http://www.faz.net/-gwz-83rww

Wissenschaft und Kunst: Zwischen Exoplaneten und Paradies

WissensARTen – Wie Kunst und Wissenschaft die Welt erkunden

Fremdes Leben, ferne Welten

Von Sibylle Anderl, 27.05.2015

Wir haben in Berlin eine Künstlerin und eine Wissenschaftlerin getroffen, die das Thema „Lebensformen“ aus zwei sehr verschiedenen Perspektiven betrachten. Begegnet sind wir dabei nicht nur merkwürdigen Paradieskreaturen und der Suche nach Leben außerhalb unseres Sonnensystems, sondern auch der Frage, wie stark unsere eigene Perspektive das beeinflusst, was wir finden.

Die WissenschaftlerinBarbara Stracke (Astrobiologin, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt)
„Die Wissenschaft stellt die großen Fragen“
Die KünstlerinJenny Michel (visuelle und bildende Künstlerin in Berlin)
„Wissenschaft ist nur ein anderes Glaubenssystem“

Die Künstlerin

In Gläsern eingelegt schweben in einer wässrigen Flüssigkeit milchig-durchsichtige Kreaturen, in fragilen Verästelungen in sich selbst verschlungen, und geben in ihrer feinsäuberlich konservierten Fremdartigkeit Rätsel auf. Woher kommen diese Wesen? Was ist ihr natürlicher Lebensraum? Was ihre Lebensweise? „Paradise Creatures“ hat Jenny Michel in Kollaboration mit Michael Hoepfel diese Wesen genannt, die momentan in einem Regal ihres Ateliers ihr Dasein fristen. „Bei mir geht es insbesondere um den Blick auf unbeachtete Stoffe, Lebensformen oder Gedanken. Ich frage zum Beispiel: Was ist Existenz, was ist Leben? Muss es ein Hirn besitzen, muss es denken können? Das ist, was ich auch interessant finde in Hinblick auf andere Planeten. Dieses Anderssein. Wie weit dieses Spektrum reichen könnte und inwieweit man gewillt ist, das auch anzuerkennen,“ beschreibt Michel ihre Faszination an fremden Lebensformen.

© Jens Gyarmaty

Die Durchbrechung eingeschliffener Denkmuster ist ein wichtiges Motiv in Michels Arbeiten, die beim Betrachter den Blick zu öffnen versuchen für neue Perspektiven und ungewohnte Ansatzpunkte. Dahinter steht die Überzeugung, dass es nicht die eine, korrekte, nicht mehr weiter zu hinterfragende Welterklärung gibt: „Meiner Meinung nach ist die Welt einfach so komplex, dass es unmöglich ist, sie zu überblicken. Es gibt ja den Satz: je mehr man weiß, desto weniger weiß man. Das Faust Thema. Zum Schluss steht man wieder am Anfang oder sogar noch vor dem Anfang. Man weiß weniger als zuvor.“ Diesem Pluralismus kann man sich mit Michel nähern, indem das hinterfragt wird, was auf den ersten Blick am vertrautesten wirkt. So vertraut, wie beispielsweise die Staubflusen, die praktisch jede Wohnung bevölkern, und die von Michel und Hoepfel morphologisch geordnet und nach dem Linnéschen System mit lateinischen Namen beschriftet in naturkundlichen Schaukästen als „Pulvarium“ aufgespießt wurden. Die Lateinischen Namen liefern dabei eine textliche Ebene, die weitere Informationen dafür liefert, den Kosmos der Staubwesen zu erkunden. „Graniculum Vinylum“ ist beispielsweise nach dessen Entdeckungsort, dem Schallplattenspieler, benannt. „Es gibt zum Schluss auch immer eine textliche Ebene. Man kann so immer tiefer hinein zoomen. Daran merkt man, dass es wahnsinnig viel Theorie gibt. Ich habe zum Beispiel keine Skizzenbücher, sondern Notizbücher“, erläutert Michel.

