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„BioArt“ boomt : Wahrheiten, die uns nur durch Kunst bewußt werden

Die slowenische BioArt-Künstlerin Špela Petrič bei ihrer Langzeitperformance „Skotopoiesis“ vor dem Kresse-Feld, produziert von der Kapelica Gallery. Bild: Miha Turšič

Mit Pflanzen kommunizieren, Zellen auf die Bühne bringen: Immer mehr Wissenschaftler suchen die Nähe zu Künstlern. Was versprechen sie sich davon? Der Boom von „BioArt“ zeigt, dass es kaum darum gehen kann, Utopien salonfähig zu machen.

          Sie wollte ausbrechen, ihre Perspektive weiten. Aus den „Containern der Erkenntnis“ treten, in die sie als junge Biochemikerin eingetreten war und in denen sie sich schließlich gefangen fühlte. Špela Petrič ist 38 Jahre alt und Lebenswissenschaftlerin, eine promovierte Biochemikerin aus Ljubljana. Das war sie bis vor sieben Jahren. Inzwischen ist sie Künstlerin, und fordert ihrerseits die Wissenschaft heraus. Vielleicht sagt man besser: Sie ist auf der Suche nach Wahrheit, wie die Wissenschaften auch, mit ihr zusammen sogar, aber sie sucht ihre Wahrheiten heute weniger mit der Vernunft und den Gepflogenheiten der Forscherin als vielmehr mit den Mitteln sinnlicher Erkenntnis.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die theoretische Vorlage dafür ist mehr als zweihundert Jahre alt, und sie stammt von Alexander Gottlieb Baumgarten, der die ästhetische Denkart zur Komplettierung des längst etablierten Vernunftdenkens bestimmte: „Mit Hilfe der Kunst können wir Aspekte der Welt erkennen, für die es keine Begriffe gibt, für die wir also ohne Kunst kein Bewusstsein hätten.“

          Unerhört, hört man in diesem Moment die Kinder der modernen Empirie ausrufen. Wie sollte Kunst je den wissenschaftlichen Horizont erweitern, wie könnte die Subjektivität des Künstlers die Objektivität der Wissenschaft bereichern? Sie kann ganz offensichtlich. Denn tatsächlich gibt es diesen Wunsch, inspiriert zu werden von den ästhetischen Ideen, immer stärker in den diversen naturwissenschaftlichen Disziplinen.

          Špela Petrič, die ehemalige Biochemikerin, performt auf einem Workshop zu ihrer Berliner Ausstellung „Strange Encounters“.

          Von „BioArt“ jedenfalls, dem Kunstfach der Slowenin Špela Petrič, geht in diesen Tagen eine schier unglaubliche Anziehungskraft aus. Petrič gastiert (bis zum 18. November) mit ihrer Ausstellung „Strange Encounters with Vegetal Others“, einer Begegnung mit Pflanzen als „dem anderen“, im Art Laboratory Berlin. Hier, in einer kleinen Galerie in der Prinzenallee, haben die Kunsthistorikern Regine Rapp und der New Yorker Künstler Christian de Lutz in kürzester Zeit die Keimzelle eines deutschen BioArt-Zentrums aufgebaut. Eine Stätte der Kunstproduktion, die sich heute als „Kunst- und Forschungsplattform“ für BioArt versteht. Damit gibt Regina Rapp zu verstehen, worum es geht, um Schnittstellenarbeit: „Wir sind eine Brücke für die Wissenschaft, wir tragen Kunst nach außen.“ Nach außen – das heißt zurzeit vor allem: hinein in die Wissenschaft. Von Oktober an wird Art Laboratory Berlin mit den Mikrobiologen der Technischen Universität Berlin an einem zweijährigen Citizen Science Projekt „Mind the Fungi“ arbeiten. Die von der TU Berlin zur Verfügung gestellten Projektkosten: 300.000 Euro. Sie beziehen sich auf die naturwissenschaftliche Forschung, anteilig aber auch für den Bereich der Wissenschaftskommunikation, für den das Art Laboratory Berlin zuständig ist. Das Thema - lokale Pilze als angewandter Wirkstoff - ist für die Wissenschaftler ebenso neu wie für die Künstlerinnen und Designerinnen.

