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Soziale Systeme : Wie soll man sich da noch schämen?

Die Sexologin Ann-Marlene Henning berät ein Modellpaar für die ZDF-Sendung „Make Love - Liebe machen kann man lernen“. Bild: ZDF / Julia Kampe

Die öffentliche Thematisierung von Sexualität ist ein sich selbst verstärkender Prozess. Die Gründe dafür sind in unserem Schamgefühl zu suchen: Nacktheit beschämt weniger, wenn sie in der Gruppe zelebriert wird.

          Sexualität wird zunehmend öffentlich thematisiert. Zwar mag Michel Foucault nachgewiesen haben, dass auch das viktorianische Zeitalter keineswegs über Sex geschwiegen hat. Doch die Texte über Normen des Geschlechtslebens – Romane, Ratgeber, Gesetze, medizinische, biologische oder psychotherapeutische Literatur –, die bilden, was Foucault einen „Diskurs“ nannte, sind nur das eine. Ob sie, gemessen an der Gesamtzahl aller Texte, zu- oder abgenommen haben, wer weiß? Das andere ist die implizite Thematisierung von Sexualität durch Bilder, Werbung, Kleidung, Filme.

          Implizit ist sie, weil in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ so wenig über Sexualität diskutiert wird wie in Heidi Klums Model-Show oder auf einer pornographischen Internetseite. Bildlich aber wird sie, wenn man den Begriff denn steigern kann, immer expliziter. Ratgeber, wer zu wessen Lust welche Körperbewegung machen kann, gibt es schon lange. Dass der Rat nun auch im öffentlichen Fernsehdiskurs erteilt wird, ist aber nur die eine nachholende Entwicklung. Eine ganz andere vollzieht die begleitende Darstellung. Die Älteren erinnern sich noch, welche Unruhe auf Pausenhöfen entstand, als Nastassja Kinski im März 1977 kurz nach 20.15 Uhr ihren nackten Oberkörper zeigte. Beim Dreh war sie fünfzehn. Vierzig Jahre später mutet selbst der Hinweis, für Jugendliche unter 16 sei der ZDF-Ratgeber mit seinen Bildern von G-Zonen-Erschließungen ungeeignet, sowie die Sperrung des Mediathekzugangs vor 22 Uhr nur noch rührend an.

          Vom Zurücktreten des Schamgefühls

          Auf die Frage, was in diesen vierzig Jahren geschehen ist, lautet die Antwort oft, die Sexualmoral habe sich verändert. Überhaupt werden Sexualität und Moral gerne konfrontiert. Die eine sagt „Ich würde gern“ oder, schon forscher, „So mache ich es“, die andere sagt „Du sollst nicht“ oder, schon defensiver, „Verberge dich wenigstens“. In diesem Konflikt kann endlos darüber diskutiert werden, wer Schaden nimmt, wenn zu viel oder zu wenig öffentlich wird – Jugend, Aufklärung, Gesundheit, Frauen, Anstand, die Liebe oder der Sex selbst. Wird öffentlich gezeigte Sexualität vor allem unter Gesichtspunkten moralischer Ächtung diskutiert, gerät eine Regung aus dem Blick, die womöglich eine viel stärkere Gegenkraft zu ihr war. Das Zurücktreten des Schamgefühls nämlich ist die Voraussetzung dafür, dass gezeigt und getan wird, was sich anschließend moralisieren lässt. Schließlich hätte das ZDF wenig in seinem Sinne zu senden gehabt, hätten sich die Paare vor Scham gar nicht oder nur mit hochroten Köpfen vor der Kamera körperlich und seelisch entblättert.

          Nichts wäre nun gewonnen, wenn man dieses Zurücktreten des Schamgefühls moralisierte. Das tun seine Gegner und landen bei persönlichen Vorwürfen. Das tun aber auch seine Freunde, die in Scham nur verinnerlichten Moralzwang erkennen können und es als Freiheitsgewinn verbuchen, wenn er abfällt. Als der Soziologe Georg Simmel 1901 seinen Aufsatz zur „Psychologie der Scham“ verfasste, wies er auf einen Umstand hin, der solches Moralisieren relativiert: Scham kann das Eingeständnis schwerer Verfehlungen genauso begleiten wie kleinste Unpässlichkeiten, kann eine Reaktion auf Lob wie auf Tadel sein, kann sich auf eigenes wie auf fremdes Handeln beziehen.

          Wenn die Liebe keine Rolle spielt

          Es müsse folglich, so Simmel, erklärt werden, weshalb Sexualität gerade Schamgefühle hervorrufen kann, wenn sich diese auch bei Lob melden. Gemeinsam sei beidem, dass das Ich sich als Objekt gesteigerter Aufmerksamkeit sieht, die an ihm eine Abweichung von der Norm feststellt. Es reagiert mit Scham, wenn es zugleich hervorgehoben und gegenüber seinem Ideal herabgesetzt wird. So hebt Nacktheit ein Individuum hervor und nimmt ihm zugleich die Unnahbarkeit, über deren Aufhebung zu verfügen in unserer Kultur allein dem Individuum selbst zusteht.

          Dieselbe Oszillation beobachtet Simmel dort, wo das Schamgefühl auf die offene Kommunikation bloß sexueller Interessen reagiert, weil diese ihr Objekt zugleich intensiv und nur in einer Teilbedeutung ansprechen. Immer dann, heißt das im Umkehrschluss, wenn Sexualität ausgestellt wird, kann es schamfrei geschehen, sofern die Person an sich nicht im Spiel ist. Zum Beispiel bei Schauspielern oder wenn Liebe, die auf Individuen als Ganze zielt, als Ideal keine Rolle spielt und Sexualität entkoppelt wird. Oder wenn man sich, wie Simmel formuliert, gegenseitig anonym ist, das Ich als solches aus der Beziehung „ausgeschaltet“ ist, weswegen einander Unbekannte, die wissen, dass sie es bleiben werden, sich oft die intimsten Dinge zumuten können. Oder schließlich wenn das, was den Einzelnen beschämen würde, in der Gruppe erfolgt. Entsprechend sorgt die zunehmende öffentliche Thematisierung und Darstellung von Sexualität für ihr eigenes Wachstum, weil sich die Einzelnen durch Mitmachen dabei immer weniger exponiert sehen müssen.

          Georg Simmel, „Zur Psychologie der Scham“, in: ders., Gesammelte Werke Bd.1, Ffm. 2000

          Quelle: F.A.S.

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