20.01.2009 · Die Ehrenpromotion als Beitrag zur Forschung: Johannes Fried erschüttert in Aachen den Mythos vom Kampf der politisch-theologischen Giganten im Jahre 1077 zu Canossa.
Von Oliver JungenDie Geschichte ist in Aachen jüngst ins Zentrum zurückgekehrt. Das Historische Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule residiert nicht mehr in der Nähe der Ingenieure, sondern vis-à-vis der Kultur am schönen Theaterplatz. „HumTec“ wird der Historik folgen, jenes große Projekt der Exzellenzuniversität, innerhalb dessen die Geisteswissenschaften ihre Technikbezüge herausstellen sollen. Nicht ganz unbeteiligt ist HumTec daran, dass in diesen Tagen dem Frankfurter Mediävisten und Erfinder der historischen Memorik Johannes Fried die Ehrendoktorwürde der Aachener Philosophischen Fakultät verliehen wurde.
Man muss schon bis ins Jahr 1954 zurückgehen, um einen Geschichtsprofessor unter den Aachener Doctores honoris causa zu finden. Damals wurde dem in München lehrenden, auch die Technikgeschichte berücksichtigenden Historiker Franz Schnabel diese Ehre zuteil, und zwar auf Initiative der Fakultät für Bauwesen. Diesmal ging der Antrag zwar vom Historischen Institut aus, wurde aber kräftig von der Medizinischen Fakultät unterstützt, die man auf die neurokulturelle Unterfütterung von Frieds Forschungen hingewiesen hatte.
Historisch mag die Römer-, Karls- und Krönungsstadt mit ihren Pfunden wuchern. Die deutschsprachige Geschichtswissenschaft, so der Aachener Mediävist Harald Müller, scheine diese Stadt dennoch kaum anders als Ludwig der Bayer „am Ende des Rîches“ zu verorten. Eine Ausnahme bildete zuletzt der Historikertag im Jahre 2000, den übrigens Fried als Vorsitzender des Verbands der Historiker Deutschlands nach Aachen gebracht hatte. Eine weitere Ausnahme bildete in jedem Fall das der Ehrung Frieds vorausgehende Kolloquium. Auf diesem verteidigte der Doktorand h.c. gewissermaßen seine soeben erschienene, sensationelle Abhandlung über den Gang Heinrichs IV. nach Canossa im Jahre 1077: „Der Pakt von Canossa“ (in: „Die Faszination der Papstgeschichte“, hrsg. von Wilfried Hartmann und Klaus Herbers, Böhlau Verlag, Köln 2008). In Frieds soeben vorgelegter voluminöser Darstellung des Mittelalters ist die neue Canossa-Deutung bereits eingegangen, ohne aber die Argumentation im Detail aufzuführen. In Aachen nun stand Fried den Canossa-Experten Rudolf Schieffer (München) und Stefan Weinfurter (Heidelberg) sowie einem großen Publikum Rede und Antwort.
Nur wenige Ereignisse aus der deutschen Geschichte haben sich nachträglich so sehr mit symbolischer Bedeutung angereichert wie diese Unterwerfung des gebannten Königs unter den Papst. Bis heute erzählt man den Titanenkampf gerne in der, so Fried, „geifernden“ Version des Lampert von Hersfeld, eines dezidierten Gegners des salischen Königs. Auch als vor zwei Jahren das Jubiläum des Ereignisses begangen wurde, bezog man die berühmten Worte des Chronisten Bonizo von Sutri von der „Erschütterung der Welt“ meist auf den folgenreichen Kniefall statt auf das eigentlich gemeinte Ereignis, die unerhörte Suspension des Kaisers. Gleichwohl hatte die Forschung immer wieder Neues beizutragen. Gerd Althoff etwa hat herausgearbeitet, dass es weniger der Kirchenbuße als dem weltlichen Unterwerfungsritual der „Deditio“ entspreche, wenn der König drei Tage barfuß und im Büßergewand vor der Burg stehe.
Johannes Fried, qua Amt des Erinnerungskritikers grundsätzlich misstrauisch gegenüber Gedächtnisorten, hat durch Berechnung der Reisezeiten herausgefunden, dass das auf den Aussagen der deutschen Chronisten beruhende und seit dem Standardwerk von Gerald Meyer von Knonau (1894) tradierte Zeitgerüst nicht stimmen kann. Verfolgt man dagegen eine Spur, die von einer früheren, aber erst seit 1906 bekannten Quelle, dem „Königsberger Fragment“, ausgeht, gerät bald das gesamte kanonische Canossa-Bild ins Wanken. Fried geht noch weiter und entwirft eine neue, in sich stimmigere Version des Geschehens, in der statt Unterwerfungsritus ein partnerschaftlicher Friedensvertrag im Mittelpunkt steht.