          Auch für andere Themen des Art Laboratory Berlin arbeiten Wissenschaftler und Künstler eng zusammen, so etwa in einem Mikroplastik-Projekt an der in die Spree mündenden Panke. Ein Workhop zum Thema Mikroplastik mit der Gruppe „DIY Hack the Panke", einem interdisziplinären Projekt von Künstlern und Naturwissenschaftlern über die Panke, wurde anteilig vom „Nordic Council of Ministers und Nordic Culture Point" finanziert. Vereinbart ist bereits auch ein Projekt mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. In der reichen Berliner Forschungslandschaft kommt BioArt an vielen Stellen zur Blüte, auch an Spitzenforschungszentren. Am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch etwa hat die finnische Künstlerin Emilia Tikka vor kurzem ihre zweimonatige Laborarbeit abgeschlossen.

          Die Begegnung mit dem Anderen, der Pflanze: Inszeniert von Špela Petrič, Pei-Ying Lin, Dimitris Stamatis und Jasmina Weiss. Eine Installation mit 3D-gedruckten Sex-Spielzeug-Konzepten und lebenden Pflanzen, produziert vom Museum für Architektur und Design (MAO)

          Was versprechen sich die Wissenschaftler davon, was die Institutionen? Gibt es diesen erkenntnistheoretischen Mehrwert der Kunst wirklich wieder, der in der Aufklärung um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Vorrang der Vernunft schon fast verloren schien? Zumindest, so Christian de Lutz, gebe es eine Besinnung auf Seiten der Biowissenschaften. Im Nietzschen Sinne gewissermaßen, der mit Blick auf das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft eine Mahnung an alle formulierte: „Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen wir vergessen haben, dass sie welche sind.“ Mit anderen Worten: Ein Zugang zu objektiven, letzten Wahrheiten bleibt den Künsten wie auch den Wissenschaften versperrt. Wenn wir dennoch eine Wahrheit annehmen, so bestehen de Lutz und Rapp jedenfalls darauf, dass der Beitrag der Künstler zur Wahrheitssuche nicht minder wichtig sei – auch wenn die Gründer des Art Laboratory durchaus auch anderen Motiven im Wissenschaftsbetrieb begegnen.

          Es geht nicht um Unterhaltung

          So gibt es sehr wohl die Versuchung auf Seiten der Wissenschaftler, Kunst zuvörderst als Transmissionsriemen für die Wissenschaftsvermittlung oder gar als rein unterhaltendes Element zu nutzen. „Darum geht es uns genau nicht! Nicht um Unterhaltung und nicht um reine Visualierung des Forschungsmaterials“, sagt Regine Rapp. Vielmehr gehe es darum, Forschung zu zeigen, zu interpretieren und Mythen abzubauen. BioArt und Lebenswissenschaften begegnen sich immer wieder. „So wie es Künstler gibt, die ihre Kunst als epistemologisches Werkzeug benutzen, um die Wissenschaft zu hinterfragen, gibt es Wissenschaftler, die unsere Kunst als Werkzeug nutzen“, sagt de Lutz. Špela Petrič demonstriert mit ihren in Berlin gezeigten Kunstproduktionen, was das bedeutet. Pflanzen als das sonderbare Gegenüber der Evolution: scheinbar untätig, bar jeder Autonomie oder Identität und dennoch, so Petrič, „ausgestattet mit vielen noch unerforschten Formen der Intelligenz“. Dass Pflanzen tatsächlich eine Art Nervensystem besitzen und mutmaßlich damit auch eine besondere, wenn auch noch unerklärte Sensibilität für ihre Umwelt besitzen ist erst jüngst durch aufregende wissenschaftliche Bilder am Beispiel des kleinen Laborgewächses Arabidopsis aufgedeckt worden.

          Dokumentation der Mikroperformance mit Algen und menschlichem Karzinom, ausgestellt in den Räumen des Art Laboratory Berlin.

          Die slowenische Biokünstlerin hat sich in ihrer Arbeit auf kreative Weise dieser in vieler Hinsicht rätselhaften Existenz der Pflanzen genähert. „Von Dunkelheit geformt“, „Skotopoiesis“, heißt eine ihrer Arbeiten. Eine Performance, bei der sie sich auf eine Art zwischenartliche Kollaboration mit Kresse einlässt. Zwanzig Stunden lang stellte sie sich im dunklen Raum vor ein scharf beleuchtetes Feld aus gut vierhunderttausend keimenden Kressepflänzchen. Ihr Körper wirft einen scharfen Schatten schräg auf das Feld. Am Ende erlebte das Publikum, wie der Schatten Petričs die Kresse verblassen lässt und gleichzeitig die Keimlinge am Schattenrand antworten, indem sie sich verlängern. Anders gesagt: Der Körper der Künstlerin schrumpft auf dem Kressefeld, die Pflanzen dehnen sich. Dabei geht es nicht allein um die Intervention durch den Menschen – Ethik ist in der BioArt ein wichtiges Motiv –, vielmehr um ein Zeitgefühl, das Pflanzen und Tiere voneinander unterscheidet und das in dem stundenlangen Stillstehen der Künstlerin zum Ausdruck kommt.

