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Antiker Computer : Himmelsmechanik vom Feinsten

Drei der 82 bekannten Bruchstücke des Antikythera-Mechanismus. Das größte Fragment (Mitte) misst 18 mal 15 Zentimeter und enthält die meisten Getriebeteile. Bild: Picture-Alliance

In einem Schiffswrack voller griechischer Kunstschätze fand sich auch ein antiker Analogrechner, der seiner Zeit um mehr als tausend Jahre voraus war. Was wissen wir über den „Antikythera-Mechanismus“?

          Mehr Zahnräder!“ Ein seltsamer Trinkspruch, werden sich die Gäste eines Athener Hotels gedacht haben, wo einige Ausländer im September 2005 sich Abend für Abend in dieser Weise zuprosteten. Doch die Gruppe um den britischen Mathematiker und Dokumentarfilmer Tony Freeth feierte nur ihr Tagwerk. Im Akkord durchleuchteten sie damals im Athener Nationalmuseum die Bruchstücke eines Klumpens korrodierter Bronze aus dem Antikythera-Fund (siehe „Bitte einen Hermes ...“) mit einem eigens aus England herbeigeschafften, acht Tonnen schweren Röntgentomographen. Und das war es, was ihre hochaufgelösten Bilder hauptsächlich zeigten: Zahnräder.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun kannten die Griechen das Prinzip der Übertragung von Drehbewegungen durch Zahnräder spätestens im 4. Jahrhundert v. Chr. Doch das waren vorwiegend grobe Konstruktionen, wie sie vielleicht in Mühlen zum Einsatz kamen. Der Antikythera-Mechanismus dagegen hatte - nach seinem plattgedrückten Rest zu schließen - gerade einmal die Abmessungen eines großen Buches. Und in ihm griffen metallerne Zähne von lediglich anderthalb Millimeter Länge ineinander.

          Zu welchem Zwecke allerdings, das war im September 2005 erst ungefähr klar. Zwar hatte der Altphilologe Albert Rehm bereits 1905 erkannt, dass es sich um ein astronomisches Rechengerät handeln muss. Und ein halbes Jahrhundert später analysierte der britische Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price (1922 bis 1983) die ersten Röntgenaufnahmen von einigen der über zwanzig Fragmente, in die der Klumpen inzwischen zerfallen war. Er erkannte, dass das Räderwerk einst in einem flachen Holzkasten montiert war, von einer seitlichen Kurbel in Bewegung gesetzt wurde und mehrere Zeiger auf beiden Seiten des Apparates ansteuerte.

          Auf der Vorderseite fand Price eine kreisförmige doppelte Skala, auf der Reste griechischer Namen von Monaten und Tierkreiszeichen zu erkennen waren sowie zwei Zeiger, die offenbar das Datum und die Position des Mondes im Jahreslauf anzeigten. Aus der Anzahl der Zähne einiger Zahnräder leitete Price ab, dass der Erbauer des Mechanismus offenbar die Beobachtung der Babylonier in Mechanik umgesetzt hatte, dass 19 Jahre fast genau 235 sogenannten synodischen Mondumläufen entsprechen, also Zeitspannen von einem Vollmond zum nächsten. Astronomen nennen dies den Metonischen Zyklus.

          Eine Himmelstheorie in Bronze ...

          Nun läuft der Mond aber nicht gleichförmig über den Himmel. Die alten Griechen konnten zwar nicht wissen, warum das so ist - dass Gestirne im Allgemeinen auf Ellipsen laufen, erkannte erst Johannes Kepler im 17. Jahrhundert -, doch beobachten konnten sie es. Die Position des Mondes vor den Tierkreiszeichen im Jahreslauf hätte der Erbauer des Antikythera-Mechanismus aber unmöglich korrekt angeben können, wenn sein Getriebe nur aus verschieden großen Zahnrädern auf festen Achsen bestanden hätte. Daher vermutete Price, wie schon Rehm vor ihm, dass es in dem Apparat auch Zahnräder geben müsse, deren Achsen auf anderen Rädern sitzen, sogenannte Epizykelgetriebe. Bereits Apollonios von Perge (gestorben um 190 v. Chr.) hatte sich die beobachtete Bewegung der Gestirne durch kosmische Epizyklen erklärt, also Kreisbahnen, deren Zentren auf anderen Kreisbahnen verlaufen. Diese Theorie war die allgemein anerkannte, bis Keplers Ellipsen eine bessere lieferten. Sollte der Erfinder des Antikythera-Apparates also die Himmelstheorie des Apollonios in bronzene Feinmechanik übertragen haben?

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