Bislang ging man stets davon aus, dass die Fürstenversammlung von Tribur Anfang November 1076 eine Gesandtschaft an die Kurie geschickt habe, um den Gehorsam des Kaisers zuzusichern und den Papst für den 2. Februar 1077 nach Augsburg zu einem Kolloquium einzuladen, auf dem er über den König entscheiden solle. Doch es gibt, so Fried, allen Grund zur Annahme, dass Papst Gregor VII. die Reise nach Deutschland schon lange zuvor geplant und angekündigt haben muss. Von Tribur aus machten die Fürsten lediglich einen Terminvorschlag. Bis nach Augsburg kam der Papst allerdings nicht, weil ihn Heinrich IV. bekanntlich unterwegs abpasste.
Weshalb aber war der Papst überhaupt auf die Idee der Reise gekommen? Hier helfe der zeit- und ortsnahe Bericht des Arnulf von Mailand weiter, dessen Wert bis heute unterschätzt werde. Demnach ging lange vor Tribur die Initiative für ein Versöhnungskolloquium auf deutschem Boden von drei königsnahen Persönlichkeiten aus. Heinrichs Pate, Hugo von Cluny, seine Mutter, Kaiserin Agnes, sowie die enge Verwandte Mathilde von Tuszien sollen demnach König und Papst zum Friedensschluss im Rahmen eines Kolloquiums - also zum gemeinsamen Vorgehen - überredet haben. Weil aber auf deutschem Boden das ganze Projekt zu scheitern drohte, sah sich der Salier gezwungen, dem Papst entgegenzuziehen.
Dieser war auch sofort bereit, die Bannlösung (nach rein formal nötigem Bußritual) sowie die Friedensverhandlungen vorzuziehen. Der Vertrag kam laut Fried am 25. (nicht 28.) Januar 1077 in Canossa zustande. Über seinen Inhalt ist wohl deshalb nichts bekannt, weil er nie zum Tragen kam. Von den lombardischen Gegnern Gregors und den sächsischen Gegnern Heinrichs sabotiert, war der Pakt schon nach wenigen Wochen hinfällig. Ins kollektive Gedächtnis schaffte es nur die verzerrende Darstellung der Opposition. Als Wende lässt sich Canossa nun allerdings keineswegs mehr bezeichnen, sondern allenfalls als gescheitertes kaiserlich-päpstliches Deeskalationsunternehmen. Nicht nach Canossa zu gehen hieße also, sich diplomatischen Lösungen von Konflikten zu verweigern.
Damit hat Fried eine vermeintliche Zentralepisode der deutschen Geschichte vollkommen umgeschrieben. Auch wenn er dabei „Neuronen“ und „Eiweißentzug im Gehirn“ ins Spiel brachte - für eine solche Dekonstruktion eines propagandistisch verformten Diskurses braucht man wohl weniger neurobiologisches Grundwissen als kriminalistisches Gespür. Wie reagierten die beiden Fachkollegen? Mit einem „Summa cum laude“. Rudolf Schieffer sekundierte mit einem Koreferat, das aufzeigte, wie sehr Canossa ein Phänomen der deutschen Geschichtsschreibung blieb, in Westeuropa also kaum beachtet wurde. Stefan Weinfurter, der die Umwertung ebenfalls akzeptierte, wollte Canossa wenigstens „als Chiffre“ für die Kirchenreform gerettet wissen. Für Weinfurter steht einiges auf dem Spiel, schließlich hat er in seinem Canossa-Buch (2006) die These der „Entzauberung der Welt“ vertreten: Erste Impulse, weltliche Lebensordnungen zu konzipieren und die Kirche als eigene Institution zu definieren, seien von dem Ereignis ausgegangen. Fried aber widersprach scharf. Diese historisch eben nicht gedeckte Chiffre sei ihm viel zu protestantisch und kulturkämpferisch.
Die eigentliche Ehrung Frieds am Abend dürfte nach dieser Glanzleistung und trotz einer heiteren Laudatio von Heribert Müller (Frankfurt am Main) kaum Eingang ins kollektive Gedächtnis finden. Besonders ein naturwissenschaftliches Grußwort ließ sich nur mit Eiweißentzug erklären. Fried deutete in seiner Dankrede denn auch gleich an, dass sein Gedächtnis diesen „kostbaren Augenblick“ in Zukunft verformen, „verklären“ werde. Auch in dieser Ansprache aber ging es weniger um unbewusste Gedächtnisfehler als um die Fortifikation propagandistischer Lieux de mémoire. Einen eklatanten Fall machte Fried in der jüngsten, auch den Canossa-Gang behandelnden „Die Deutschen“-Historienreihe des ZDF aus: Ein reaktionäres Geschichtsbild werde da implantiert, eine fast nationalsozialistische Heldenverehrung betrieben im „Land des Nichtkönnens und Nichtwissens, der Rückständigkeit und Unbelehrbarkeit“. Ein kleines Beispiel für die Instabilität des Gedächtnisses bot der Geehrte dann in seinen letzten Worten aber doch noch: „Ich danke für diesen Preis, ähm, die Ehrenpromotion.“