          Künstler suchen nach anderen Perspektiven

          Überhaupt der menschliche Blick: In der Wissenschaft wird er stets vom Forscher und seinem Experiment auf den zu untersuchenden Organismus gelenkt. BioArt korrigiert diesen strikten Anthropozentrismus teilweise radikal. Die Künstler nehmen mit ihren Arbeiten die Perspektive der Organismen ein, sie nehmen teil in einem System Natur, das sie nicht unnötig romantisieren oder verhätschelnd kultivieren, sondern das sie auch konsequent bearbeiten und verändern. Die modernen Methoden der Biotechnik schrecken sie nicht ab, sie inspirieren sie. „Einige der Künstler von BioArt sind tatsächlich Naturwissenschaftler“, sagt de Lutz. Eduardo Kac, ein brasilianischer Künstler, der mit grün leuchtenden, gentechnisch erzeugten Kaninchen vor bald zwanzig Jahren für Aufsehen sorgte, hat den Begriff BioArt geprägt. Er war es aber auch, der als Erster mit zweifelhaften Methoden die Anstößigkeit mancher dieser Biokunstproduktionen provozierte.

          Die Berliner Ausstellung mit lebenden Pflanzen zeigt, was die Herausforderung von BioArt – der Arbeit mit lebenden Organismen – auch bedeutet: Regine Rapp: „Es ist forschendes Kuratieren“.

          Schätzungsweise hundert international bekannte Biokünstler gibt es, plus zweihundert BioArt-Studenten, in Australien und Asien ebenso wie in Nordamerika und Europa. Das europäische Zentrum befindet sich dort, wo Petrič herkommt: in Ljubljana. Sie ist mit einem halben Dutzend anderen Künstlern auf dem Campus der Biowissenschaften integriert. Einen Kunstmarkt für BioArt gibt es nicht, auch außerhalb Sloweniens nicht. Doch unterstützt vom Staat und von diversen Fördereinrichtungen, versuchen die Biokünstler auf allen Kontinenten, den Diskurs um unsere ökologische und biotechnische Zukunft anzustoßen.

          Immer wieder geht es darum, die „blinden Flecken“ in einem von wissenschaftlicher Empirie geradezu ausufernden Wissensvorrat auszuleuchten. Blinde Fortschrittsideologien sind der Feind. Solche etwa, wie sie im Silicon Valley derzeit gedeihen gespeist von wissenschaftlichem Halbwissen, oder auch Utopien, wie sie Trans- und Posthumanisten in Umlauf bringen. In ihren „Reflexionen über Maschinen und das Biologische“ kommentieren die Berliner BioArt-Kuratoren Rapp und de Lutz die teils wilden Visionen, die derzeit um die Vergesellschaftung mit Maschinen kursieren. Synthetische Biologie und Cyborg-Ingenieure liefern täglich mehr solcher Vorlagen dafür. Eine weitere „Verschmelzung der technologischen mit der biologischen Maschine“ erwarten auch sie. Trotzdem: In die Apokalypse müsse das keineswegs führen. Die Vereinnahmung von Mensch und Maschine könne sehr wohl an Grenzen stoßen. Solche evolutionäre Entwicklungen prozesshaft zu begleiten und ihre kulturellen Bedingungen immer wieder zu überprüfen, „ohne allzu belehrend verstanden zu werden“, so Rapp, habe sich BioArt zur Aufgabe gemacht.

          Mikroorganismen sind oft „Pinsel“ der BioArt

          Fast immer dringt die Kunst dabei in die für das menschliche Auge unsichtbaren Bereiche vor. Mikroorganismen sind die beliebtesten Objekte der Biokünstler, auch im Art Laboratory. In einer „Mikroperformance“, die Petrič dort zeigt, kommt es zu einer sonderbaren Begegnung von Pflanze und Mensch. In einem professionellen Zellkulturglas und beobachtet durch eine Mikroskopkamera, erlebt der Besucher, wie Zellen eines Blasenkarzinoms und Chlorella-Algen sich begegnen, wie sie „um den Raum verhandeln“. An einem Punkt verzehren die menschlichen Zellen augenscheinlich die Mikroalgen. Ein Phänomen, das auch die Biochemikerin Petrič überraschte: „Das ist doch eine interessante Fragen: warum? Auch für die Biologie ist das interessant.“

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