Ridley Scott mutet uns wieder einiges zu. In „Alien“ hatte der britische Regisseur 1979 ein Filmmonster von kultiger Gruseligkeit geschaffen. Auch in seinem aktuellen Science-Fiction-Horror-Thriller „Prometheus“ kommen Freunde düsteren Schreckens auf ihre Kosten. Die allererste Szene jedoch dürfte so manchen Zuschauer befremden. Denn dort tritt ein ganz und gar ansehnlicher Außerirdischer auf: von marmorblasser Hautfarbe zwar, aber mit Mund, Nase, zwei Augen, zwei Armen, zwei Beinen. Ein Humanoid.
Die athletische Gestalt war in keinem Trailer des Films zu sehen gewesen. Verständlicherweise, denn bis die Menschenähnlichkeit des extraterrestrischen Apolls im weiteren Verlauf des Films ihre naturalistische Erklärung erfährt, wirkt sie als cineastische Geschmacklosigkeit sondergleichen. Humanoide Aliens! In den 1960er Jahren mochte man das dem Produzenten von „Raumschiff Enterprise“ noch durchgehen lassen, wobei die zur selben Zeit entstandene westdeutsche Fernsehproduktion „Raumpatrouille Orion“ schon so fortschrittlich war, ihre „Frogs“ nur als flimmernde Silhouetten auftreten zu lassen. Nach 1968 ging aber auch so etwas nicht mehr. In diesem Jahr kam Stanley Kubricks „2001 Odyssee im Weltall“ heraus, neben Tarkowskis „Solaris“ so ziemlich das einzige Werk des Genres, das anspruchsvolle Kinogänger als Kunst durchgehen lassen.
Auf der Suche nach Funksignalen
Nun hatte auch Kubrick zunächst vor, leibhaftige Außerirdische auftreten zu lassen. Einer seiner wissenschaftlichen Berater allerdings, der Astronom Carl Sagan, riet ihm davon ab. Nicht, weil er Aliens für Mumpitz gehalten hätte, ganz im Gegenteil. Sagan war inbrünstig von der Existenz intelligenter Wesen auf fremden Planeten überzeugt und vertrat diese Überzeugung publikumswirksam und mit geradezu missionarischem Eifer. Er war einer der Väter von SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence), der bis heute andauernden Suche nach Funksignalen fremder Wesen im All.
Mitten im Kalten Krieg hoffte Sagan dabei auf Botschaften von Zivilisationen, die der Menschheit wissenschaftlich und technisch um Äonen voraus sind und es trotz allen Fortschritts geschafft haben, sich nicht selbst zu vernichten. Doch sosehr sein Alien-Bild geistig-moralisch die Ideale eines linksliberalen Intellektuellen des späten 20. Jahrhunderts spiegelte, so sehr verbat sich Sagan biologisch jeden Anthropomorphismus. „Denn“, so argumentierte er, „so etwas wie uns wird die Evolution nirgendwo im Universum noch einmal hervorbringen.“
Sehnsucht nach Brüdern im All
Das war allerdings zunächst ein Argument der SETI-Gegner gewesen. Bereits 1964 hatte der Evolutionsbiologe George Gaylord Simpson in Science einen Essay veröffentlicht, in dem er der Sehnsucht nach Brüdern im All, die sich mit dem anbrechenden Raumfahrtzeitalter ausgebreitet hatte, eine Absage erteilte. Simpson stellte fest, dass es typischerweise keine Biologen waren, die sich für die Frage nach Leben im All interessierten, sondern Astronomen und Physiker. Und diese Kollegen setzten nun einfach voraus, dass die Evolution des Lebens auch auf fernen Planeten so ablaufe wie auf der Erde und damit auch zu so etwas wie uns führe. Davon aber könne keine Rede sein, glaubte Simpson. Die Evolution sei auf der Erde derart von Zufall und Einflüssen der Umgebung bestimmt, dass sich solch ein Determinismus schlicht verbiete. „Selbst wenn die Entstehung des Menschen unter den präzisen Bedingungen der Erdgeschichte, so, wie sie tatsächlich stattgefunden hat, unausweichlich war“, schrieb Simpson, „so ist es gerade dann so gut wie unmöglich, dass es dergleichen auch anderswo gegeben hat.“
Als Simpson dies schrieb, hatte der evolutionäre Determinismus bereits die Populärkultur erreicht. Das ikonische Bild des Außerirdischen mit schmächtigem Leib und übergroßem Kopf verfestigte sich in den 1960er Jahren und entsprang nicht zuletzt Überlegungen darüber, was Mutation und Selektion wohl mit einer humanoiden Rasse anstellen, bei der dank technischen Fortschritts die Muskulatur immer unwichtiger, das Denkvermögen dagegen immer bedeutender wird. Den Evolutionstheoretikern jedoch standen die Haare zu Berge. Neben Simpson kritisierten auch Theodosius Dobzhansky und Ernst Mayr die Alien-Mode. Projekte wie SETI waren für sie reine Geldverschwendung.
