01.06.2009 · Seit den Tagen von König Artus wird der Heilige Gral gesucht. Aber wie soll man ihn finden, wenn man gar nicht genau weiß, was er ist: Ein Meteorit? Der Kelch des letzten Abenmahls? Oder vielleicht ein Salbentöpfchen? Auch heutige Gralsforscher müssen sich damit herumschlagen.
Von Tilman SpreckelsenEigentlich müsste die Suche seit dem Sommer 1995 zu Ende sein: „Heiliger Gral auf dem Dachboden entdeckt“, meldete Bild am 12. August des Jahres, und ein etwas unscharfes Foto zeigte das gute Stück („Parzival hat ihn bewacht. 1500 Jahre verschwunden. Er verheißt ewige Jugend“), einen kleinen Becher aus Onyx.
Eigentlich – aber was ist mit jener Holzschale, die, inzwischen arg ramponiert, seit dem sechzehnten Jahrhundert bis in unsere Zeit im südwalisischen Herrenhaus Nanteos Mansion allerlei Wunderheilungen verrichtete und als „Nanteos Cup“ ebenfalls mit dem Heiligen Gral identifiziert wird? Mit dem sechseckigen gläsernen „Sacro Catino“, der in Genua aufbewahrt wird und wie der Santo Cáliz“ aus Valencia manchem als der authentische Gral gilt? Von einem 2001 im Chiemsee gefundenen Goldkessel ganz zu schweigen oder der heute in einer kanadischen Höhle vermuteten „Manna-Maschine“, die vor ihrer Nutzung als Gral den Kindern Israels in den vierzig Jahren der Wüstenwanderung Nahrung spendete. Und liegt der Gral nicht eigentlich unter der Quelle „Chalice Well“ im englischen Glastonbury?
Gefährlicher Schluck
Wer auch nur einen kleinen Teil der ausufernden pseudowissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema rezipiert, wird sich vorkommen wie im Finale von „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“: Der Titelheld hat dort in einem Raum unter lauter Schalen die einzig richtige zu wählen, den originalen Gral – wählt er falsch, wird es ihm wie seinem Widersacher Donovan gehen, der sich das kostbarste Gefäß nimmt und, nachdem er daraus getrunken hat, vor Jones Augen zu Staub zerfällt.
In Gralsfragen, das lehrt der Film, muss man sorgfältig prüfen, bevor man sich für einen Kandidaten entscheidet. Genau das versuchen auch die Autoren der diversen populärwissenschaftlichen Bücher, die jeweils nachweisen, dass ihr Favorit für den authentischen Gral auch wirklich authentisch ist. Das Schema ist immer dasselbe und etwa aus der „Atlantis“-Literatur bekannt. Erst werden streng wissenschaftlich die Quellen geprüft, dann werden die diversen konkurrierenden Deutungen verworfen, die meisten jedenfalls, bis eine übrig bleibt, die den entscheidenden Fingerzeig liefert. Dann wird darauf ein Gespinst von – bestenfalls – eher gewagten Kombinationen aufgebaut (im schlechtesten Fall wird frei oder mit Hilfe von „Eingebungen“ fabuliert), und am Ende, nach mindestens dreihundert faktenreichen Buchseiten, ein Gegenstand präsentiert, an dessen Echtheit nur verstockte Dummköpfe zweifeln können. Wenn es richtig schlimm kommt, zahlen diese Zweifler dann – wie in „Indiana Jones“ – für ihre Ignoranz mit dem Leben.
Artus und seine Ritterrunde
Dabei führt uns gerade dieser Film den praktischen Nutzen einer anständigen Quellenkritik in Sachen Gral deutlich vor Augen. Denn der anfangs noch ratlose Jones, der vor der Vielzahl der Grale zu kapitulieren droht, findet mit etwas Nachdenken den richtigen, indem er sich die simple Frage stellt: Welches Gefäß werden wohl die Gefolgsleute eines ärmlichen Tischlersohnes und Wanderpredigers bei ihren Zusammenkünften benutzt haben, um daraus zu trinken? Also lässt Jones die prunkvollen Pokale links liegen und greift zu einer einfachen Holzschale. Und bleibt am Leben.
Quellenkritik: In Gralsfragen geht es dabei zunächst um literarische Überlieferung. Und die ist eng an den mythischen König Artus geknüpft. Diese literarische Figur, die möglicherweise auf einen realen britannischen Heerführer aus dem frühen Mittelalter zurückgeht, wurde in ihren wesentlichen Zügen im 12. Jahrhundert entworfen – erst im Rahmen einer längeren Chronik, die Englands Könige und deren Geschicke mit einiger Phantasie verzeichnet, dann als Zentralgestalt einer literarischen Welt, die Elemente der Chronik mit einem neuen ritterlichen Ideal verbindet, dem zufolge die wüsten Haudegen früherer Tage durch Artus Einfluss ihre Fähigkeiten nun in den Dienst derer stellen, die sie benötigen.
