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State Festival : Das Basislager der jungen Wilden

Unorthodoxe Perspektiven von Künstlern auf die Wissenschaft, für die Öffentlichkeit ein Eyecatcher: „EYEsekt“ von The Constitute war Gast beim ersten State Festival. Bild: State Festival

Am Elfenbeinturm der Experten klopft es: Open Science - eine Bewegung wider den Methodenzwang. Auf dem „State Festival“ in Berlin wird vom morgigen Freitag an der Dialog von Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft forciert.

          Wir leben bekanntlich in einer Zeit, in der neue Kommunikationswerkzeuge und Technologien Zugänge zu Aktivitäten, Ressourcen und Informationen schaffen, die bisher der breiten Masse verschlossen blieben. Einer Zeit, in der Kreativität, Schnelligkeit und intellektuelle Wendigkeit oft mehr zählen als elitär erworbenes Spezialistentum. Die resultierenden, allenthalben um sich greifenden Partizipationsansprüche haben viele ökonomische und gesellschaftliche Bereiche bereits grundlegend revolutioniert. Wenn man sich auf die Suche nach einer letzten Bastion des unhinterfragten Expertentums macht, mag man vielleicht auf die Wissenschaft stoßen. Doch auch um den Elfenbeinturm elitärer, wissenschaftlicher Forschung hat sich in den letzten Jahren ein Basislager unerschrockener Turmkletterer unterschiedlichster Ausprägung formiert, von dem ausgehend eine bunte Schar junger Wilder den kreativen Gipfelsturm plant.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          „In der Wissenschaft wird es jetzt eine ähnliche Entwicklung geben, wie es sie in der Wirtschaft durch die Open Innovation Bewegung gegeben hat. Dadurch, dass eine immer größere, öffentliche Verfügbarkeit von Wissen, Technologien und wissenschaftlichen Werkzeugen vorhanden ist, entsteht auch außerhalb der akademischen Institutionen eine Szene, die Wissenschaft betreibt“, beschreibt Christian Rauch. Er ist Direktor des „State Festivals“, das vom 4. bis 5. November im Berliner Kühlhaus stattfindet und sich zum Ziel gesetzt hat, Themen aus der Wissenschaft, die eine hohe gesellschaftliche Relevanz besitzen, öffentlich erfahrbar zu machen, sie auszuloten und kritisch zu diskutieren. Als das Festival vor zwei Jahren unter dem Titel „State of Time“ zum Thema Zeit sein Debüt feierte, wurde dieser Anspruch insbesondere darüber eingelöst, dass Künstler wissenschaftliche Konzepte und Ergebnisse künstlerisch transformierten und damit die Besucher mit dem Thema Zeit auf überraschende, faszinierende oder irritierende Weise konfrontierten. Daneben gab es zwar auch theoretische Fachvorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops, doch die Paarung von Kunst und Wissenschaft erschien als dominierendes Rahmenkonzept.

          Festival-Direktor Christian Rauch, Physiker aus Berlin.
          Festival-Direktor Christian Rauch, Physiker aus Berlin. : Bild: State Festival

          In der diesjährigen zweiten Auflage des Festivals wird dieses Rahmenkonzept nun unter den Oberbegriff „Open Science“ eingeordnet. „Die Begrifflichkeit ,Open Science‘ wird gerade erst definiert“, gibt Rauch zu bedenken. Er selbst versteht diesen Begriff als Sammelbezeichnung für ein breites Spektrum unterschiedlichster Aktivitäten, die Experten wie Laien neuartige Zugänge und Möglichkeiten zur Teilnahme am wissenschaftlichen Prozess erlauben und dabei eine neue Verspieltheit und Kreativität fördern. Der Unteraspekt der Open Access Bewegung, die sich für freie Zugänglichkeit zu wissenschaftlichen Daten und Ergebnissen einsetzt, ist dabei nur eine, wenngleich wohl die bekannteste Ausprägung dieser im Wachstum begriffenen Bewegung.

          Offener Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen, Daten und Software-Lösungen begünstigt und findet Ausdruck in „Do-it-yourself“-Laboren und Forschungs-Start-ups, die auch mit schmalem Budget auf der Grundlage preiswert verfügbarer Hardware oder 3D-Druckertechnologie schnelle und pragmatische Lösungen für wissenschaftlich motivierte Problemstellungen entwickeln können. Das Ziel, mit einfach verfügbaren Mitteln kreative Alternativlösungen für Probleme jenseits industrieller Fertiglösungen zu entwickeln und herzustellen, definiert dabei die wachsende „Maker“-Szene, deren Aktionsradius sich im Rahmen von Open Science auch immer stärker in wissenschaftliche Kontexte hinein ausdehnt.

          Emotional: Das Logo des State Festivals.
          Emotional: Das Logo des State Festivals. : Bild: State Festival

          Die Unabhängigkeit von den Zwängen des etablierten Wissenschaftssystems einerseits, und von den starren, akademischen Finanzierungsmodellen andererseits, mögen dabei Aspekte sein, die den Maker-Ansatz auch für etablierte Wissenschaftler reizvoll erscheinen lassen. Größere Flexibilität, verstärkte Lösungsorientierung und höhere Kreativität erscheinen als zu erwartende Konsequenzen. Eine weitere, global in starkem Wachstum begriffene Bewegung jenseits etablierter Institutionen ist die Biohacking-Szene. Begünstigt durch immer preiswerter verfügbare biotechnologische Werkzeuge wagen sich hier Laien in Privatlaboren an molekularbiologische Experimente bis hin zur DNA-Manipulation von Mikroorganismen.