Kleckse, Kugeln, oder eine wabernde Masse
Stephen Jay Gould dagegen verteidigte SETI, auch wenn er aus den gleichen Gründen wie seine Harvard-Kollegen Simpson und Mayr nichts von humanoiden Aliens hielt. Würde man „das Band des Lebens zurückspulen“ - so Gould - und noch einmal auf einer jungen Erde die Evolution bei gleichen Anfangsbedingungen starten, so würde die Naturgeschichte völlig anders verlaufen und nichts dabei herauskommen, was uns Menschen auch nur entfernt ähnelte. Intelligent könne es aber trotzdem sein, meinte Gould. Denn wenn Intelligenz an sich evolutionär vorteilhaft ist, so könnte sie doch auch von Wesen ganz anderer Anatomie hervorgebracht werden, von irgendwelchen Klecksen, Filmen, Kugeln oder vielleicht auch einer wabernden Masse wie in Stanislaw Lems Roman „Solaris“, der Vorlage für Tarkowskis Film.
Goulds Sicht deckte sich hier mit der von Carl Sagan. Und da gerade diese beiden Forscher die erfolgreichsten Wissenschaftspopularisatoren im Amerika der 1970er und 1980er Jahre waren, wurde ihr Alien-Bild das für die gebildete Öffentlichkeit maßgebliche: Irgendwo im All sollte es noch andere intelligente Lebensformen geben, die wie wir wissenschaftliche und philosophische Interessen hegen und die dabei schon viel weiter sind - aber sie sehen natürlich ganz anders aus als die Produkte der Creature-Designer in Hollywood. Keinesfalls dürfe die Menschheit glauben, schon das Schlauste zu sein, was der Kosmos je hervorgebracht hat. Ein Kontakt mit solchen, uns weit überlegenen Wesen sei vorstellbar und, falls es dazu kommt, in seiner Auswirkung auf unser Selbstverständnis epochal. Aber das zweibeinige Personal aus „Star Wars“ und „Star Trek“, das sei natürlich eine Lachnummer.
„Sie werden ziemlich so aussehen wie wir“
Dass biologische Fremdartigkeit und geistige Nähe vielleicht doch nicht so gut zusammengehen, wie Sagan und Gould es sich träumen ließen, fiel schon früh auf. Denn wie Forscher täglich erfahren, die nicht nur am Schreibtisch, sondern auch im Labor oder Gelände tätig sind, bedarf es für Wissenschaft und Technik neben eines hinreichend großen Gehirns auch noch geschickter Hände. Ein denkender Plasmaklumpen täte sich mit der Erforschung und Manipulation seiner Umwelt doch etwas schwer. Im selben Jahr 1964, in dem George Gaylord Simpson den Alien-Enthusiasten die Leviten las, schrieb daher ein Biologe namens Robert Bieri: „Wenn es uns gelingt, mit Außerirdischen Kontakt aufzunehmen, dann werden das keine Kugeln, Pyramiden, Würfel oder Pfannkuchen sein. Sie werden ziemlich so aussehen wie wir.“
Das Argument dahinter ist ironischerweise im Grunde dasselbe, mit dem Stephen Jay Gould SETI gegen die Kritik seiner Kollegen aus der Evolutionsbiologie in Schutz nahm: Ja, Evolutionsprozesse sind massiv vom Zufall und den jeweiligen Umweltbedingungen abhängig, trotzdem führen ähnliche Anforderungen der Umwelt bei Organismen ganz verschiedener evolutionärer Herkunft oft zu äußerst ähnlichen Lösungen: Die Verhältnisse im Ozean sind es, die Ichtyosaurus, Thunfisch und Delphin den gleichen Körperbau verliehen haben, obgleich alle drei Tiere völlig verschiedenen Wirbeltiergruppen entstammen, die stammesgeschichtlich miteinander nicht mehr zu tun haben als ein Adler mit einem Seepferdchen oder einer Katze. Dieses von George Gaylord Simpson offenbar unterschätzte evolutionsbiologische Phänomen, Konvergenz genannt, ist weit verbreitet.
Nicht gerade genau fünf Finger
Der britische Paläobiologe Simon Conway Morris von der Cambridge University hält es sogar für mächtig genug, um auf Planeten mit ähnlicher Beschaffenheit wie unsere Erde früher oder später das Auftreten humanoider, intelligenter und am Ende auch wissenschaftlich interessierter Wesen geradezu zu erzwingen. Sie mögen dann vielleicht nicht gerade genau fünf Finger haben, und ihre Vorfahren besaßen statt eines Fells vielleicht Schuppen, Hornplatten oder Federn. Doch spricht laut Conway Morris allerhand dafür, dass sie aufrecht auf zwei Beinen gehen und ihre Umgebung durch ein Linsenaugenpaar betrachten.