Diese Ritter dienen den Schwachen und ungerecht Behandelten, sie lösen Konflikte, indem sie sich dem weisen Urteil ihres Königs unterwerfen, und sie nehmen ihre Verantwortung als Herrscher ihrer Länder wahr, statt fröhlich von Turnier zu Turnier zu ziehen. Am sichtbarsten ist dieses Ideal in der runden Tafel, an der Artus gewöhnlich mit seinen Rittern feiert und deren Form ein egalitäres Prinzip verheißt, das sich auch in einer umfassenden Redefreiheit ausdrückt – vom ersten Artusroman an wird man immer wieder Wildfremde zum König kommen sehen, die dreist alles Mögliche von ihm erbitten und es in der Regel auch bekommen.
Zu Pfingsten war's
Artus höchster Feiertag im Jahr ist der Pfingstsonntag: „Artus der meienbaere man“, heißt es im „Parzival“-Roman, „swaz man ie von im gesprach ze einen pfinxten daz geschach“ – was man je von Artus, dem Mann des Monats Mai, erzählte, das war zu Pfingsten geschehen. Kein Zufall: Denn während dieser Tag in christlicher Tradition mit der Ausgießung des Heiligen Geistes verbunden ist, mit einer unmittelbar vom Himmel auf die Erde herabgesandten Gnade, verbringen die Artusritter ihre Zeit gern mit der Suche nach einem Gegenstand, der diese Gnade symbolisiert: dem Heiligen Gral.
Zum ersten Mal fällt das Wort „Gral“ in einem Roman, den der französische Autor Chrétien de Troyes um 1180 bis 1190 verfasste und unvollendet ließ. Sein „Perceval“ schildert, wie ein junger Mann aus edler Familie von seiner Mutter absichtlich im Unklaren über ritterliche Lebensart gelassen wird, weil sie zu viele Familienmitglieder auf dem Schlachtfeld verloren hat. Doch Perceval erkennt instinktiv, dass er für den Ritterberuf bestimmt ist, er verlässt seine Mutter und zieht zum Hof König Artus, wo er sich des Mordes an einem Verwandten schuldig macht. Er kommt weiter zu einer geheimnisvollen Burg, wo er einer für ihn unverständlichen Zeremonie beiwohnt, bei der, so Chrétien, „ein Gral“ hereingetragen wird – ohne dass der Autor verrät, um was für einen Gegenstand es sich dabei handelt.
Perceval lässt all dies stumm über sich ergehen, am nächsten Morgen verlässt er die Burg, ohne dass ihm irgendjemand Auskunft über das Gesehene erteilt hätte, und weil auch Chrétien die Sache an dieser Stelle im Dunkeln lässt und offenbar über der Arbeit an diesem Roman stirbt, bleibt der Gral fürs Erste ein Rätsel – unklar ist darüber hinaus, ob und wie Chrétien dieses Rätsel aufgelöst hätte, wenn ihm die Zeit dazu vergönnt gewesen wäre.
Chrétiens Kelch
Allerdings finden sich rasch zwei Nachfolger, um diese Lücke auszufüllen: Der eine, ein anglonormannischer Autor namens Robert de Boron, entwirft um das Jahr 1200 ein äußerst folgenreiches Konstrukt. Fußend auf dem Matthäus-Evangelium, in dem von einem Josef von Arimathäa die Rede ist, der Jesu Leichnam vom Kreuz nimmt und in seinem eigenen Grab beerdigt, sowie auf einer apokryphen Schrift, in der jener Josef noch eine größere Rolle spielt, malt Robert de Boron das Bild einer langen Reise: Josef gelangt bei ihm mit dem Kelch, in dem Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte, nach England, wo er den Kelch in „Avaron“ deponiert – einer lokalen Tradition zufolge gründete er das Kloster von Glastonbury und stiftete diesem die kostbare Reliquie.
In Zeiten, wo jeder Reisende ins Heilige Land den einen oder anderen Gegenstand mit sich in die Heimat brachte, der irgendwie mit der Passionsgeschichte oder einem Märtyrer in Verbindung stand, musste die Vorstellung eines Kelchs, aus dem Jesus nicht nur getrunken hatte, sondern in dem Josef von Arimathäa sogar das Blut des Heilands aufgefangen und bewahrt hatte, die Gemüter erregen, vor allem, wenn sich das Wirken des Kelchs in weithin sichtbaren Wundern zeigt: Noch heute wird die rote Farbe des in Glastonbury aus „Chalice Well“ sprudelnden Wassers mit dem angeblich dort vergrabenen, blutbenetzten Abendmahlskelch erklärt.
