Manfred Warhaut ist ein Naturwissenschaftler, wie man ihn sich vorstellt: sachlich kurz und prägnant in der Beschreibung von Sachverhalten, zurückhaltend bis wortkarg, wenn es um Emotionen geht. Die Verschiebung des Starts von Venus Express vor zehn Tagen? "Sicherlich, das geht schon an die Nerven", räumt der 52 Jahre alte promovierte Physiker ein und läßt es bei dieser kurzen Aussage bewenden.
Dabei ruht auf seinen Schultern nicht wenig Verantwortung, über deren Last andere sicherlich im Gespräch das eine oder andere Wort fallenließen. Aber dafür fehlt Warhaut schlichtweg die Zeit. Als Leiter der Abteilung Planetare Missionen bei der Europäischen Weltraumbehörde Esa und Flugdirektor der Venus-Mission liegt vor ihm eine lange, fünfmonatige Reise, auf die er sich seit drei Jahren vorbereitet. Es ist eine für Esa wichtige Mission und auch eine teure. Die Investition für die Entwicklung, den Start und Betrieb der ersten europäischen Raumsonde zur Venus beläuft sich auf 220 Millionen Euro.
Zweimal wöchentlich simuliert
Warhaut ist seit 1987 bei der European Space Agency (Esa) beschäftigt und hat in den zurückliegenden Jahren wichtige Projekte betreut, die "Cluster"-Satelliten beispielsweise, die die Erdatmosphäre messen, oder die Sonde Rosetta, die auf dem Weg zum Kometen Tschurjumow-Gerasimenko ist, den sie 2014 erreichen soll. Sein aktuelles Projekt, an dem er mit bis zu 150 Kollegen arbeitet, dauert voraussichtlich nicht ganz so lange: Venus Express braucht fünf Monate bis zum Schwesterplaneten der Erde, um ihn dann zunächst einmal bis Oktober 2007 zu umkreisen.
Es ist eine "Laufleistung" von 150 Milliarden Kilometern für die kleine, 1250 Kilogramm schwere Aluminiumbox, die 570 Kilogramm Treibstoff mit sich führt plus sieben Meßinstrumente und die am Ende der Mission auf die unwirtliche Oberfläche des Planeten stürzen wird, auf dem 482 Grad Hitze herrschen.
Warhaut und sein Team "üben" den Start und die verschiedenen Manöver seit Sommer 2004 zweimal pro Woche in Trainingseinsätzen mit einem "Simulationsoffizier", den eine Übungssoftware einspielt, die den ganzen Startprozeß und die einzelnen Flugphasen inszeniert, in die aber auch Fehler eingebaut sind, die das Expertenteam rechtzeitig erkennen soll. Zwei Tage vor dem ursprünglich geplanten Start, sollte die "Generalprobe" stattfinden, die jedoch nach der Nachricht aus Baikonur über die Verunreinigung der Trägerrakete auf jetzt verschoben wurde.
Notfalls von Darmstadt aus steuern
Was macht der Flugleiter einer Raumfahrtmission? Er sitzt am Tag X zusammen mit seinem Team im Hauptkontrollraum des Europäischen Satellitenkontrollzentrums Esoc (European Space Operations Centre) in Darmstadt, einem großen, holzvertäfelten Saal, der mit seinen 60 Bildschirmen und Monitoren etwas futuristisch anmutet, und wartet darauf, daß sich die in Kasachstan aufgestiegene Rakete von der Sonde löst.
Beim Venus Express soll diese Trennung 98 Minuten nach dem Start der Sojus-Fregat-Trägerrakete geschehen. Etwa eine Stunde braucht die Sonde dann, um ihr automatisches Programm einzuschalten, Antenne und Solarpaneelen auszufahren, was für die Stromversorgung und Manövrierfähigkeit entscheidend ist. Läuft alles nach Plan, können sich der Flugleiter und seine Kollegen in dieser Zeit zurücklehnen. Funktioniert das Programm nicht hundertprozentig, müssen sie von Darmstadt aus versuchen, die Sonde manuell zu steuern. Alles übrige nennt Warhaut "Konfigurationsaufgaben". Etwa zwei Tage nach dem Start wird es ein erstes Korrekturmanöver geben, um die Sonde auf Venuskurs zu halten.
8. April 2006: Nur eine Chance
Sowohl der Start der Rakete - die letzte, die den Satelliten Cryosat ins All bringen sollte, ist vor drei Wochen abgestürzt - wie auch die automatische Installation der Sonde gelten als kritische Phasen. Noch spannender wird es jedoch, wenn Venus Express sein Ziel erreicht hat und in die Umlaufbahn des Planeten einschwenken soll. Das wird am 8. April 2006 der Fall sein. Damit dies gelingt, muß die Sonde in einem 53 Minuten langen Manöver um vier Kilometer pro Sekunde abgebremst werden. Dabei werden 80 Prozent des Treibstoffs verbraucht. "Das Manöver muß gutgehen", sagt Warhaut. Eine zweite Chance gebe es nicht.
Geht es gut, werden die Esoc-Experten Venus Express auf einen ellipsenförmigen Kurs um die Venus führen, der die Sonde auf bis zu 250 Kilometer an den Planeten heranbringt. Für Kommunikation ist in dieser Zeit Geduld gefordert: Wegen der Entfernung zur Venus, die sich auf ihrer Bahn um die Sonne von der Erde wegbewegt, braucht es etwa zehn Minuten, bis die Signale aus Darmstadt bei Venus Express ankommen.
Warhaut hofft, daß die Mission bei erfolgreichem Verlauf verlängert wird. Dann könnte es zwischen Darmstadt und der Venus noch bis Januar 2009 weiter-"funken".