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Patienten erfolgreich behandelt : Die Zellen gegen Blindheit

Die Netzhaut eines der behandelten Patienten, sechs Monate nach der Transplantation der im Labor erzeugten Retina-Epithelzellen. Die Pfeile weisen auf pigmentierthaltige Stellen hin und zeigen den Bereich, in die unter anderem das Ersatzgewebe eingepflanzt wurde. Bild: Lancet / Robert Lanza

Zum ersten Mal sind Patienten, denen die Erblindung droht, erfolgreich mit Netzhaut-Gewebe behandelt worden, das aus Stammzellen erzeugt worden war. Viele konnten bald nach der OP deutlich besser sehen. Und die Mediziner wollen noch mehr.

          Es ist eine wichtige Erfolgsmeldung, aber noch lange kein Sieg für die Stammzell-Medizin: Von den ersten 18 amerikanischen Patienten, die an unheilbaren und zur Erblindung führenden Krankheiten leiden und denen vor drei Jahren Netzhautgewebe eingepflanzt wurde, das man in der Petrischale aus embryonalen Stammzellen gezüchtet hatte, können zehn wieder besser sehen – acht von ihnen konnten in Sehtests sogar  deutlich schärfer als vorher und bis zu 15 Buchstaben wieder erkennen. Über die erste Langzeitbilanz zweier klinischer Studien haben jetzt Robert Lanza von der Biotechfirma  „Advanced Cell Technology“ und eine Gruppe von amerikanischen Augenspezialisten in der angesehenen britischen Zeitschrift „Lancet“ berichtet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eigentlich sollte in den beiden kleinen Studien lediglich gezeigt werden, dass  die Transplantation von  Netzhaut-Ersatzgewebe, das aus Stammzellen erzeugt worden ist, sicher ist und nicht etwa zu Krebswucherungen führt. Solche Befürchtungen gab es nach den Labor- und Tierexperimenten immer wieder. Stammzellen, und zumal die ethisch lange umstrittenen embryonalen Stammzellen, die aus überzähligen, nach Befruchtungsbehandlungen gespendeten Keimbläschen in der Petrischale gewonnen werden, sind extrem entwicklungsfähig und wandelbar. Das macht ihr Potential für die regenerative Medizin aus, löste in der Vergangenheit aber immer wieder auch Bedenken über krebsartige Wucherungen – Teratome – aus.

          Zellen der menschlichen Netzhaut, die durch Reprorammierung von Hautzellen einer Patientin und anschließender Gewebezucht in der Petrischale hergestellt worden waren.


          Andererseits hat man gegen die beiden behandelten Augenleiden, der trockenen altersbedingten Makuladegeneration und der Stargardt’s Makula-Dystrophie, bisher keine einzige erfolgreiche Therapie. Die Krankheiten führen unwiderruflich zur Erblindung. Bei der Stargardt’s-Makuladegeneration betrifft das sogar häufig junge Menschen. In den klinischen Tests der Amerikaner lag das Alter der Patienten zwischen 20 und 70 Jahren. Die Patienten mit der altersbedingten Makulardegeneration, die häufigste Ursache für Erblindung im hohen Alter, lag der Altersdurchschnitt bei 77 Jahren. Obwohl schon etwas ältere Einzelversuche mit transplantierten Ersatz-Netzhautzellen gescheitert waren, wollten die anderthalb Dutzend Patienten den Kampf gegen die Blindheit mit neuen Zellen aufnehmen.

          Bis zu 150.000 Ersatzzellen

          Robert Lanza und sein Team verpflanzten für den Sicherheitscheck kleine Gewebestücke mit den  gezüchteten Netzhautzellen in jeweils eines der beiden Augen.  Dabei handelte es sich um Retina-Epithel, das als Teil der Netzhaut für gewöhnlich die Erhaltung und das Funktionieren der Sinneszellen sicherstellt.  Anders als in früheren Tests wurden die transplantierten Zellen nicht mitten in die zerstörten Regionen der Netzhaut verpflanzt, sondern am Rand des zerstörten Gewebes, wo die zellulären Bedingungen für ein Anwachsen des Ersatzgewebes besser sein sollten. Einige Patienten erhielten 50.000, andere bis zu 150.000 Zellen. Lebensgefährliche Abstoßungsreaktionen waren zumindest kaum zu erwarten, in den betreffenden Bereichen des Auges ist die Immunabwehr nicht so ausgeprägt wie in anderen Organen. Das ist einer der Gründe, weshalb degenerative Augenleiden für die Stammzell-Medizin so interessant sind. Sie sind aber keineswegs die einzigen Leiden. Vor kurzem wurden zwei klinische Studien in Paris und den Vereinigten Staaten gestartet, in denen ebenfalls jeweils einige wenige Patienten mit angeborenem Jugenddiabetes und Herzinfarktpatienten  mit Ersatzgewebe  aus embryonalen Stammzellen behandelt werden. Auch dort geht es zuerst darum zu klären, ob die Transplantate  sicher sind und keine gefährlichen Nebenwirkungen hervor rufen.

