulen aufgeteilt werden.
In Baden-Württemberg soll jetzt die Empfehlungspraxis geändert werden – was bisher verbindlich war, soll jetzt unverbindlich werden ...
Immer mehr Länder übernehmen ja die unverbindliche Regelung. Da wird gern als Argument vorgebracht, dass man auf diese Weise den Druck nehmen will: von den Kindern, den Eltern, aber auch von den Lehrkräften. Allerdings müsste man dann auch zeigen, dass dieser Druck dadurch tatsächlich ganz genommen wird und nicht nur um ein paar Jahre verlagert, wenn sich nach einer Weile zeigt, dass die Leistungen eines Kindes dann doch nicht fürs Gymnasium reichen.
Die Fragen stellte Tilman Spreckelsen.
Der letzte Mohikaner?
Guillermo Acassuso (Acassuso)
- 08.08.2011, 01:54 Uhr
Grundschullehrer nicht qualifiziert?
Chi Tamago (tamago)
- 08.08.2011, 00:39 Uhr
Verschiedene Talente bewerten
Emma Murdoch (emma_murdoch)
- 07.08.2011, 22:48 Uhr
@Austermann
harald schneider (asklepion)
- 07.08.2011, 19:58 Uhr
Klingt alles gut, stimmt aber nicht
Matthias Küttler (mkttlr)
- 07.08.2011, 19:27 Uhr