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„State Festival“ : Wenn Galaxien der Kreativität kollidieren

Soundscape Himmel: Der Pianist und Komponist John Kameel Farah, der in Berlin und Toronto lebt, kombinierte Elemente des Barock, elektronischer Musik, um Galaxienformationen mit ungewöhnlichen Klangformationen zu interpretieren. Bild: Lüdecke, Matthias

Ein Spektakel der jungen Kreativszene Berlins: Das „State Festival“ hat zum erstenmal die Kunst- und Wissenschaftsszene der Hauptstadt zusammengeführt. Fazit: Eine intellektuelle Spielwiese wirkt offenbar inspirierend.

          Berlin am Wochenende, Nähe Alexanderplatz: ein Echo, so klar und laut, dass man es nicht überhören konnte - zumindest dann nicht, wenn man das Tor zur Alten Münzfabrik am Molkenmarkt durchschritten hat: „Der Punkt, an dem zwei Themengebiete, zwei Disziplinen, zwei Kulturen - zwei Galaxien, könnte man auch sagen - zusammenstoßen, sollte kreative Gelegenheiten erzeugen. In der Geschichte der geistigen Tätigkeit war dies immer der Ort, an dem es zu einem der Durchbrüche kam.“

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es ist die Stimme von Charles Percy Snow oder C. P. Snow, wie er auch kurz genannt wurde. Sein Zitat stammt aus dem Jahr 1959. Der englische Chemiker und Schriftsteller hatte in der Rede Lecture die Spaltung der zwei Kulturen, die er selbst verkörperte, massiv beklagt: Naturwissenschaftler und schöngeistige Intellektuelle hätten jede Kommunikation untereinander eingestellt, „denn die Angehörigen der zwei Kulturen können nicht miteinander sprechen“. Wenn es dennoch Gelegenheiten dazu gebe, so Snow, „dann existierten sie sozusagen in einem Vakuum“.

          Ein Festival zum Thema „Zeit“

          In der Berliner Alten Münze hat man erleben können, wie eine vorwiegend junge und experimentierfreudige dritte Kultur dieses Kommunikationsvakuum außer Kraft zu setzen versucht. Auf dem vom Bundesforschungsministerium mitfinanzierten „State Festival of Time“, dem ersten Wissenschaftsfestival, das die „expressive Kreativität“ von Kunst und Musik „als Vehikel“ für das eigene Denken und die Kommunikation von Forschung nutzen will, hat man die Ideale Snows auf vielen Ebenen parallel kultiviert: Gesprächsforen, interaktive Workshops, Kurzfilmfestival, Performances von Künstlern und Live-Experimente von Wissenschaftlern.

          Das Festivalthema „Zeit“ war dabei nur das inhaltliche Gerüst, das eigentliche Motiv - der kreative Zusammenprall der Kulturen - führte die Festivalbesucher immer wieder hinein in die grundsätzliche Frage: Ist die wachsende Komplexität der Welt und des Denkens womöglich leichter vermittelbar, greifbarer, wenn man die Denkweisen und Weltsichten der beiden Kulturen gleichsam kumuliert? Mit anderen Worten: Fortschritt durch Begegnung und kreative Kommunikation?

          Die Idee ist im Buchmarkt nicht neu. Der New Yorker Buchagent John Brockman (edge.org) hat für die dritte Kultur längst eine Mannschaft mit extrem populären Wissenschaftsautoren aufgestellt, die in ihren Werken selbst das interkulturelle Denken pflegen und Debatten provozieren.

          Die dritte Kultur entwickelt sich aber auch jenseits davon, so sieht es zumindest John Gorman, Chef der „Science Gallery“ in Dublin, zu „einer weltweiten Bewegung“. Der Schlüsselbegriff das für ihn im englischsprachigen Raum virulente „Art Science“. Tatsächlich ist Gorman im Begriff, zusammen mit anderen Wissenschaftsmanagern ein kontinentübergreifendes Netzwerk von Instituten, Künstlern und Designern aufzubauen, das sich mit kreativen, offensiven Konzepten ein neues Zielpublikum für die Wissenschaftskommunikation sucht. Fünfzehn plus, erlebnishungrig, technophil und diskussionsfreudig, das ist die - pädagogisch bisher eher schwer zu erreichende - Altersgruppe, die Gorman zumindest in Dublin mit einigem Erfolg rekrutiert. Mit dem King’s-College in London gibt es bereits eine Partnerschaft, 2016 soll dort ebenfalls eine Science Gallery eröffnet werden. Sechs weitere seien geplant, unter anderem in Melbourne und New York.

          Wenn die Wissenschaft von den Ausläufern der Ökonomie durchwoben ist, so lautete einer der Hinweise auf den Dialogforen des State Festivals, warum sollte dies nicht auch für die Kunst möglich sein? Mit anderen Worten: Warum sollte die höhere Moralität, die mit künstlerischen Zugängen zu vielen Themen einhergeht, nicht auch für die Wissenschaft von Nutzen sein? Oder, wie es Joanna Hoffmann-Dietrich, Kunstprofessorin aus Posen und Vorsitzende des „Art & Science Node“ in Berlin, formulierte: „Die Verbindung beider Kulturen kann auch ein Beitrag zur Demokratisierung der Wissenschaften werden.“ Die Machtfrage war gestellt und damit jener Punkt erreicht, an dem auch Snow in seiner Sorge um die naturwissenschaftliche Bildung seiner Zeit zu verzweifeln drohte.

          Vorsicht Künstler: Ein „Bullhit-Detektor?

          Könnte am Ende die Frage um die intellektuelle Vormacht, und sei es auch nur die Deutungsmacht, solche kulturübergreifenden Projekte wie das State Festival, mit denen derzeit rund um den Globus experimentiert wird, wieder in eine Sackgasse führen? Für Carsten Hucho, wie Christian Rauch, dem Organisator des Festivals, Physiker am Paul-Drude-Institut für Festkörperelektronik, muss „die wissenschaftliche Methode als erfolgreicher Teil unserer Kultur akzeptiert werden“ - und im Zweifel auch gegenüber der Kunst mit ihren stärker emotionalen Zugängen verteidigt werden. Ein „Bullshit-Detektor“ sei auch für die dritte Kultur kein schlechtes Instrument. Jenny Michel, Berliner Künstlerin, wies dagegen auf die Ambivalenz dieser innewohnenden Stringenz und ganz eigenen elitären Sichtweise hin, die im Popperschen Ideal des wissenschaftlichen Erkenntniszugangs liegt: „Als Künstlerin habe ich einfach mehr Freiheiten, alternative Konzepte aufzuzeigen, mit Wissenschaften zu spielen.“ Fazit: Ein paar Jahrhunderte Trennung zwischen Kunst und Wissenschaft lassen sich nicht mit einem Spektakel aufheben. Die Anfänge aber werden gemacht.

          Quelle: F.A.Z.

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