Es geht um Schadensbegrenzung, mehr nicht. Bei diesem Begriff treffen sich zwei krisenhafte Entwicklungen, die viel mehr miteinander gemein haben, als es die zugrundeliegenden Ursachen vermuten lassen: das physikalische Phänomen des beschleunigten Klimawandels und die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Überalterung. Beides wird gelegentlich mit dem Etikett unausweichlicher „Katastrophen“ versehen.
Doch in beiden Fällen gibt es, was bei der Schilderung von Katastrophenszenarien gerne unterschlagen wird, durchaus die Chance - und manche Bemühungen -, die Kollateralschäden geringer als befürchtet zu halten. In dem einen wie dem anderen Fall bedarf es dazu allerdings eine Sache, die die Politik offensichtlich immer noch zu selten mit dem nötigen Ernst betreibt: einer neuen Präventionskultur.
Was das genau bedeuten könnte, Vorsorge treffen und rechtzeitig verhindern, wo doch etwa in der demographischen Krise die künftigen „Alten“ längst geboren sind und mit Wucht auf die schwierigen Jahre zusteuern, das ließ sich lebhaft in der vergangenen Woche in den „Cadenabbia-Gesprächen“ der Konrad-Adenauer-Stiftung beobachten, die zum wiederholten Mal den demographischen Wandel in den Fokus nahm. „Wo sind die Lösungen?“, fragte Volker Schumpelick, einer der Leiter des alljährlichen Treffens von Medizin, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Adenauers einstigem Feriendomizil, der Villa Colani am Comer See. Um Antworten waren weder Politik noch Wissenschaft verlegen.
Vor den Lösungen allerdings standen die kompetenten Tröstungen, etwa in Gestalt des Wiener Theologen Michael Zulehner, der anstelle einer teuren Altersmedizin die „Ars moriendi“ - die Kunst des Sterbens - setzte. Oder weltlich-pragmatischer in Gestalt der medizinischen Epidemiologin Bärbel Kurth vom Robert-Koch-Institut, die deutlich machte, wie schwierig grundsätzlich Prognosen über den Versorgungsbedarf einer überalternden Gesellschaft und „Horrorszenarien“ demnach sind.
Da gibt es Zahlen wie diese: Bis zum Jahr 2050 werde sich die Zahl der Demenzkranken im Land auf drei Millionen mehr als verdoppeln, die der Pflegebedüftigen quasi im Gleichschritt von 2,4 auf 4,5 Millionen vergrößern. Solche Vorhersagen stützten sich auf feste Größen wie die Bevölkerungsentwicklung, aber eben auch auf wesentlich wackligere Faktoren wie die Morbität, die Überlebens- und Erkrankungsraten sowie die Behandlungserfolge, die sich beispielsweise in der Herzmedizin völlig anders, nämlich viel positiver, entwickelten als etwa in der Krebsmedizin.
Eine neue Präventionsstrategie
“Der Alterungsprozess muss nicht zwangsläufig zu einem proportionalen Anstieg der Krankheits- und Behinderungslast führen“, sagte Kurth. Hinzu kommt: Die Krise entwickelt sich weiter zu einer Krise besonders der ostdeutschen Länder und Kreise, sie sei „auch ein regionenspezifisches Phänomen“. Mit gezielter Vorsorge könne dort viel Leid verhindert werden - aber auch mit einem Bündel von gesetzlich verordneten Anreizen zur Prävention, die Bärbel Kurth anmahnte?
Die Desillusionierung im Hinblick auf das immer wieder gescheiterte Präventionsgesetz war in der Villa Collina mit Händen zu greifen. Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, wiegelte beim Gesetz ab und kündigte stattdessen eine neue „Präventionsstrategie“ der Bundesregierung nach der Sommerpause an. Offenbar geht es dabei vor allem darum, künftig Maßnahmen zur Gesundheitsförderung ähnlich wie bei Großfirmen nun insbesondere auch in kleinen und mittleren Unternehmen im Land zu finanzieren.
Gesundes Altern ist eine sinnvolle gesundheitspolitische Vision. Doch der gesundheitspolitische Pragmatismus verlangt auch danach, was Ex-Familienministerin und Altersforscherin Ursula Lehr als „kompetentes Altern“ bezeichnete: Wie kann eine schon für 2030 absehbare Mehrheit von über Sechzigjährigen, die angesichts grassierender Lebensstilkrankheiten auch mehrheitlich von einem oder mehr Leiden geplagt werden, entlastet und eingebunden werden? Rudolf Henke, der erste Vorsitzende des Marburger Bundes, Bundesärztekammermitglied und Parlamentarier in Berlin, sieht darin „ökonomische Perspektiven“.
Ein Schlüssel dazu ist für ihn der technische Fortschritt, die rasche Einführung „altersgerechter Assistenzsysteme“ - von Rollatoren, Hausnotrufsystemen, virtuellen Netzen mit Ärzten bis zu telemedizinischen Mess- und Überwachungsgeräten und Servicerobotern. „Die Potentiale sind noch nicht hinreichend erfasst“, sagte Henke, „und vor allem die Kosten-Nutzen-Frage nicht geklärt.“ Mit anderen Worten: Tragen solche Systeme dazu bei, die Erkrankungsraten zu drosseln und langfristig vielleicht sogar die Sozialsysteme zu entlasten? Von der Antwort hängt unter anderem ab, ob etwa die gesetzlichen Kassen künftig eher bereit sind, solche Geräte mit zu finanzieren. Aussagekräftige Studien dazu fehlen bislang allerdings.
Wachstum für Medizin- u Pharmaindustrie statt Prävention schon
in der Arbeitswelt ,
Spiros Dionisis (serotonin)
- 14.09.2012, 13:43 Uhr
GKV und Altern ohne Not
Michael Muscholl (Muscholl)
- 13.09.2012, 17:39 Uhr