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Pornographie : Nichts als nackte Wahrheit

„Das Tal“ heißt eine Serie, die der 2009 verstorbene Fotokünstler Larry Sultan im kalifornischen San Fernando Valley aufnahm. Dort entsteht ein Großteil der amerikanischen Pornofilme. Bild: Larry Sultan, The Valley, Tashas Third Film, 1998.

Zahllose Sexfilme stehen kostenlos im Internet. Eine ganze Generation wächst damit auf. Was bewirkt das in den Köpfen und Betten? Ein Plädoyer für die Pornographie.

          Die erste Frage, die sich einem stellt, der (und meistens ist es ja ein Er), von Neugier oder anderen Gelüsten getrieben, zum ersten Mal auf eine der vielen Pornoseiten des Internets klickt, die erste Frage geht ungefähr so: Sehr schön, sehr große Auswahl hier - aber womit verdient die Pornobranche eigentlich ihr Geld?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn scheinbar steht alles kostenlos zur Verfügung auf Portalen wie zum Beispiel Pinkpornstars.com: Die Darsteller und Darstellerinnen sind alphabetisch aufgelistet, und wenn man jemanden gefunden hat, den man begehrenswert finden möchte, kann man die Videos nach Länge, Beliebtheit, Neuigkeit sortieren; man kann sich eineinhalbstündige Filme ansehen oder dreiminütige Clips, die Bildqualität ist meistens ganz gut. Und entgegen einer populären Sorge, wonach dem Betrachter die Rechnung später präsentiert werde, als Spam, als Abonnement, welches man eingegangen ist, ohne es zu merken, passiert genau das nicht. Unter den Jüngeren breitet sich allerdings die Gewohnheit aus, die Kamera des Computers, bevor man Pornos schaut, abzukleben - weil man ja, nach allem, was wir in den vergangenen Jahren erfahren haben, nie wissen kann, wer einem dabei zuschaut, wie man selber dabei zuschaut, wie andere Leute es miteinander treiben.

          Und genau das ist die einzig taugliche Definition des Begriffs Pornographie: Sie tun es vor der Kamera, und sie tun es wirklich. Der Bundesgerichtshof hat einmal versucht, Pornographie gemäß ihrer Absicht und intendierten Wirkung zu definieren, und sich dabei in den Fallstricken der Ästhetik hoffnungslos verheddert: „Als pornographisch ist eine Darstellung anzusehen, wenn sie unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise in den Vordergrund rückt und ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse des Betrachters an sexuellen Dingen abzielt.“ Viele Pornofilme nehmen die „sonstigen menschlichen Bezüge“ durchaus zur Kenntnis, viele einwandfrei als Kunst kenntliche Aktgemälde tun das nicht. Und welche Bilder oder Szenen meine Lüsternheit erregen: das möchte ich lieber mit mir selber als mit dem Bundesgerichtshof klären.

          Wovon leben die Darsteller eigentlich?

          Sie tun es also wirklich, vor den Kameras im San Fernando Valley, nördlich von Los Angeles, in Budapest oder auch in den normalen Schlafzimmern normaler Leute, die sich selbst so attraktiv finden, dass sie sich anderen unbedingt zeigen wollen beim Sex, und der Mensch auf der anderen Seite des Bildschirms fragt sich, wovon all die Darsteller und Darstellerinnen, die Kameraleute, Beleuchter, Regisseure denn leben, wo er doch selbst den größten Stars des Genres, Jessica Drake oder Alektra Blue, Peter North oder Lexington Steele, beim Sex zuschauen darf, ohne Eintritt dafür zu zahlen.

          Die Antwort ist ganz einfach - und furchtbar kompliziert zugleich: Nicht jeder, der heute, da es sie umsonst gibt, Pornofilme anschaut im Internet, hätte früher Geld ausgegeben, um sich diese Filme anzusehen. Und die meisten, die sich früher Videokassetten oder DVDs gekauft haben, sind auch heute bereit, für diese Filme zu zahlen; die DVD gibt es ja immer noch, und daneben haben sich neue Vertriebsformen im Internet etabliert, der Abodienst kink.com zum Beispiel, dessen Betreiber großen Wert darauf legen, dass ihre Filme mehr Stil und Glanz haben und nicht nur die üblichen Spielarten der Sexualität zeigen.

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