In ihrer Arbeit sieht sie selbst Ähnlichkeiten zu der Arbeit als Philosophin oder auch als Chronistin: „Es ist wie eine Art Philosophie, ohne dass man wissenschaftlichen Restriktionen zu folgen hat. Ein freies Analogien-Bilden von verschiedenen Systemen, die zusammengebracht werden und dann hoffentlich eine Veränderung des Blickwinkels beim Betrachter bewirken.“ Das primäre Interesse, das Michel an der Wissenschaft hat und das in einer vielfachen Verwendung wissenschaftlicher Darstellungsweisen in ihren Werken zum Ausdruck kommt, ist entsprechend das Interesse am Bild der Wissenschaft, wie es in der Gesellschaft existiert und unser Denken prägt: „Letztendlich geht es in meiner Arbeit ganz stark um die Hinterfragung von konventionellem Denken, und da spielt die Wissenschaft, so wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen wird, eine große Rolle.“

  • © Andreas Pein Wollmäuse als unbekannte Lebensformen? „Kristallflusen“, Staub in Gießharz, Jenny Michel in Kollaboration mit Michael Hoepfel (2004/2005).
  • © Andreas Pein Jenny Michel in ihrem Atelier: „Ich frage zum Beispiel: Was ist Existenz, was ist Leben? Muss es ein Hirn besitzen, muss es denken können?“
  • © Andreas Pein Komplexe Vielfalt von Arbeitsutensilien und Papierschnipseln, die den Arbeitstisch in Michels Atelier bevölkern.
  • © Andreas Pein Milchig-durchsichtige Kreaturen, fein-säuberlich konserviert. „Paradise Creatures“, Heißkleber in Glycerin, Jenny Michel in Kollaboration mit Michael Hoepfel (2008).
  • © Andreas Pein In der Untersuchung des Staubwachstums treffen sich künstlerische und astrophysikalische Interessen. „Dust Manifesto“, Jenny Michel (2009/2010).

Die Einflüsse, die Wissenschaft auf die jeweils akzeptierte Weltsicht hat, und die langsamen Veränderungen, denen unsere Weltsicht dabei unterworfen ist, lassen sich besonders deutlich sehen, wenn man den Blick in die Vergangenheit schweifen lässt. Michel greift diese Perspektive in ihrem aktuellen Werk „Paradise Vehicels“ auf, in dem sie an Walter Benjamins Engel der Geschichte anknüpft, der mit dem Rücken zum Paradies gewandt der Vergangenheit entgegenblickt. Was dieser Engel sieht, bevölkert Michels Atelier als Schiffswrack-ähnliche Objekte, die wie vom Zerfall zerfressen und zerlöchert, übersät mit technischen Zeichnungen, Bauplänen und peniblen Beschriftungen, offensichtlich manövrierunfähig zurückgelassen wurden. „Der Engel der Geschichte sieht natürlich auch den Trümmerberg von wissenschaftlichen Entdeckungen und Konventionen. Zerbrochene, liegengebliebene Modelle wissenschaftlicher Entdeckungen, die durch die Last der Komplexität ihrer eigenen Konzepte erstickt sind.“ Das Paradies, auf das sich der Engel der Geschichte, gezogen durch den Wind des Fortschritts, zubewegt, kann dabei wiederum mit den Vorstellungen unbekannter Lebenswelten im Universum zusammengebracht werden. „Beides ist ein Möglichkeitenraum, was es auch so spannend macht. Das Spannende am Paradies und an erdähnlichen Planeten ist ja, dass wir gar nicht wissen, wie es da aussieht. Es kann aber gar nicht so schön sein, wie man es sich vorstellt, es wird immer von der Realität eingeholt“, beschreibt Michel und verweist auf die künstlerischen Darstellungen, die typischerweise in den Medien anlässlich von Planetenentdeckungen verbreitet werden, und auf denen „Zwillingserden“ übersät mit Regenwald, Flüssen und Seen dargestellt werden.

In Michels Arbeiten, insbesondere den Werken „Paradise Creatures“ und „Pulvarium“, existiert aber neben der Ebene, die sich auf unsere Denkformen und unsere Erwartungen richtet, noch eine weitere Ebene: die Frage nach den Motivationen und Folgen des menschlichen Forschungsdranges. Die neuentdeckten Lebensformen werden in diesen Werken eingelegt und aufgespießt, kategorisiert und zur Schau gestellt. Michel sieht darin zum einen Ausdruck von Eitelkeit als wichtiger Triebfeder menschlichen Handelns, zum anderen eine Tendenz des Besitzenwollens, die historisch beispielsweise im 17. und 18. Jahrhundert im Import exotischer Pflanzen und Tiere für Zoos und Orangerien deutlich wurde. Um der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaftler entgegen zu wirken und deren Blick so aufzuweiten, dass auch derartige Meta-Reflexionen wieder in die Wissenschaft Eingang finden, hat Michel einen pragmatischen Vorschlag: „Ich würde vorschlagen, dass den Wissenschaftlern immer Philosophen zur Seite gestellt werden sollten, die nur dazu da sind, all diese moralischen, ethischen aber auch ontologischen Fragen in die Wissenschaft hineinzunringen.“