Wolframs Stein
Gleichzeitig mit Robert de Boron verfasste der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach, ausgehend vom „Perceval“, eine eigene Fassung der Gralsgeschichte, den „Parzival“. Ihm ist, da Chrétien über diesen Punkt schweigt, die ausführliche Herleitung des Grals zu verdanken – woher stammt das Wunderding, wie sieht es aus, wozu dient es, was geschieht mit ihm?
Nach Wolfram ist der Gral allerdings kein Kelch, sondern ein Stein, auf den jährlich eine weiße Taube eine Hostie niederlegt. Wer ihn sieht, altert nicht und wird in der folgenden Woche nicht sterben. Außerdem spendet der Stein Nahrung und übermittelt den Gralsrittern Botschaften von ganz oben, die als nur kurz sichtbare Schrift auf seinem Rand erscheinen.
Einst hüteten ihn diejenigen Engel, die sich beim großen Himmelsschisma nicht zwischen Gott und Luzifer entscheiden mochten und dann zur Bewährung auf die Erde gesandt wurden. Später traten Menschen an ihre Stelle, angeführt von einer Dynastie, von der auch König Anfortas abstammt, den der junge Ritter Parzival auf der Gralsburg antrifft: Anfortas Großvater Titurel war der von den Engeln inthronisierte erste Gralskönig. Ihm folgte sein Sohn Frimutel, und dessen fünf Kinder schlagen nun, jedes für sich, ihren eigenen Weg zwischen Gralsverantwortung und Ritterwelt ein: Schoysiane und Herzeloyde heiraten in Adelsfamilien ein, ihre Schwester Repanse de schoye bleibt auf der Gralsburg Munsalvaesche, und während ihr Bruder Anfortas nach Frimutels Tod neuer Gralskönig wird, zieht Trevrizent zu immer neuen Missionen in die Welt hinaus. Anfortas aber verliebte sich in die falsche Frau, also in eine, deren Name ihm nicht auf dem Gralsrand angezeigt worden war. Er büßt dafür mit einer im Kampf empfangenen schwärenden Wunde, die ihn quält, aber wegen seiner Gralsnähe nicht umbringen kann – obwohl er seine Ritter bittet, ihn endlich sterben zu lassen.
Der schüchterne Held
Gibt es Hoffnung? Immerhin hatte der Gral mit einer weiteren Botschaft kundgetan, dass Anfortas erlöst werden könne, wenn ihn ein Besucher nach der Ursache seiner Schmerzen frage. Nur darf dieser Besucher nicht die geringste Ahnung haben, was von der Frage abhängt, und das ist schon eine gewisse Hürde auf dem Weg zur Erlösung – außerdem findet kaum jemand den Weg nach Munsalvaesche, schon gar nicht zufällig. Als dann tatsächlich Parzival vorbeikommt, ist er von all der Pracht so eingeschüchtert, dass er das Fragen lieber sein lässt.
Das also ist der Stand nach den Romanen von Chrétien de Troyes, Robert de Boron und Wolfram von Eschenbach, also etwa zwei bis drei Jahrzehnte nachdem der Name „Gral“ zum ersten Mal für einen von einer Ritterschaft kultisch verehrten Gegenstand gefallen ist. Das sind die Quellen, an die man sich halten muss, wenn man tatsächlich den dort beschriebenen Gegenstand suchen will, und alle späteren Ausschmückungen, so kurios und bildmächtig sie sein mögen, kann man in diesem Zusammenhang beiseitelegen.
Kann man? Die Sache ist leider komplizierter. Denn zum einen ist das Bild schon zu diesem frühen Zeitpunkt keineswegs einheitlich: So ist der Gral Gefäß und Stein zugleich (und die bisweilen vorgeschlagene Lösung, Wolfram meine mit dem Wort „stein“ eben „Steingefäß“, steht philologisch auf wackligen Füßen), er ist einerseits vom Himmel gekommen und hat nichts mit der Passionsgeschichte zu tun, andererseits aus dem unmittelbaren Umfeld Jesu aus Jerusalem nach England gebracht worden, und auch die Gralsgemeinschaft trägt in den drei Romanen ein jeweils ganz unterschiedliches Gesicht.