          Forschende Bürger

          Doch auch aus den akademischen Forschungsinstituten selbst gibt es immer stärkere Bestrebungen, die Öffentlichkeit an wissenschaftlicher Forschung teilhaben zu lassen. Als Bürgerwissenschaftler hat man mittlerweile die Auswahl zwischen Projekten aller Fachrichtungen, innerhalb derer man selbst wissenschaftliche Daten erzeugen oder auswerten kann. Im Zuge des wissenschaftlichen Crowdfundings kann man selbst zur Finanzierung wissenschaftlicher Projekte beitragen und über deren Realisierung entscheiden.

          Es überrascht kaum, dass die zunehmende Öffnung der Wissenschaften nicht von allen Seiten mit Wohlwollen beobachtet wird. Der elitäre Charakter von Wissenschaft scheint schließlich wohlbegründet in einem hochspezialisierten, nur von Experten geteilten Paradigma, dessen Aneignung jahrelangen Trainings bedarf. Wie können wissenschaftliche Qualitätsstandards garantiert werden, wenn institutionelle Aufnahmerituale umgangen werden und plötzlich jeder forschen darf? Wie kann Missbrauch wissenschaftlicher Technologien verhindert werden und wie moralische Standards kontrolliert werden? Christian Rauch sieht diese Probleme, aber betont gleichzeitig, dass die Antwort nicht sein kann, diese neuen Bewegungen zu ignorieren: „Die Wissenschaft muss diese Herausforderung annehmen, sich anpassen und Anknüpfungspunkte für diese Szene schaffen. Das heißt auch, eine gewisse Kontrolle aufzugeben, was nicht leicht ist und viele Fragen aufwirft, die man beantworten muss.“ Er selbst sieht aber in der Open Science Bewegung auch großes Potential für die etablierten Forschungsinstitutionen, da der Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse in den jungen und dynamischen Kreativ-Pool der Open Science Szene ganz neue Anwendungsszenarien wissenschaftlicher Forschung eröffnen kann. Die gesellschaftliche Nutzbarmachung wissenschaftlicher Ergebnisse ist aber gerade ein Aspekt, der für Forschungsinstitutionen immer wichtiger wird und im Rahmen starrer, institutioneller Technologie-Transfer-Konzepte nicht immer befriedigend gelöst wird. „Ich glaube nicht, dass Open Science die akademische Forschung ersetzen kann, aber ich glaube, wenn Wissenschaft gesellschaftliche Relevanz erzeugen will, muss die Öffentlichkeit mitgedacht werden“, fasst Rauch zusammen.

          „Open Science“ im offenen Haus: Das State Festival wird für zwei Tage zur Begegnungsstätte für experimentierfreudige Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler.
          „Open Science“ im offenen Haus: Das State Festival wird für zwei Tage zur Begegnungsstätte für experimentierfreudige Künstler, Unternehmer und Wissenschaftler. : Bild: State Festival

          Das State Festival beabsichtigt, diese beiden Szenen zusammenbringen: die etablierte Forschungswelt und die kreative Dynamik der Open Science Bewegung. Institutionen wie die Max-Planck-Gesellschaft und das Royal Collage of Arts, London, haben sich als Partner des Festivals auf diesen Austausch eingelassen. Auf dem Festival selbst werden Wissenschaftler ihre Forschungsprojekte vorstellen und diese dem Feedback und den Interaktionen der Teilnehmer aussetzen. Ein weiterer Schlüsselaspekt dieses Austauschs soll die Etablierung interdisziplinärer Kollaborationen sein: Das Festival soll themenzentriert verschiedenste Fachrichtungen präsentieren und Menschen beliebig verschiedener Hintergründe in Austausch bringen.

          Kunst als Spielart von „Open Science“

          „Im Idealfall ist das Festival ein Ort, der eine offene, mündige Beschäftigung mit gesellschaftlich relevanten wissenschaftlichen Themen zulässt und inspiriert. Ein Ort, der unterschiedlichste Akteure zusammenbringt, die zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen notwendig sind“, wünscht sich Rauch. Das diesjährige Festival widmet sich dem Thema Emotionen, ein Thema, das sich aufgrund seiner technologischen Relevanz und seiner Nähe zu Fragen der künstlichen Intelligenz besonders für einen anwendungsnahen und interdisziplinären Austausch eignet. Ob dieser Austausch zwischen akademischer Forschung und junger Szene Vorurteile zu überwinden vermag und wirklich fruchtbar sein wird, verspricht ein interessantes Experiment zu werden. Die Kunst wird in jedem Fall auch in diesem Jahr als vergleichsweise wenig kontroverse Spielart der Open Science Idee einen Zugang zum Thema und zu dessen kritischer Reflexion liefern. „Aufgrund des besonderen Trainings der Künstler besitzt die Kunst das Alleinstellungsmerkmal, den Finger auf besonders kritische Entwicklungen legen zu können und den Blick darauf zu lenken, wo es in Zukunft schmerzen könnte,“ beschreibt Rauch. Grade in Zeiten großer Umbrüche kann diese Fähigkeit eine zentrale sein.

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