Die Wissenschaftlerin

Im Erdgeschoss des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) in Berlin steht ein Modell der Marsoberfläche. Rot-orange erheben sich zerklüftete Gebirgszüge und leiten den Blick in die Weite der scheinbar leblose Ödnis unseres Nachbarplaneten. So lebensfeindlich diese Umgebung einerseits erscheint, so phantasieanregend wirkt sie auf der anderen Seite: Hat Mars auf seiner Oberfläche jemals Leben beherbergt? Wird der rote Marsstaub eines Tages Weltraumkolonien umwirbeln? Die Astrophysikerin Barbara Stracke arbeitet ein paar Stockwerke oberhalb dieser modellierten Weltraumszenerie, und auch wenn ihre Forschung nicht explizit mit Mars zu tun hat, so lassen sich zumindest indirekt einige Bezüge herstellen, denn Stracke versucht die Voraussetzungen für Leben auf anderen Planeten zu verstehen.

© Jens Gyarmaty

Drei Bedingungen, werden allgemein als notwendig für die Entstehung von Leben angesehen und können kurz als das Vorkommen von komplexer Chemie, Energie und flüssigem Wasser zusammengefasst werden. Beobachtungen des interstellaren Mediums, also des Gases, in das die Sterne innerhalb ihrer Muttergalaxie eingebettet sind, zeigen, dass bereits zum Zeitpunkt der Entstehung von Sternen komplexe organische Moleküle in der Umgebung des Sterns existieren, die später auf jungen Planeten mit geeigneten Oberflächenbedingungen zu Keimzellen des Lebens werden könnten. Energie wird beispielsweise durch die Strahlung des Sterns oder die thermische Strahlung des Planeten bereitgestellt. Barbara Stracke interessiert sich insbesondere für die letzte der drei Voraussetzungen: „Mein Thema sind die Exoplaneten, von denen man mittlerweile über tausend gefunden hat. Da ist es natürlich spannend, zu fragen: welche von diesen Planeten könnten denn möglicherweise flüssiges Wasser auf der Oberfläche haben?“

Diese Frage führt auf das Konzept der habitablen Zone. „Die habitable Zone ist der Bereich um einen Stern, in dem habitable Planeten möglich sein können. Wobei Habitabilität heißt: das Potential einer Umgebung, Leben über einen bestimmten Zeitraum zu unterstützen“, erläutert Stracke. In unserem Sonnensystem liegt die innere Grenzen dieser Zone zwischen Venus und Erde. Mars befindet sich knapp an deren äußerem Rand. Physikalisch bestimmen sich die Grenzen über die Existenz flüssigen Wassers auf der Planetenoberfläche. Befindet sich der Planet zu nah am Stern, wird er so heiß, dass flüssiges Wasser verdampft, ist er zu weit entfernt, gefriert das Wasser. Allerdings genügt es hierbei nicht, einfach aufgrund des vom Stern einfallenden Strahlungsflusses die Oberflächentemperatur des Planeten zu bestimmen. Da für das Aufheizen und die Kühlung des Planeten dessen Atmosphäre eine entscheidende Rolle spielt, hängen die Grenzen der habitablen Zone entscheidend von den Details seiner Atmosphärenzusammensetzung ab. „Wenn wir die Erde unabhängig von ihrer Atmosphäre anschauen würden, dann läge ihre Temperatur bei -18 ºC. Wenn man die Atmosphäre und deren Treibhauseffekt mitrechnet, liegt die gemittelte Temperatur bei 15 ºC, was über dem Gefrierpunkt von Wasser ist und somit die Erde habitabel macht“, beschreibt Stracke. Diese Tatsache erschwert das Urteil über die Habilität eines Exoplanetens, da es bisher sehr schwierig ist, auf der Grundlage von Beobachtungen Aussagen über die Atmosphären von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems zu treffen.

  • © Andreas Pein 3D Modell der Marsoberfläche im Größenvergleich mit der Zugspitze am DLR: Könnte auch Mars Leben beherbergt haben?
  • © Andreas Pein Barbara Stracke an ihrem Arbeitsplatz im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin. „Mein Thema sind die Exoplaneten. Welche von diesen Planeten könnten flüssiges Wasser auf der Oberfläche haben?“
  • © Andreas Pein Nach wie vor der einzige uns bekannte Planet, der die Entstehung von Leben ermöglicht hat: unsere Erde.
  • © Andreas Pein Postkarte in Strackes Büro: „Out-of-the-box thinking“, Denken jenseits des bekannten Rahmens, als wissenschaftliche Herausforderung.
  • © Andreas Pein Potentiell lebensfeindliche Räume am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin.