Aber wie steht es mit der Biologie auf Planeten, die zwar theoretisch lebensfreundlich sind, weil es dort flüssiges Wasser gibt, deren Oberfläche aber nicht vom gleichen Typ ist wie die unserer Erde? Solche mit deutlich weniger oder sehr viel mehr Wasser etwa, oder einer anders zusammengesetzten Atmosphäre? Dort stellt sich einerseits die Frage, ob sich dort überhaupt höheres Leben entwickeln kann (siehe „Jenseits der Mikroben“). Andererseits war auch unsere Erde nicht immer genau dieselbe. „Es gibt die Tendenz, sich die Erde nur als den Planeten vorzustellen, den wir heute sehen“, sagt der Paläobiologe Andrew Knoll von der Harvard University. „Doch die Geologie sagt uns, dass es da eine ganze Serie verschiedener Erden gegeben hat.“
Von gruseliger Nähe
Über alle Räume und Zeiträume betrachtet dürfte die Evolution auf unserer Erde daher eine größere Vielfalt an Organismenformen hervorgebracht haben und dabei auch auf bizarrere und extremere Designs verfallen sein als alle Creature-Artists der Filmgeschichte zusammen. In den 600 Millionen Jahren seit dem ersten Auftreten komplexer Vielzeller könnte die Evolution daher so ziemlich alle grundlegenden Körperbaupläne ausprobiert haben, die überhaupt funktionieren. Sollte es uns einmal möglich sein, einen anderen Planeten zu besuchen, der ebenfalls mit höherem Leben gesegnet ist, wären wir nicht von der Fremdartigkeit der Fauna dort überrascht, sondern von einer vielleicht umso gruseligeren Nähe.
Vergrößerte Köpfe ohne mitvergrößerte Augen können das Kindchenschema ins Grausige wenden - so in „Independence Day“ (1996). Zu den Zooiden (Tierähnlichen) zählen die Wurmlinge aus „Men in Black“ (1997). Ihr Sozialverhalten allerdings ist eindeutig humanoid. Kindchenschemata sind typisch für die Alien-Ikonographie. Das nutzte Steven Spielberg in „E.T.“ (1982) recht schamlos aus. Humanoider geht’s kaum. Dass Spock aus „Star Trek“ (1966- 2009) kein Homo sapiens ist, erkennt man nur an Ohren und Frisur. Illustration Mart Klein und Miriam Migliazzi Insektoide Aliens wie die Bugs aus „Starship Troopers“ (1997) sind im Film erstaunlich selten. Allerdings sind sie tricktechnisch heikel. Tentakelwesen sind auch eine verbreitete Gruppe von Film-Aliens. Niedlich, wie das Baby aus „Men in Black“ (1997), sind sie eher selten. Meister Yoda aus „Star Wars“, das sympathischste aller Science-Fiction- Wesen, scheint eine Kreuzung aus E.T. und Spock zu sein.
Der Predator trat 1987 gegen Arnold Schwarzenegger an. Die Filmkritiker schätzten das damals gar nicht, heute ist das Wesen Kult. Dem Großhirn der mörderischen Aliens aus „Mars Attacks!“ (1996) fehlt eine Schädeldecke - und es ist auch sonst sehr empfindlich. Die edlen Wilden aus James Camerons Avatar (2009) kamen ebenfalls nicht ohne Mister Spocks spitze Elben-Ohren aus. Der adipöse Zooid Jabba the Hutt aus „Star Wars“ (1983) gleicht nach Ansicht eines Kritikers einem Mischling aus Kröte und Cheshire-Katze. Furchtbar ist viel, doch nichts ist furchtbarer als das „Alien“ (1979). Seinem Schöpfer H.R. Giger brachte es einen Oscar ein.
@ Konstantinos Dafalias: Es geht um mehr als Aquadynamik
Roland Schreiber (RolandSchreiber)
- 05.09.2012, 10:25 Uhr
Ichtyosaurus, Thunfisch und Delphin
Konstantinos Dafalias (ruamzuzler)
- 05.09.2012, 08:52 Uhr
Gibt es Atome? Natürlich, man kann ihren Kern sogar spalten
gisbert heimes (gisbert4)
- 04.09.2012, 23:28 Uhr
Zu SETI : Würden wirklich intelligente Aliens darauf scharf sein,
mit homo sapiens zu reden ?
Karl Mohr (MoriaeEncomium)
- 04.09.2012, 21:37 Uhr
Es gibt einen netten Cartoon
Lars Münzing (Lars7512)
- 04.09.2012, 18:50 Uhr