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Veröffentlicht: 05.11.2016, 16:40 Uhr

Kunst und Ethik von KI Morgengrauen der moralischen Maschinen

Künstler haben ihre ganz eigene Perspektive auf die neuen Maschinenkreaturen. Auf dem State Festival wird der Siegeszug der künstlichen Intelligenz oft ironisch, aber auch mit strengem Gestus kommentiert. Ein Rundgang auf dem Festival - und eine Erläuterung.

von
© F.A.Z., Jens Gyarmaty State Festival: Von sentimentalen Maschinen

„Es gibt inzwischen so viel Negativität in unserer Haltung zur künstlichen Intelligenz.“ Softwarespezialisten wie der italienisch-stämmige KI-Unternehmer Max Versace sind in der Öffentlichkeit hin- und hergerissen zwischen religiöser Bewunderung, kritischer Begleitung und absoluter Dämonisierung, wenn es um unsere digitale Zukunft mit selbstlernenden Maschinen geht. Was für die große Masse wie die Geburt von Science-fiction-Utopien aussieht, und die schweigende Mehrheit schulterzuckend zurücklässt, weil sie schon mit der alltäglichen Beschleunigung der digitalen Transformation überfordert sind, regt viele kritische Geister und insbesondere Künstler an, den technischen Fortschritt mit ihren Mitteln zu kommentieren.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Auf dem State Festival „The sentimental machine“ haben sich im Berliner Kühlhaus in Kreuzberg mehr als zwei Dutzend Künstler aus aller Welt mit ihren Installationen und Performances die Frage gestellt, wo genau die Schnittflächen zwischen Mensch und Maschinen verlaufen - und wohin sie sich mit dem Boom der künstlichen Intelligenz verschieben könnten. Ausgangspunkt ist die sehr viel grundsätzlichere Frage, wie in Robotern und Automaten künftig das Konzept von Personalität und Identität gelöst wird. Welche Rolle werden etwa Emotionalität und Kreativität der Maschinen spielen? Wenn Computer also nicht mehr nur rechnen und denken, sondern eigene Ideen und Sensibilität entwickeln? Viele Künstler beschäftigen insbesondere diese sozialen Kompetenzen, welche die Evolution im Organismenreich vielfach hervorgebracht hat - und die beim Menschen ihren vermeintlichen Höhepunkt erreicht haben.

Das von Jens Gyarmaty produzierte Video zeigt, wie die kreativen Köpfe jenseits der KI-Szene diese Themen reflektieren. Entwickelt und realisiert wurde das künstlerische Konzept des Festivals von der Berliner Kuratorin und erfahrenen Wissenschaftsvermittlerin Daniela Silvestrin, die wir mit diesem Podcast für eine Führung durch die Ausstellung gewinnen konnten.

© F.A.Z., Müller-Jung, F.A.Z. Audio Rungang über das State Festival

     

Die entscheidende Prämisse für die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz ist für Informatiker und Ingenieure noch immer zuerst: Funktioniert die Maschine? Wie die Gespräche und Debatten auf dem State Festival gezeigt haben, ist die Perspektive der Außenstehenden eine vorderhand zutiefst humanistische: Wie ähnlich werden sie uns? Und vor allem: Wann könnten die Automaten zur Gefahr für unsere Spezies werden, wann werden grundlegende menschliche Werte angetastet? Im Zentrum steht dabei das Konzept der fühlenden und mitfühlenden Kreatur, die mit dem Menschen den bisherigen Höhepunkt der Evolution erreicht haben sollte - jedenfalls für die meisten Menschen bereits erreicht hat. Emotionen und Empathie waren deshalb das große Thema des Berliner Kunst- und Wissenschaftsfestivals.  

Was ist das Besondere an Emotionen?

Emotionen entstehen im Kopf. Ohne Nervensystem keine Gefühle, aber entstehen sie wirklich nur da? Was ist mit dem Herzen, und welche Rolle spielt unsere „Seele“, wenn Emotionen nicht als reine elektrophysiologische und hormonelle und damit messbare  Vorgänge betrachtet werden sollen? Fest steht: Fast nichts, was wir entscheiden oder planen zu tun den lieben langen Tag lang, geschieht ohne Gefühle. Angst, Wut, Ekel, Freude, Trauer, Überraschung - ständig sind wir innerlich hin und her gerissen. Emotionen regieren uns. Mehr als neunzig Prozent unseres Verhaltens und Denkens hat eine affektive Färbung - zum Positiven oder zum Negativen. Doch Gefühle sind subjektiv, eng mit der eigenen Identität, unseren Erfahrungen, unserem Temperament und unseren Stimmungen verknüpft Und deshalb waren Emotionen, obwohl sie seit Jahrtausenden kultureller Gegenstand sind und etwa die Wirkung von Menschen wie von Kunstwerken entscheidend beeinflussen, schwer greifbar für die Wissenschaften.

Dutzende Theorien sind entwickelt worden. Doch erst in den vergangenen zwei Dekaden hat die Emotionsforschung eine starke empirische Verwurzelung erhalten. Ein ganz zentraler soziokultureller Ausdruck des Menschseins, das seine Wurzeln endlich in den inzwischen interdiszplinär arbeitenden Wissenschaften gefunden hat: Hirnforschung, Psychologie, Soziologie, Geschichts- und Geisteswissenschaften, Ökonomie und nicht zuletzt die Technik mit der künstlichen Intelligenzforschung versuchen, menschliche Emotionen zu verstehen. Forschungsinstitute rund um den Globus und Unternehmen forcieren die Emotionsanalyse, verwandeln das Gebiet in ein Big-Data-Projekt. In der Gesichtserkennung hat es bereits kommerzielle Interessen geweckt. Werbung, Marketing, Psychologie - das Anwendungspotential wird immer breiter. „Affektive Computerwissenschaft“ unternimmt den Versuch, mit Rechnerhilfe und künstlicher Intelligenz nicht nur Emotionen zu identifizieren, sondern sie auch zu beeinflussen. Das alles sowie die Versuche der Informatiker und Techniker, fühlende - oder wenigstens „Gefühle simulierende - Maschinen zu konstruieren, waren die beherrschenden Themen auf dem State Festival 2016 im Berliner Kühlhaus. Auf vier zum Innenhof offenen Stockwerken sind Wissenschaft, Kunst und Unternehmertum in einen Dialog eingetreten. Es war über die beiden Festivaltage der faszinierende Versuch einer jungen „Open Science“-Bewegung, die Erkenntnisse und Empfindungen von vielen kreativen Kräften auszutauschen - und öffentlich zu machen.     

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