Seit den 90er Jahren wurden zwar tausende Exoplaneten entdeckt, die meisten davon sind aber Gasriesen in großer Nähe zum Stern und nur sehr wenige erscheinen potentiell habitabel. Die Suche nach Gesteinsplaneten in der habitablen Zone muss entsprechend noch weiter fortgesetzt werden, bevor der nächste Schritt in Angriff genommen werden kann und neue Weltraummissionen gestartet werden, die in der Lage sein werden, auch die Atmosphäre der potentiell lebensfreundlichen Planeten zu charakterisieren und damit für ultimative Klarheit über die dort herrschenden Bedingungen zu sorgen. Das DLR fiebert dabei insbesondere der zukünftigen Plato Mission entgegen, die voraussichtlich 2024 starten wird und bis zu eine Millionen Sterne insbesondere nach Gesteinsplaneten absuchen wird. „Diese Mission wird wirklich die Möglichkeit haben, einen erdähnlichen Planeten in der habitablen Zone zu finden“, ist Stracke überzeugt.

Es stellt sich die Frage, inwiefern ausschließlich flüssiges Wasser als ein für Leben benötigtes Lösungsmittel dienen kann. Tatsächlich wird in der Astrobiologie durchaus diskutiert, ob beispielsweise Leben auf dem Saturnmond Titan möglich sein könnte, dessen Oberfläche teilweise von flüssigem Methan bedeckt ist. Allerdings sind entsprechende Überlegungen außerordentlich spekulativ, da bereits in Bezug auf die Entstehung von Leben, so wie wir es kennen, viele Fragen offen sind. „Natürlich schränkt es ein, wenn wir von dem Leben ausgehen, das wir hier auf der Erde kennen. Es ist als erster Schritt meiner Ansicht nach das Richtige, erstmal nach dem zu suchen was wir kennen. Denn was wir nicht kennen, kann einfach so vielfältig sein, dass gar nicht wirklich klar ist, in welche Richtung man suchen müsste“, gibt Stracke zu bedenken.

Den besonderen Wert einer Kommunikation zwischen Künstlern und Wissenschaftlern sieht Stracke nicht primär darin, dass die künstlerische Perspektive den Wissenschaftlern neue Anregungen oder Sichtweisen liefern könnte: „Ich denke, es gibt bestimmt Fälle in denen das so stattgefunden hat und stattfinden wird. Aber es erfordert auf jeden Fall Offenheit. Offenheit, aus dem eigenen Denken und der eigenen Methode herauszugehen. Aber es ist ja auch ein Vorteil von Wissenschaft, dass sie mir relativ klare Methoden vorgibt.“ Aus eigener Erfahrung sieht sie in einer Kooperation vielmehr die Möglichkeit, Wissenschaft erfolgreich nach außen zu kommunizieren, da eingefahrene Kommunikationsstrukturen hinterfragt werden. Dies kann nach Stracke aber auch im Austausch mit anderen Nicht-Wissenschaftlern gelingen: „Ich glaube, es müssen vielleicht noch nicht mal Künstler sein, sondern einfach Menschen, die interessiert sind und die einfach eine andere Herangehensweise haben. Ich glaube, das kann helfen und ist für die Wissenschaft auf jeden Fall sehr wichtig.“

© Jens GyarmatyJenny Michel und Barbara Stracke treffen sich zur Diskussion in der Berliner Sternwarte Archenhold

Die Begegnung: Finden sie Gemeinsamkeiten?

Haben sich Kunst und Wissenschaft wirklich etwas zu sagen? Können sie voneinander profitieren? Wir haben Jenny Michel und Barbara Stracke zur Diskussion in der Berliner Sternwarte Archenhold getroffen – dort, wo sich jedes Jahr Tausende Besucher ihre eigenen Gedanken über fremde Sonnensysteme und vielleicht auch über die Existenz unbekannter Lebensformen in anderen Galaxien machen. Hier konnten sich die beiden Protagonistinnen austauschen, um mehr über die Erkenntniszugänge, die Methoden und Herangehensweisen der jeweils anderen Seite zu erfahren. Welche Gemeinsamkeiten, welche Unterschiede gab es für sie zu entdecken?

© Jens Gyarmaty

Das Multimedia-Projekt „WissensARTen“ wird gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung.

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 27.05.2015 17:59 Uhr