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Glosse: Alles digitalisieren? : Datenblüten im deutschen Dschungel

Kommunikationsfreundliche Kiefer aus Brandenburg. Bild: dpa

„Die Digitalisierung erreicht uns irgendwann alle“, sagt die Kanzlerin beschwörend auf dem Forschungsgipfel. Alle? Der deutsche Wald jedenfalls twittert schon. Aber da geht noch was.

          Der deutsche Wald twittert bald, so hört man. Wen wundert’s? Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es ja bekanntlich heraus. Auch ein Smartphone-Verbot im Wald hätte auf lange Sicht nichts genutzt. Die deutsche Eiche, Wächterin unserer sommergrünen Sehnsuchtslandschaften, und keineswegs nur jene brandenburgische Kiefer, die demnächst ihre Vitaldaten via Computer und W-Lan-Verbindung ans Braunschweiger Thünen-Institut schickt, macht schon seit geraumer Zeit gute Miene zum bösen Spiel. Jeder hergelaufene Läufer darf ungestraft mit Fitnesstracker und GPS-App durch ihr Humusbett trampeln, nur der Baum steht digital vollkommen nackt da. In dem neunmalklugen blauen Bändchen des Bundeswirtschaftsministeriums mit dem niedrigschwelligen Titel „Digitalisierung und Du“ wird vorgerechnet, wie rasend schnell sich die Welt verändert.

          20 Milliarden sind viel Holz

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zwanzig Milliarden Geräte und Maschinen, ist da zu lesen, sind heute schon über das Internet verbunden, 2030 sollen es eine halbe Billion sein; sogar die Utopie von einer Million Elektroautos im Jahr 2020 wird wiederholt, vom „intelligenten Verkehrsnetz“ wird geschwärmt - aber der vernetzte intelligente Wald ist keine einzige Zeile wert. Die Social-Media-Offensive „Twittering Trees“ aus dem Brandenburger Kiefernhain kommt also zur rechten Zeit.

          Twittertestlauf mit der Institutsbirke

          Vielleicht ist es aber auch, um mal einen schlimmen Verdacht zu äußern, eine fatale Notbremse. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was aus dem deutschen Wald wird, wenn die „Industrie 4.0“-Pläne der Regierung auf die traditionell nachhaltige deutsche Holz- und Sägewirtschaft ausgeweitet werden. Wenn jeder Baum unter digitaler Dauerbeobachtung steht, muss der Optimierungswahn ja irgendwann aus dem Ruder laufen. In der Medizin lässt sich zurzeit schön beobachten, wie das Herzblut der digitalen Datenkrieger hochschwappt.

          Gänseblümchen in der Datenwüste

          Die Bioinformatiker von der Technischen Universität München lassen sich gerade berauschen von dem Gedanken, dass jeder Mensch datentechnisch lückenlos liefert. Allein im Jahr 2015 habe die molekulare Medizin mehr Daten erzeugt als in den fünfzehn Jahren nach 1990. Und in diesem Tempo wird es weitergehen.

          Zuerst der Mensch, schließlich der Baum, und dann? Vergesst uns die Gänseblümchen nicht, mag man den Datentrupps zurufen. Die unschuldigen Pflänzchen, die derzeit so segensreich ihre Hälse in den Aprilhimmel strecken, leben zwar in scheinbar gesunden Sozialverbänden am Wegesrand. Aber wer will das wissen - so ganz ohne Daten?

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