20.01.2005 · Die Schweizer wollen den gebürtigen Ulmer Albert Einstein - einst Experte am Berner Patentamt - auf keinen Fall für sich vereinnahmen, aber sie wollen ihn auch nicht den Deutschen überlassen.
Von Konrad MrusekDiplomatische Verwicklungen wird es nicht mehr geben wie einst bei der Nobelpreis-Verleihung an Albert Einstein, als Deutsche und Schweizer sich darüber stritten, zu welcher Nation denn der Geehrte gehört. Das Einstein-Jahr, das am Mittwoch abend - für Deutschland - von Bundeskanzler Schröder "eröffnet" wurde, wird aber zumindest einen nachbarschaftliche Festivitäten-Wettbewerb bringen. Denn jede Nation möchte sich sonnen im Glanz "seines" Genies.
Die Deutschen sind mal wieder schneller, sie geben auch mehr Geld aus als die reichen Schweizer. Die Eidgenossen beginnen mit ihren Feiern erst Mitte Juni. Gemessen an der sonstigen staatlichen Sparsamkeit zeigt man sich dabei keineswegs knickrig: Im Historischen Museum in Bern wird eine Ausstellung eröffnet, die mit umgerechnet fünf Millionen Euro zu den teuren Kulturereignissen des Landes gehört. Ferner werden in der Umgebung des Museums ein "Erlebnispark Physik" sowie ein Energie-Spektakel geboten. Überdies können Touristen fast mit Lichtgeschwindigkeit eine virtuelle Radtour durch Berner Gassen machen.
Schweizer wollen Einstein nicht vereinnahmen
Die Schweizer reklamieren das in Ulm geborene Genie keineswegs für sich allein; daher ist Bundespräsident Köhler einer der Schirmherren der Ausstellung. Doch man will Einstein nicht von den Deutschen vereinnahmen lassen. Daher wird unter anderem sein Paß ausgestellt, den man bei einer Auktion erwarb. Damit wird dokumentiert, daß er auch dann Eidgenosse blieb, als er vor den Nazis flüchtete und Amerikaner wurde.
Gerade Bern kann beim Feiern viel Lokalkolorit bieten, denn das annus mirabilis 1905, in dem mit vier Schriften das physikalische Weltbild erschüttert wurde, fand in den Gassen dieser Stadt statt. Es gibt gleich mehrere Wallfahrtsorte, denn Einstein hatte zwischen 1902 und 1909, als er "Technischer Experte III. Klasse" am Patentamt war, fünf Wohnsitze - unter anderen in der Gerechtigkeitsgasse, der Kramgasse, wo die spezielle Relativitätstheorie entstand, und zuletzt in der Aegertenstraße.
Neben seinen revolutionären Theorien verfaßte Einstein hier auch herrlich deftige Briefe: "Mir geht es gut", schrieb er 1906 an den Komponisten Alfred Schnauder, "ich bin ein ehrwürdiger eidgenössischer Tintenscheißer mit ordentlichem Gehalt. Daneben reite ich auf meinem alten mathematisch-physikalischem Steckenpferd und fege auf der Geige - beides in den engen Grenzen, welche mir mein 2jähriger Bubi für derlei überflüssige Dinge gesteckt hat."