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Projekt „WissensARTen“ : Leben in Geräuschkulissen

Bild: Andreas Brand

Kreativität und Neugier verbinden Künstler und Wissenschaftler seit jeher. Dennoch werden sie als getrennte Welten wahrgenommen. Das Projekt „WissensARTEN“ bringt sie zusammen – im ersten Teil zum Thema: Was ist Klang?

          Mit Wissenschaft wird Berechenbarkeit und Objektivität assoziiert, mit Kunst Spontaneität und Subjektivität. Ganz unbestreitbar teilen Kunst und Wissenschaft aber Kreativität und Neugier. Wir haben uns dem Thema Klang aus beiden Perspektiven genähert.

          I. Die Künstlerin

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Das Ereignis selbst ist paarweise angelegt und in verschiedenen Mustern geschrieben. Man schreibt alle Möglichkeiten auf, bis sie alle nebeneinander stehen. Das Ganze ist außerdem als Loop beschrieben. Dadurch ergibt sich so etwas wie eine Interferenz: auf einer ganz minimalen Ebene entsteht da ein Rhythmus.“ Jorinde Voigt sitzt an der Küchenzeile ihres großzügigen Atelier-Bungalows in einem Hinterhof in Berlin Alt-Treptow und erläutert auf einem Blatt Papier den Algorithmus, der ihren Arbeiten zum “akustischen Impuls” zugrunde liegt. Wenn man Voigts Werke auf den ersten Blick sieht, die grazilen Bögen und Linien, die sich in kraftvoller Dynamik über ihre großformatigen Leinwände ziehen, vermutet man vielleicht nicht unbedingt, auf welch komplexem, konzeptuellem Fundament die Bilder ruhen. Wenn man dann aber die sorgfältigen Beschriftungen entziffert, „Distanz“, „Rotationsgeschwindigkeit“, „Zeitraum“, „Windrichtung“, und sich einlässt auf die bedächtigen Erklärungen, die von Voigt Schritt für Schritt entwickelt werden, merkt man, dass es in den Bildern um sehr viel mehr geht, als um oberflächliche Ästhetik.

          „Ludwig van Beethoven, Sonate 32“: Für jede Sonate ergibt sich graphisch eine andere dynamische Struktur, in der das breite emotionale Spektrum der Sonate und dessen Notation erfassbar werden.
          „Ludwig van Beethoven, Sonate 32“: Für jede Sonate ergibt sich graphisch eine andere dynamische Struktur, in der das breite emotionale Spektrum der Sonate und dessen Notation erfassbar werden. : Bild: Pein, Andreas

          Tatsächlich erscheinen Voigts Werke als Resultate und Endpunkte eines Erkenntnisprozesses, an dessen Anfang sehr universelle Fragen stehen: „Was ist das eigentlich alles in der Welt, was mich umgibt? Die Frage ist ja heute noch die gleiche: Warum ist das so? Aber nicht so sehr im wissenschaftlichen Sinne von ‘Was ist das Ergebnis?’, sondern bei mir ist vielmehr der Erkenntnisprozess die Zeit des Tuns“, beschreibt Voigt die Motivation ihrer Arbeit. Die Themen, mit denen sie sich beschäftigt, findet sie dabei typischerweise in ihrem persönlichen Lebenskontext: angeregt durch Bücher, die sie liest, beispielsweise Autoren wie Roland Barthes oder Niklas Luhmann, motiviert durch Erfahrungen, die sie macht, zum Beispiel die unserer permanenten Einbettung in Raum und Relationen. Oft ergeben sich auch neue Themen aus alten Arbeiten, wenn sich interessante Nebenaspekte eines bereits behandelten Themas dafür anbieten, Anlass für eine eigene, tiefergehende Untersuchung zu geben.

          • „Der Prozess soll durchsichtig sein“

          Für jedes Thema setzt Voigt sich daraufhin einen neuen, besonderen Algorithmus und legt eine Struktur fest, nach der das Werk entsteht, innerhalb dessen aber dennoch Raum ist für kreative, spontane Entscheidungen: „Zum Beispiel wenn es darum geht, dass zwei Punkte einen Bezug haben, man aber nicht auf eine Konvention zurückgreifen möchte, was zum Beispiel der Fall wäre wenn man einfach eine gerade Linie zieht. Stattdessen sagt man, dass jede mögliche Art der Verbindung richtig ist, und das ist dann Teil des Algorithmus: die Linie zu ziehen auf irgend eine spontane Art.“ Die entsprechenden Informationen werden vollständig offen gelegt und sollen sicherstellen, dass der Betrachter den Schaffensprozess und die Eigenlogik der Werke nachvollziehen kann: „Es ist mir sehr wichtig, dass der Prozess durchsichtig bleibt. Zum Beispiel indem alles beschriftet ist, um was es da geht, und dass ganz klar ist, dass es ein Denkmodell und nicht eine reine künstlerische Zeichnung ist. Mit Zeichnungen habe ich eigentlich gar nichts zu tun, es ist letztendlich nichts anderes als eine exaltierte Art von Schreiben.“

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