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Bis 12,3 Milliarden Menschen : Die Bevölkerungsexplosion wird afrikanischer

In Afrika wird die Bevölkerung wohl weiter massiv zunehmen. Bild: dpa

Das Wachstum der Weltbevölkerung kommt doch nicht zum Stillstand: Die Zahl der Menschen auf dem Planeten wird bis 2100 auf mehr als zwölf Milliarden Menschen steigen, sagen neue Berechnungen. An Asien liegt das nicht. 

          Die Anzeichen verdichten sich, dass das lange angekündigte Ende des weltweiten Bevölkerungswachstums bei etwa neun Milliarden Menschen tatsächlich ausbleibt. Schon Mitte Juli hatten die Vereinten Nationen (UN) aktualisierte Bevölkerungsdaten vorgelegt, die auf ein Wachstum über die Mitte des Jahrhunderts hindeuteten. Jetzt legen Experten der UN und der University of Washington in Seattle in der Wissenschaftszeitschrift „Science“ neue Analysen vor, die mit einiger  Wahrscheinlichkeit für eine anhaltende Bevölkerungsexplosion bis mindestens Ende des Jahrhunderts sprechen. Schauplatz wird allerdings dann fast nur noch ein Kontinent sein: Afrika.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wenn die neuen Berechnungen zutreffen, werden bis 2100 rund 9,6 bis 12,3 Milliarden Menschen auf dem Globus erwartet. Das wären dann im extremen Fall deutlich mehr als zwei Milliarden mehr als erwartet und mindestens ein Drittel mehr als die heute rund sieben Milliarden. Der Grund, warum sich die Bevölkerungsforscher berichtigen müssen, liegt in der Methodik. Zum ersten Mal haben sie eine auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen basierte sogenannte Bayessche Statisik verwendet, in der die Verlässlichkeit der Daten und die Unsicherheiten stärker als bisher einfließen.

          Bislang hatten sich die UN vor allem auf die Einschätzungen und Hochrechnungen von Populationsexperten verlassen. Diese berücksichtigten zwar einige Faktoren wie Lebenserwartung und Reproduktionsraten, aber die einzelnen Länderdaten wurden nur unzureichend in ihrer Zuverlässigkeit gewichtet. Außerdem gingen einige demographische Faktoren wie sich verändernde Sterberaten und Wanderungsbewegungen nicht ein.

          Dem neuen Bevölkerungsmodell zufolge gibt es eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, dass sich das Bevölkerungswachstum entgegen früherer Annahmen doch nicht stabilisieren wird. Mit einer noch höheren Wahrscheinlichkeit, nämlich 80 Prozent, wird demzufolge die Zahl der Menschen in Afrika südlich der Sahara bis 2100 von heute einer Milliarde auf vier Milliarden quasi explodieren. Damit spielt sich die Entwicklung vor allem auf dem afrikanischen Kontinent ab. Insgesamt könnten in Afrika dann an die 5,1 Milliarden Menschen leben. Die Bevölkerung Asiens wird danach dagegen kaum noch zunehmen, von heute rund 4,4 auf eine stabile Bevölkerungszahl von 5 Milliarden. Nordamerika, Europa und Lateinamerika werden zusammen genommen unterhalb der Schwelle von einer Milliarde bleiben.

          Die Ursache für die teils drastischen Korrekturen sind Erkenntnisse des letzten Jahrzehntes. In dieser Zeit hat die Zahl der Kinder, die afrikanische Frauen gebären, deutlich weniger abgenommen als erwartet. Ursprünglich hatte man gedacht, dass sich die Reproduktionsrate wie in Asien entwickeln würde, wo man seit 1950 einen sukzessiven Rückgang beobachtet. Vor allem in den siebziger Jahren ging mit wachsendem Wohlstand einiger großer Länder die Zahl der Geburten rasch zurück. In Afrika ist diese Entwicklung ausgeblieben. Obwohl man einen leichten Knick registriert hatte, beträgt der Rückgang der Reproduktionsrate weniger als ein Viertel des asiatischen Wertes. Zudem leben die Menschen auch in Afrika mittlerweile länger.  

          Die Experten sehen keine Anzeichen, dass sich die Situation in Afrika dramatisch entspannen würde, zumal sich die Armut und die Bildungssituation insbesondere für Frauen nicht durchgreifend zum Besseren entwickeln. Zwar könnte man die Lage durch gewaltige Investitionen der Weltgemeinschaft in den kommenden Jahrzehnten noch etwas entschärfen. Es überwiegt bei den Wissenschaftlern aber der Pessimismus. Das gilt auch im Hinblick auf die Demographie der etwas wohlhabenderen Länder. Schwellenländer mit gewaltigen Populationen werden zunehmend die Alterung der Bevölkerung spüren. Länder mit einem aktuell großen Anteil einer jungen Bevölkerung wie China oder Brasilien werden das Alterungsproblem verschärft erfahren, mitsamt der damit einhergehenden sozialen Belastungen.

          Auch Deutschland wird in der Studie erwähnt: Danach wird der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter im Verhältnis zu den Rentnern von 2,9 auf 1,7 im Jahr 2035 fallen und dann weiter auf 1,4 bis zum Ende des Jahrhunderts. In den Vereinigten Staaten ist das ähnlich: von heute 4,6 auf 1,9 im Jahr 2100.

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