05.04.2011 · Sachlichen Einwänden antworten politische Verdächtigungen: So verfährt die "Unabhängige Historikerkommission" jetzt auch mit Johannes Hürter.
Johannes Hürter, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, hat in der Hauszeitschrift des Instituts, den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte" soeben die erste wissenschaftliche Rezensionsabhandlung über "Das Amt" publiziert, den als Buch publizierten Bericht der Unabhängigen Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik ("Das Auswärtige Amt, die NS-Diktatur und der Holocaust. Kritische Anmerkungen zu einem Kommissionsbericht", VfZ 2/2011, Oldenbourg Verlag). In seinem 26 Seiten langen Aufsatz geht Hürter auch auf die öffentliche Diskussion ein. Die vier Mitglieder der Kommission, Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann, hatten in der "Süddeutschen Zeitung" vom 10. Dezember 2010 auf ihre Kritiker geantwortet. Bedauernd stellt Hürter fest, sie hätten es nicht unterlassen, "Sachkritik übende Kollegen persönlich zu diffamieren, ihnen die Kompetenz abzusprechen und sie geschichtsrevisionistischer, ja apologetischer Tendenzen zu verdächtigen".
In der "Welt" hat Moshe Zimmermann zu Hürters Aufsatz Stellung genommen. Laut Zimmermann handelt es sich um den jüngsten Zug in einer "Kampagne, die eine politische Agenda hat". Es gehe darum, Diplomaten vom Schlage Ernst von Weizsäckers "rückwirkend zu entlasten" und die Mitglieder der Kommission "zu diskreditieren". Zimmermann verweist darauf, dass der scheidende Direktor des IfZ, Horst Möller, in dieser Zeitung am 18. Januar einen kritischen Kommentar über das Buch veröffentlichte. "Wenn sich das Institut für Zeitgeschichte zu Wort meldet, repräsentiert es eine gewisse politische Richtung." Das Aprilheft der "Vierteljahrshefte" ist am Montag dieser Woche ausgeliefert worden. Am gleichen Tag erschien Zimmermanns Interview - als wäre es seine Absicht gewesen, Hürters bittere Bemerkungen über den Umgang der Kommission mit ihren Kritikern ohne allen Verzug ins Recht zu setzen.
Im Fall des einen oder anderen Historikers, der in historistischer Manier Grautöne anmahnte und vom Lagerdenken den Konservativen zugeschlagen wird, mag der Gegenvorwurf der apologetischen Tendenzen in der nichtfachlichen Öffentlichkeit einen gewissen Eindruck gemacht haben. Aber schon ein Hans Mommsen, dessen Lebensthema die Mitwirkung der alten deutschen Eliten an der im Judenmord kulminierenden Zerstörung der Zivilisation ist, war mit diesem Verdacht nicht zu erledigen. Dass die Kommission nun gegen Hürter aus derselben Kanone schießt, dokumentiert eine bestürzende Hilflosigkeit.
Wer ist Johannes Hürter? Der Autor des Buches "Hitlers Heerführer" von 2006, das Motive und Handlungsweisen der Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion untersucht und aus der Mentalität der Generalstäbler erklärt, wie sie einen Vernichtungskrieg führen konnten. Es ist lächerlich, Hürter die Absicht zuzuschreiben, die konservativen Staatseliten herauszuhauen. Im IfZ hat er einen ernsten Konflikt mit dem hochangesehenen Institutsveteranen Hermann Graml ausgetragen, weil er die These plausibel machen konnte, dass selbst Henning von Tresckow die Massenmorde der Einsatzgruppen für eine Übergangszeit bis zum Entschluss zum Widerstand in einem strategischen Gesamtsaldo verrechnet habe (F.A.Z. vom 21. Juli 2010). Wie geschah es, dass die mörderischen Ziele der Staatsführung unter die Intentionen aufgenommen wurden, die Amtsträger in ihrer normalen Geschäftstätigkeit berücksichtigten oder förderten? Das ist die Frage, auf die jede Institutionengeschichte des Hitlerreiches hinausläuft. Die Kontroverse um Tresckow war auch ein Streit zwischen Quellenkritik und Volkspädagogik.
"Das Amt" bedeutet für Hürter "einen erheblichen Rückschritt hinter die Bemühungen der Forschung, zu einem differenzierten Bild der vielschichtigen Verantwortlichkeiten für den Holocaust zu gelangen". Zimmermann bemerkt zu diesem Urteil, der "Anspruch" der Differenzierung sei "sehr oft ein Alibi für diejenigen, die relativieren wollen". Bei Hürter verweist das Wort "differenziert" aber auf eine hochprofessionelle, ebenso subtile wie gründliche Forschung zu den Entscheidungsprozessen im Staat der Völkermörder. Hier kommt eben alles auf Übergänge an. So entfaltet Hürter im Heerführerbuch die These, die Anpassung der Generäle an das ideologische Programm der Vernichtung sei dadurch gefördert worden, dass sie sich auf dem Gebiet ihrer professionellen Kompetenz selbst entmündigt hätten. Analoge Fragestellungen zum Verhältnis von diplomatischen Aufgaben und ideologischen Erwartungen vermisst Hürter in "Das Amt".
Die Kommission hatte den Auftrag, "die Geschichte des Auswärtigen Dienstes in der Zeit des Nationalsozialismus" sowie den späteren Umgang mit dieser Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der personellen Kontinuität zu erforschen und darzustellen. Zur Außenpolitik, dem klassischen Tätigkeitsfeld des Auswärtigen Dienstes, steht im Kommissionsbericht fast nichts. Die Pointe von Hürters Kritik ist, dass die Kommission durch Nichtbefassung mit der Diplomatiegeschichte die apologetische Legende von der Machtlosigkeit der Wilhelmstraße weitertransportiere. War "der Auswärtige Dienst nach 1939 in seinem traditionellen Kernbereich wirklich so einflusslos"? Die Untersuchung etwa der Beiträge, die gerade die Diplomaten alter Schule dazu leisteten, dass die Kriegskoalition so lange hielt und "die deutsche Schreckensherrschaft über weite Teile Europas verlängert wurde", hätte dabei helfen können, "die professionelle (und moralische) Deformation dieser Elite aufzuzeigen". Da außenpolitische Konzeptionen die Kommission nicht interessieren, kommt die Frage nicht in den Blick, "inwieweit die ,klassische' Tätigkeit des Amts schon für sich genommen einer verbrecherischen Politik Vorschub leistete".
In einem gemeinsam mit Annette Weinke verfassten Beitrag in den "Blättern für deutsche und internationale Politik" begründete Norbert Frei seine Einschätzung, dass die Kritiker von "Das Amt" auf verlorenem Posten stünden, bezeichnenderweise parteipolitisch: Guido Westerwelle bilde mit seinen Vorgängern Fischer und Steinmeier eine vergangenheitspolitische "Ampel". Soll man es ein Glück für die Kommission nennen, dass ihr gelber Schirmherr sich an sein Regierungsamt klammert? Zimmermanns aus der Luft gegriffene Behauptung, Hürters Einwände seien sämtlich aus der bisherigen Diskussion bekannt und "Punkt für Punkt widerlegt" worden, klingt jedenfalls schon wie Originalton Westerwelle.
patrick bahners