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Neurobiologie : Wie das Gehirn die Seele formt

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Bild: Stock 4B

Gene, vorgeburtliches Erleben und die Erfahrungen mit Bindungen und Stress in der frühen Kindheit prägen das Gehirn - und bestimmen, ob jemand psychisch krank wird.

          Mitte der 1890er Jahre beschäftigte sich in Wien ein begabter junger Neurobiologe und Neurologe namens Sigmund Freud intensiv mit Studien zur Natur des „Seelenlebens“ und seiner Erkrankungen, deren Ergebnisse er kurz darauf „Psychoanalyse“ nannte. Gleichzeitig arbeitete er im Labor des seinerzeit führenden Neuroanatomen Ernst von Brücke. Freud versuchte nun, die neurobiologischen Grundlagen des Seelischen zu ergründen.

          Dieses Unterfangen Freuds war jedoch zu der damaligen Zeit zum Scheitern verurteilt. Man hatte soeben den Bau von Nervenzellen („Neuronen“) genauer beschrieben, aber man wusste nur wenig über die Funktionen der einzelnen Teile des Gehirns und fast nichts über die Prinzipien der neuronalen Informationsverarbeitung. Es blieb Freud deshalb trotz genialer Ideen nichts anderes übrig, als im Jahr 1895 seinen „Entwurf einer Psychologie“ abzubrechen. Das unfertige Manuskript wurde erst postum im Jahr 1950 veröffentlicht.

          Neurobiologische Fundierung

          Dieses Scheitern Freuds hatte dramatische Folgen für die Zukunft der Psychoanalyse. Während Freud bis zu seinem Tode an der Notwendigkeit einer neurobiologischen Fundierung seiner Lehre festhielt, verstanden sich seine Nachfolger vornehmlich als Geisteswissenschaftler. Für sie waren neurobiologische Erklärungen der Entstehung des Psychischen entweder ein grotesker Irrweg oder zumindest nutzlos. Hingegen suchte die zweite große Richtung der Psychotherapie, die Verhaltenstherapie, im Rahmen der behavioristischen Lerntheorie stets einen engen Kontakt zur Psychologie und später zur Hirnforschung. Aber auch dieses Bemühen musste für lange Zeit Stückwerk bleiben.

          Seit einigen Jahren gibt es bildgebende Methoden wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), die es erlauben, beim Menschen Korrelate des Entstehens psychischer Erkrankungen und der Wirkung psychotherapeutischer Methoden innerhalb bestimmter Nachweisgrenzen zu untersuchen. Hinzu kommt neuerdings eine große Zahl an neuropharmakologischen und neurogenetischen Untersuchungen, die sich als unerlässlich für die oft schwierige Deutung der Ergebnisse der bildgebenden Verfahren erwiesen haben. Ebenso hat sich die enge Zusammenarbeit zwischen Neurobiologen, Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten als unverzichtbar bei der Planung, Durchführung und Auswertung psychoneurobiologischer Untersuchungen erwiesen. Insofern ist die meist geisteswissenschaftliche Kritik an einem platten Neuroreduktionismus, für den psychische Erkrankungen nichts anderes als „falsch feuernde Amygdala-Neuronen“ seien, weitgehend gegenstandslos.

          Strenger Zusammenhang

          Wie lautet der gegenwärtige Erkenntnisstand der Psycho-Neurobiologie? Fest steht, dass alles normale und krankhafte seelische Geschehen untrennbar an Hirnprozesse gebunden ist und dass sich Psyche und Persönlichkeit des Menschen in strengem Zusammenhang mit der Entwicklung seines Gehirns entwickeln, genauer: des sogenannten limbischen Systems. Zugleich steht aber auch fest, dass das Gehirn zwar der unmittelbare „Produzent“ des Psychischen ist, als solcher aber zugleich der Ort, an dem ganz unterschiedliche Faktoren aufeinandertreffen. Das Gehirn verarbeitet diese Einflüsse und setzt sie in Zustände psychischen Erlebens und in Verhalten um.

          Zu diesen Grundfaktoren gehören erstens Gene im engeren Sinne, also DNA-Abschnitte, die für die Bildung von Proteinen notwendig sind und auf klassische Weise vererbt werden. Allerdings gibt es weder für einzelne Persönlichkeitsmerkmale noch für psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depression, Zwangserkrankungen oder Schizophrenie einzelne Gene, sondern stets eine Vielzahl von Genen.

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