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Veröffentlicht: 28.10.2015, 07:32 Uhr

Hirnforschung, was kannst du? Weh tut es nur, weil es weh tun soll

Schmerzen entstehen nicht im Gehirn, aber ohne unser Hirn wären sie nicht existent. Mehr noch: Das Gehirn ist der große Schmerzmanipulator. Aber sobald wir das Gehirn und seine Netzwerke besser kennen, können wir Schmerzen auch gezielt ausschalten.

von Christian Büchel
© Ullstein Erste Verfahren wirken gezielt auf Hirnregionen, die für das Schmerzgeschehen entscheidend sind: Transkranielle Magnetstimulation in einer Klinik in Frankreich.

Ein Leben ohne Schmerz! Erspart bleiben würden einem die unangenehmen Stunden nach einer Zahnoperation oder bei einer Mittelohrentzündung. Was sich verlockend anhört, ist aber bei genauerer Betrachtung eine ernsthafte Gefahr. Schmerz ist ein Signal, das dem Organismus einen drohenden Gewebeschaden signalisiert, wie bei einem zu hoch abgebrannten Streichholz, das bereits einen Schmerz an der Hand verursacht, noch bevor wir uns wirklich verbrennen. Wir wissen aus unserer alltäglichen Erfahrung, dass nicht nur Hitze, sondern auch extreme Kälte, mechanische Verletzungen oder Verätzungen zu Schmerz führen.

Aus Sicht der Neurowissenschaften ist diese „multimodale“ Reizverarbeitung keineswegs trivial - andere Sinneszellen reagieren nämlich hochspezifisch auf nur einen adäquaten Reiz. Wir sehen nur Licht und hören nur Schall. Überhaupt genießt das Schmerzsignal gegenüber anderen Reizen aus der Umwelt eine hohe Priorität und zwingt uns zu schnellem Handeln. Wir versuchen unwillkürlich, dem potentiell schädigenden Reiz zu entgehen, um die Integrität des Körpers zu erhalten und Maßnahmen zu ergreifen, die solche Situationen in Zukunft verhindern. Deshalb werden Situationen und Reize, die zu einem Schmerzerlebnis geführt haben, besonders gut im Gedächtnis gespeichert. Diese Regelkette funktioniert natürlich nur bei intakter Schmerzwahrnehmung, und sie ist lebenswichtig. Menschen, die durch eine Genmutation keinen Schmerz empfinden, erleiden schon in frühester Kindheit sehr schwerwiegende Verletzungen, die sie bereits früh zu Pflegefällen machen. Wer keinen Schmerz empfindet, wird krank.

Sinnloser Schmerz

Der akute Schmerz, bei einem drohenden Schaden, ist also, biologisch betrachtet, gut und sinnvoll. Ganz anders sieht es bei chronischen Schmerzen aus, für die es oft gar keinen Auslöser mehr gibt oder im eigentlichen Sinne nie gab. Hier kann man zwar noch eine Signalwirkung des Schmerzes postulieren, diese hat aber kaum einen sinnvollen Einfluss auf das Verhalten und führt zu vielen quälenden Begleiterscheinungen. Jetzt wird die hohe Priorität, die dem Schmerz bei der Verarbeitung aller Sinnesreize zukommt, zum Problem: Der chronische Schmerz steht bei den Betroffenen häufig im Mittelpunkt des Lebens.

In Deutschland leiden ungefähr acht Millionen Menschen an verschiedensten Formen von chronischen Schmerzen. Die Leiden sind meist multifaktoriell bedingt. Das macht sie komplex, erlaubt aber auch, sie auf ganz verschiedenen Ebenen zu beeinflussen. Zum Verständnis und zur Therapie chronischer Schmerzen gehören neurobiologische, psychologische und soziale Faktoren. Darum sollte eine umfassende Schmerztherapie interdisziplinär sein und Psychologen, Anästhesisten, Neurologen, Orthopäden und wenn nötig andere Spezialisten einbeziehen. Es ist nur folgerichtig, dass der chronische, nicht durch akute Gewebeschäden verursachte Schmerz mittlerweile nicht mehr nur als Symptom, sondern als eigenständige Erkrankung gesehen wird. Die moderne Medizin hat gelernt, diese Patienten endlich ernst zu nehmen.

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