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Der heilige Gral : Hoffentlich wird er nie gefunden

Seit den Tagen von König Artus wird der Heilige Gral gesucht. Aber wie soll man ihn finden, wenn man gar nicht genau weiß, was er ist: Ein Meteorit? Der Kelch des letzten Abenmahls? Oder vielleicht ein Salbentöpfchen? Auch heutige Gralsforscher müssen sich damit herumschlagen.

          Eigentlich müsste die Suche seit dem Sommer 1995 zu Ende sein: „Heiliger Gral auf dem Dachboden entdeckt“, meldete Bild am 12. August des Jahres, und ein etwas unscharfes Foto zeigte das gute Stück („Parzival hat ihn bewacht. 1500 Jahre verschwunden. Er verheißt ewige Jugend“), einen kleinen Becher aus Onyx.

          Eigentlich – aber was ist mit jener Holzschale, die, inzwischen arg ramponiert, seit dem sechzehnten Jahrhundert bis in unsere Zeit im südwalisischen Herrenhaus Nanteos Mansion allerlei Wunderheilungen verrichtete und als „Nanteos Cup“ ebenfalls mit dem Heiligen Gral identifiziert wird? Mit dem sechseckigen gläsernen „Sacro Catino“, der in Genua aufbewahrt wird und wie der Santo Cáliz“ aus Valencia manchem als der authentische Gral gilt? Von einem 2001 im Chiemsee gefundenen Goldkessel ganz zu schweigen oder der heute in einer kanadischen Höhle vermuteten „Manna-Maschine“, die vor ihrer Nutzung als Gral den Kindern Israels in den vierzig Jahren der Wüstenwanderung Nahrung spendete. Und liegt der Gral nicht eigentlich unter der Quelle „Chalice Well“ im englischen Glastonbury?

          Gefährlicher Schluck

          Wer auch nur einen kleinen Teil der ausufernden pseudowissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema rezipiert, wird sich vorkommen wie im Finale von „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“: Der Titelheld hat dort in einem Raum unter lauter Schalen die einzig richtige zu wählen, den originalen Gral – wählt er falsch, wird es ihm wie seinem Widersacher Donovan gehen, der sich das kostbarste Gefäß nimmt und, nachdem er daraus getrunken hat, vor Jones Augen zu Staub zerfällt.

          Die Ritter der Tafelrunde, versammelt um den Gral: Illustration einer französischen Handschrift aus dem 14. Jahrhundert

          In Gralsfragen, das lehrt der Film, muss man sorgfältig prüfen, bevor man sich für einen Kandidaten entscheidet. Genau das versuchen auch die Autoren der diversen populärwissenschaftlichen Bücher, die jeweils nachweisen, dass ihr Favorit für den authentischen Gral auch wirklich authentisch ist. Das Schema ist immer dasselbe und etwa aus der „Atlantis“-Literatur bekannt. Erst werden streng wissenschaftlich die Quellen geprüft, dann werden die diversen konkurrierenden Deutungen verworfen, die meisten jedenfalls, bis eine übrig bleibt, die den entscheidenden Fingerzeig liefert. Dann wird darauf ein Gespinst von – bestenfalls – eher gewagten Kombinationen aufgebaut (im schlechtesten Fall wird frei oder mit Hilfe von „Eingebungen“ fabuliert), und am Ende, nach mindestens dreihundert faktenreichen Buchseiten, ein Gegenstand präsentiert, an dessen Echtheit nur verstockte Dummköpfe zweifeln können. Wenn es richtig schlimm kommt, zahlen diese Zweifler dann – wie in „Indiana Jones“ – für ihre Ignoranz mit dem Leben.

          Artus und seine Ritterrunde

          Dabei führt uns gerade dieser Film den praktischen Nutzen einer anständigen Quellenkritik in Sachen Gral deutlich vor Augen. Denn der anfangs noch ratlose Jones, der vor der Vielzahl der Grale zu kapitulieren droht, findet mit etwas Nachdenken den richtigen, indem er sich die simple Frage stellt: Welches Gefäß werden wohl die Gefolgsleute eines ärmlichen Tischlersohnes und Wanderpredigers bei ihren Zusammenkünften benutzt haben, um daraus zu trinken? Also lässt Jones die prunkvollen Pokale links liegen und greift zu einer einfachen Holzschale. Und bleibt am Leben.

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