15.09.2007 · Beim Thema Akohol sind die Ratschläge eindeutig und die Verbote streng. Dabei ist gar nicht klar, wieviel Einfluss mäßiger Alkoholkonsum auf das Ungeborene hat. Klar ist nur, dass Alkoholismus dem Kind schadet. Das tut Crack aber auch.
Von Zoe WilliamsLeider gibt es nur sehr wenige Untersuchungen der herrschenden Meinungen zu betrunkenen Schwangeren; darum müssen wir uns auf das verlassen, was ich mir aus Berichten meiner Mutter und eigenen Erinnerungen zusammengesucht habe. Vor dreißig Jahren schickte es sich nicht, sich in der Schwangerschaft sinnlos zu besaufen, aber das schickte sich auch nicht für Frauen, die kein Kind erwarteten. Maßvolles Trinken während der Schwangerschaft war aber durchaus zulässig. Vor zehn Jahren ging Tiffany in einer Folge der Fernsehserie „EastEnders“ auf Sauftour, als sie in anderen Umständen war, und Grant regte sich darüber auf. EastEnders ist ein großartiger Seismograph für eine bestimmte Form von gesellschaftlicher Akzeptanz - nicht unbedingt eine akkurate Wiedergabe irgendwelcher Realitäten, aber doch ein Hinweis darauf, dass 1996 Menschen aus der gehobenen Mittelschicht es eindeutig für gefährlich hielten, wenn Schwangere sich betranken. Dennoch galt ein Glas Wein am Tag als völlig in Ordnung.
Vor fünf Jahren und bis vor kurzem hieß es offiziell, ein oder zwei Glas ein- bis zweimal die Woche seien unbedenklich, aber es verstand sich von selbst, dass die Leute das ähnlich übertrieben restriktiv empfanden wie die amtlich empfohlene Obergrenze für regelmäßiges Trinken im Allgemeinen.
Täglich eine Flasche Wodka
Während der letzten zwei Jahre jedoch hat das Boulevardblatt Daily Mail immer wieder aufgeregt von Untersuchungen berichtet, denen zufolge Schwangere überhaupt keinen Alkohol mehr anrühren sollten, da es keine unbedenkliche Untergrenze gäbe. Seit dem letzten Jahr sind auch die seriösen Zeitungen voll davon - und sogar die Sonntagszeitung Observer.
Ein typischer Artikel über das fetale Alkoholsyndrom beginnt mit der Fallschilderung eines Kindes, das die ganze Palette der Symptome aufweist. Dazu gehören geistige Behinderung, ein sehr niedriges Geburtsgewicht, die damit verbundenen Wachstumsstörungen und ein markantes Erscheinungsbild (kleiner, verformter Kopf, weit auseinanderstehende Augen, schmale Lippen und ein flaches Philtrum). Als Nächstes wird der Artikel die zunehmende Verbreitung des fetalen Alkoholsyndroms beschreiben, ohne darauf hinzuweisen, dass diese exakt mit dem rasant um sich greifenden Komasaufen korreliert. Dabei bestreitet natürlich niemand, dass exzessives Saufen der Gesundheit eines Fötus schadet. Hier geht es aber um die Frage, ob wir gänzlich abstinent sein sollen.
Dann kommt meistens der Hinweis darauf, dass Schwangeren in den Vereinigten Staaten geraten wird, sich komplett vom Alkohol fernzuhalten, und zum Schluss wird ein Mediziner - in der Regel ist das Raja Mukherjee, Chefpsychiater des Krankenhausverbundes Surrey and Borders Partnership Trust - mit den folgenden Worten zitiert: „Das in seinem Ausmaß nicht abschätzbare Risiko für den sich entwickelnden Fötus und die Möglichkeit einer Fehlinterpretation öffentlicher medizinischer Ratschläge bedeuten letztlich, dass die einzig sichere Empfehlung bei einer Schwangerschaft nur die völlige Alkoholabstinenz sein kann.“ Erscheint dieser Bericht in einer seriösen Zeitung, wird er etwas kleinlaut die Zusatzinformation bringen, dass Gegenstand der Fallstudie am Artikelanfang das Kind einer schweren Alkoholikerin war, die täglich eine Flasche Wodka und mehr konsumierte. In einem Boulevardblatt aber wird diese Information unterschlagen.