Viele Becher, viele Burgen
Zweitens geben die Autoren an, aus unterschiedlichen Quellen geschöpft zu haben, und dieser Hinweis ist natürlich eine willkommene Gelegenheit für moderne Gralsforscher, nachträglich äußerst spekulative Traditionslinien zu konstruieren und beispielsweise die Existenz eines „Ur-Parzival“ zu behaupten, in dem Details, die in den Romanen von Chrétien, Robert oder Wolfram falsch verstanden worden seien, noch authentisch gestanden hätten – diese erschlossenen Versionen stützen dann die jeweilige Gralsvorstellung des modernen Autors.
Besonders beliebt ist diese Methode, wenn es um Namen geht: Allein Wolframs Gralsburg Munsalvaesche ist dutzendfach mit real existierenden Burgen, die Wolfram besucht oder von denen er wenigstens gehört haben könnte, identifiziert worden, von Wildenberg bei Amorbach (als Übersetzung von „Mons sauvage“) bis hin zum Montségur in den französischen Pyrenäen – und da dieser Berg tatsächlich seit 1204 eine Burg trug, die von der weltabgewandten religiösen Gemeinschaft der Katharer bewohnt war, hielt man diese besonders gern für das reale Vorbild von Wolframs Gralshütern, die er „Templeisen“ nannte.
Eine weitere nachträglich erschlossene Quelle für den Gral stellen keltische Sagen dar, in denen wundertätige Kessel eine große Rolle spielen – allerdings sind diese Sagen, so alt sie in ihren Grundzügen auch sein mögen, erst spät schriftlich fixiert worden und taugen daher nur bedingt dafür, irgendeine bessere Vorlage für die klassischen Gralsromane zu rekonstruieren. Das nimmt ihnen nicht ihren Reiz als Erzählungen, zumal sie dem Stoff mitunter interessante Wendungen hinzufügen, etwa wenn im „Peredur“, der keltischen „Parzival“-Variante, die Funktion des Grals von einem feierlich präsentierten abgeschlagenen Menschenkopf eingenommen wird.
Warum nicht auch das Salbentöpfchen der Maria Magdalena
Auf dieser Grundlage ist auch mit viel Phantasie von vornherein keine gesicherte Identifizierung eines wie auch immer gefundenen Gegenstandes mit dem Gral der Sage einerseits und mit dem biblischen Abendmahlskelch andererseits möglich – geschweige denn mit beiden. Fundstücke, die dafür in Frage kommen, müssten nachweislich knapp zweitausend Jahre alt sein (ein Nachweis, der außerhalb von archäologischen Schichten für anorganisches Material wie Stein nur schwer zu leisten ist). Sie müssten in ihrer Form und Gestalt in die biblisch beglaubigte Abendmahlssituation passen – eine Anforderung, die mitunter zu kreativen Höchstleistungen anspornt:
So erklärt der Entdecker des englischen Dachbodengrals die Winzigkeit seines Fundes damit, dass es sich zwar um den Gral der Artus-Sage handele, nicht aber um den Abendmahlskelch, sondern um das Salbentöpfchen der Maria Magdalena, mit dem sie unter dem Kreuz das Blut Jesu aufgefangen hätte. Drittens gibt es keinen gralsverdächtigen Gegenstand, dessen Geschichte bis in die Gegenwart auch nur annährend dokumentiert wäre.
Zum Wohle der Witwen und Waisen
Ist die Gralssuche also von vornherein sinnlos? Von dem Lyriker Albrecht von Johansdorf, der seine Werke um das Jahr 1200 verfasste, ist ein siebenstrophiges Gedicht mit dem Titel „Ich vant si âne houte“ („Ich fand sie unbewacht“) überliefert. Es schildert, wie ein Liebender die verehrte Dame anspricht, als er sie zufällig einmal alleine antrifft. Er fleht sie an, sie möge ihn erhören, was sie zurückweist, auch wenn sie durchblicken lässt, dass sie ihn schätzt. Ob denn seine Liebe zu ihr, die Dienste, die er ihr erweise, seine ritterlichen Taten in ihrem Namen so gänzlich unbelohnt bleiben sollen, fragt er sie. Keineswegs, sagt sie: Seine ständig unerfüllte Liebe zu ihr führe zu seiner eigenen sittlichen Läuterung.
Dass auch der Gral in vielen mittelalterlichen Romanen trotz großer Anstrengung eben nicht gefunden wird, muss man in diesem Zusammenhang sehen. Wer den Gral sucht und sich dabei seiner würdig erweisen will, hat unterwegs ausreichend Gelegenheit, den Witwen und Waisen beizustehen. So gesehen, wäre seine Entdeckung eine echte Enttäuschung.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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