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Veröffentlicht: 14.04.2016, 10:04 Uhr

Glosse: Alles digitalisieren? Datenblüten im deutschen Dschungel

„Die Digitalisierung erreicht uns irgendwann alle“, sagt die Kanzlerin beschwörend auf dem Forschungsgipfel. Alle? Der deutsche Wald jedenfalls twittert schon. Aber da geht noch was.

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© dpa Kommunikationsfreundliche Kiefer aus Brandenburg.

Der deutsche Wald twittert bald, so hört man. Wen wundert’s? Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es ja bekanntlich heraus. Auch ein Smartphone-Verbot im Wald hätte auf lange Sicht nichts genutzt. Die deutsche Eiche, Wächterin unserer sommergrünen Sehnsuchtslandschaften, und keineswegs nur jene brandenburgische Kiefer, die demnächst ihre Vitaldaten via Computer und W-Lan-Verbindung ans Braunschweiger Thünen-Institut schickt, macht schon seit geraumer Zeit gute Miene zum bösen Spiel. Jeder hergelaufene Läufer darf ungestraft mit Fitnesstracker und GPS-App durch ihr Humusbett trampeln, nur der Baum steht digital vollkommen nackt da. In dem neunmalklugen blauen Bändchen des Bundeswirtschaftsministeriums mit dem niedrigschwelligen Titel „Digitalisierung und Du“ wird vorgerechnet, wie rasend schnell sich die Welt verändert.

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Zwanzig Milliarden Geräte und Maschinen, ist da zu lesen, sind heute schon über das Internet verbunden, 2030 sollen es eine halbe Billion sein; sogar die Utopie von einer Million Elektroautos im Jahr 2020 wird wiederholt, vom „intelligenten Verkehrsnetz“ wird geschwärmt - aber der vernetzte intelligente Wald ist keine einzige Zeile wert. Die Social-Media-Offensive „Twittering Trees“ aus dem Brandenburger Kiefernhain kommt also zur rechten Zeit.

Baum twittert über seinen Gesundheitszustand © dpa Vergrößern Twittertestlauf mit der Institutsbirke

Vielleicht ist es aber auch, um mal einen schlimmen Verdacht zu äußern, eine fatale Notbremse. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was aus dem deutschen Wald wird, wenn die „Industrie 4.0“-Pläne der Regierung auf die traditionell nachhaltige deutsche Holz- und Sägewirtschaft ausgeweitet werden. Wenn jeder Baum unter digitaler Dauerbeobachtung steht, muss der Optimierungswahn ja irgendwann aus dem Ruder laufen. In der Medizin lässt sich zurzeit schön beobachten, wie das Herzblut der digitalen Datenkrieger hochschwappt.

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