Viel mehr Sorgen beim Stillen
Die Richtlinien der britischen Regierung haben sich im Mai geändert, und wir erfahren nun, dass das einzig verantwortungsvolle Handeln darin liegt, Abstinenz zu üben. Wie der Guardian es formulierte: „Die Minister halten diesen Kurswechsel in den Empfehlungen zum Alkoholkonsum für notwendig, weil zu viele Frauen die Risiken für ihr Kind unterschätzen, obwohl es dazu keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt.“
Eric Jauniaux, Professor für Geburtshilfe und Fetalmedizin am Royal Free Hospital in London, betont in diesem Zusammenhang: „Alkohol wird hauptsächlich von der Leber verstoffwechselt und nur der Rest von der Plazenta aufgenommen. Die Menge, die den Fötus nach einem Glas Bier oder Wein erreicht, wäre verschwindend gering. Ich würde mir viel mehr Sorgen über das Trinken bei stillenden Müttern machen.“ Jauniaux, der übrigens seit zwanzig Jahren die Versorgung des Fötus durch die Plazenta erforscht, ist einer der führenden britischen Experten auf dem Gebiet. Dennoch wird er nie im Zusammenhang mit den Schauergeschichten zitiert, die man über Alkohol und ungeborene Babys lesen kann. Und zum soziologischen Aspekt erinnert uns Jauniaux: „Wie lange schon trinkt der Mensch Wein und Bier - Tausende von Jahren?“
Von Crack wird dringend abgeraten
Mukherjees Perspektive dagegen ist nicht die eines Fetalforschers, sondern eines Neurowissenschaftlers. Er hat zum Beispiel viel mit Kindern zu tun, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, die sich schlecht konzentrieren können oder hyperaktiv sind. Das fetale Alkoholsyndrom ist eine Ausschlussdiagnose, was bedeutet, dass man zunächst eine ganze Palette von medizinischen Erscheinungsbildern ausschließt, deren heutige Prävalenz noch weitgehend ungeklärt ist, und dann ein fetales Alkoholsyndrom diagnostiziert. Untersuchungen über die Wirkung von Ethanol auf trächtige Rattenweibchen veranlassten Mukherjee zu der Annahme, dass kleine Dosen von Alkohol für Menschen gefährlich sein könnten. Daher sein Appell: Wenn angesichts des Spektrums von häufig ununterscheidbaren Krankheitsbildern, die das Leben von Kindern und natürlich auch ihrer Eltern zerstören, nur die geringste Möglichkeit besteht, dass Alkohol die Ursache eines dieser Krankheitsbilder sein könnte - sollten wir dann nicht wenigstens dafür sorgen, dass schwangere Frauen keinen Alkohol trinken, damit wir beobachten können, was da genau geschieht?
Übrigens ist in den Vereinigten Staaten, dem Land der Hoffnung aller Vorkämpfer einer abstinenten Schwangerschaft, die mit Abstand größte Ursache fötaler Wachstumsstörungen die Abhängigkeit von Crack. Das wurde auch nie bestritten - vor dem Konsum von Crack während der Schwangerschaft wird dringend abgeraten, er ist ja auch illegal.
Ein großes Problem - auch hierzulande
„Es ist unumstritten unter allen Wissenschaftlern, die auf dem Gebiet des fetalen Alkoholsyndroms forschen, dass man Alkohol in der Schwangerschaft komplett meiden sollte“, sagt Reinhold Feldmann vom Sozialpädiatrischen Zentrum des Universitätsklinikums Münster. „Studien zeigen, dass es bereits Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern gibt, deren Mütter ein Glas eines alkoholhaltigen Getränkes pro Woche getrunken haben.“
Ob es ein Glas Bier, Wein oder Schnaps war, spielt dabei zwar eine Rolle, sagt Feldmann: „Die schwersten Schäden entstehen natürlich bei höherem Alkoholgehalt.“ Aber: „Es lässt sich bislang kein Schwellenwert festlegen.“ Während bei starker Exposition auch die anatomischen Besonderheiten aufträten, die für die Diagnose des Syndroms typisch sind, sehe die Mehrheit der im Mutterleib durch Alkohol beeinflussten Kinder normal aus. „Diese Kinder haben jedoch eine niedrigere Gedächtniskapazität und Konzentrationsfähigkeit, sie können soziale Situationen schlecht einschätzen und in der Schule mit Gleichaltrigen nicht mithalten“, sagt der Psychologe Feldmann. „Die Hälfte der Kinder besucht eine Förderschule.“
Zusammen mit Frankreich stehe Deutschland innerhalb West- und Mitteleuropas mit seinen Fallzahlen an der Spitze. „Nur in Russland tritt das fetale Alkoholsyndrom noch häufiger auf.“ In den Vereinigten Staaten oder in Skandinavien mit seiner restriktiven Handhabung von Alkohol ist das Syndrom dagegen deutlich seltener.
Alkohol und Schwangerschaft
gisela Michalowski (Michalowski)
- 26.09.2007, 15:53 Uhr