          Petrischale mit einer Gewebekultur aus Sehzellen, die aus der Haut einer betagten, schwer kranken Japanerin in Kobe erzeugt worden waren. Ein drei Millimeter kleiner Schnipsel wurde in eines der geschädigten Augen verpflanzt.

          Bei den Augen-Patienten hat man freilich noch einen weiteren Vorteil: Man kann, wenn erst einmal nur ein Auge behandelt wird, die Entwicklung in den beiden Augen desselben Patienten miteinander vergleichen. Und tatsächlich, haben Lanza und seine Kollegen im Verlauf der drei Jahre zum Teil deutlich unterschiedliche Reaktionen auf die Gewebe-Transplantation festgestellt – nicht nur beim Vergleich der Patienten miteinander, die je nach Alter und Konstitution die Operation und die prophylaktische Unterdrückung der Immunabwehr mit Medikamenten erwartungsgemäß  unterschiedlich wegsteckten. Vielmehr zeigte sich auch im direkten Vergleich der beiden Augen, dass die Zelltransplantate überlebten und damit das Fortschreiten der Erblindung bremsten. Die meisten Patienten konnten sogar mit dem behandelten Auge nachweislich schärfer sehen, sowohl in der Weitsicht als auch auf kurzen Distanzen, und sie berichteten über weniger Sehprobleme an den Rändern. Das alles ist aber noch kein Beweis, dass die Stammzellprodukte diese Verbesserungen bewirkten. Ein Plazebo-Effekt ist nicht möglich. Und statistisch gesehen, ist die Zahl der behandelten Patienten deutlich zu klein, um von einem Durchbruch im Kampf gegen Blindheit zu sprechen. Das sehen auch Lanza und seine Kollegen so, die im Lancet schreiben: „Plazebo oder andere Behandlungseffekte sind zwar denkbar, aber angesichts der verbesserten Sicht in den behandelten Augen, und weil wir bei den unbehandelten Augen keine Verbesserungen finden, sollte man diese Behandlungsoption weiter verfolgen.“


          Sicher ist, dass die Transplantationen nur in einem Fall – vermutlich operationsbedingt - zur Verschlechterung, und in den allermeisten Fällen zu einer „biologischen Aktivität“ in den behandelten Augen geführt haben. Das dürfte den Stammzellforschern weiter Auftrieb geben. Nach den heftigen Debatten vor zehn bis fünfzehn  Jahren um die moralische Rechtfertigung von Therapieansätzen, bei denen Reagenzglas-Embryonen in den frühesten Stadien genutzt und damit auch getötet werden, war  von den Bioingenieuren immer wieder der Nachweis der Machbarkeit regenerativer Therapieverfahren eingefordert worden. Die Zulassung entsprechender Zelltherapien ist allerdings nicht einfach, seriöse Wissenschaftler wollen um jeden Preis Fehlschläge vermeiden und vor allem Todesfälle vermeiden. Es soll sichergestellt sein, dass nur „saubere“ Stammzell-Erzeugnisse transplantiert werden.
          Dazu gehört auch, dass man künftig nur Ersatzgewebe verpflanzen will, das nicht sofort von der eigenen Immunabwehr der Patienten zerstört wird. In Japan ist deshalb vor einem Monat die erste, über siebzigjährige Frau mit altersbedingter Makuladegeneration behandelt worden, deren Ersatzgewebe aus sogenannten induzierten, künstlichen Stammzellen (iPS) erzeugt worden waren – körpereigenes Netzhautgewebe, das vor der Operation in einem wochenlangen Prozess aus den Hautzellen der Patientin selbst gezüchtet wurde.

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